Mit einem Ford Focus RS verbinden die meisten Rallyesport, brachiale Kraft an der Vorderachse und einen Wendekreis, der es mit einem Sattelzug aufnehmen kann. Das Besondere bei all der Kraft war stets, dass der Kölner es schaffte, diese nur über zwei angetriebene Vorderräder auf die Straße zu bringen. Weder Traktionsverluste noch große Lenkeinsätze mussten dabei in Kauf genommen werden. Freunde des reinen Frontantriebs sind jedoch ab sofort beim Ford RS an der falschen Adresse. Denn das Ingenieursteam hat einsehen müssen, dass ein Allradantrieb bei auf 350 angewachsenen PS allemal Sinn macht. Herausgekommen ist ein noch wendigerer, präziserer und vor allem dirftwilligerer RS mit der Möglichkeit, bis zu 100 Prozent der Motorenkraft an die Hinterachse zu leiten. Noch nie war kontrolliertes Querfahren leichter.

Ein echter Kurvenfresser

Damit nicht nur Könner den 1.529 Kilogramm schweren Kölner durch die Seitenscheibe navigierend bewegen, dafür steht nun neben den Fahrprogrammen Normal, Sport und Track das magisch anziehende Programm mit dem Namen Drift parat. Dabei ist es kein Hexenwerk, was ein simpler Knopfdruck bewirkt. Die Lenkung wird ein wenig unpräziser als in den beiden dynamischen Programmen zuvor, das Gaspedal verändert seine Kennlinie und die Traktionskontrolle wird in den Sportmodus versetzt – so die Theorie. Wer es auf 360-Grad-Kreisel anlegt, kann durch längeres Drücken des ESP-Off-Schalters dieses System auch kompromisslos komplett deaktivieren. Das Resultat ist an einem erhöhten Reifenverschleiß zu erkennen. Wer nicht gerade auf Schmirgelpapier quer durch die Gegend rutscht, schafft aber den vormontierten 19 Zoll-Satz aber dennoch in gut zehn Minuten. An Bord des ziemlich entspannt wirkenden Testfahrers zeigt sich schnell, dass hier Ford an dieser Stelle nicht zu viel versprochen hat.

Dass weiße Gummiwolken und bis zu vier grüne Passagiere nicht alles sind, was der neue Ford Focus RS zu bieten hat, dürfte klar sein. So fällt schon beim ersten Kontakt sein geringes Aggressionspotenzial auf. Sprich, die Heckspoiler-Theke ist ungewohnt zurückhaltend gestaltet. Im Innenraum geht es durchaus komfortabel zu und sowohl der Spritverbrauch als auch der berüchtigte Wendekreis wurden reduziert. In Zahlen ausgedrückt muss nun ein RS-Fahrer 7,7 Liter Super nach 100 Kilometern nachfüllen. Gleichzeitig schafft er es in mindestens einem Zug weniger aus einer engen Parklücke heraus. Was sich noch zum Besseren verändert hat, ist seine Fahrdynamik. Kurz gesagt ist aus einem untersteuernden Kraftmaxe ein leicht zum kontrollierten Übersteuern neigender Kurvenfresser geworden – was selbst auf dem Beifahrersitz erfahrbar wird. Aber auch nur dann, wenn etwas zu flott oder zu spät und somit zu stark in die Kurve eingelenkt wurde. Beim früher als je zuvor möglichen Herausbeschleunigen zieht seine brachiale Kraft von bis zu 470 Newtonmetern den RS offensichtlich ausgezeichnet aus jeder misslichen Lage gerade wieder heraus.

Logikfehler

Für die korrekte Gangwahl steht beim ab 39.000 Euro teuren Ford Focus RS ausschließlich ein manuelles Sechsganggetriebe bereit. Für echte Motorsportfans oder Ford-Testfahrer ist das natürlich kein Hinderungsgrund. Zumal sich der trotz des Antriebswechsels lediglich um 70 Kilogramm schwerer gewordene RS sehr leicht und kommod in den gewünschten Gang versetzen lässt. Wer die 4,7 Sekunden bis zur Tempo 100-Markierung tatsächlich erfahren möchte, sollte mit der Launch Control eigentlich die größten Chancen haben. Bei ersten Tests in Vorserienfahrzeugen weist sie allerdings noch ernste Funktionsdefizite auf, die selbst dem Testpersonal noch die eine oder andere Sorgenfalte auf die Stirn zaubern. Laut Ford sollen diese natürlich bei der Markteinführung korrigiert sein. Der 4,39 Meter lange und 2,01 Meter breite Fünftürer schafft aber auch ohne die Ampelstartunterstützung im Nu 266 Kilometer pro Stunde. Dank des 2,3 Liter großen Reihenvierzylinders mit Turboaufladung tritt zu keinem Zeitpunkt das Gefühl auf, am Ende des Tages doch ein wenig mehr Leistung zu vermissen.

Einzig beim zufälligen Erspähen des aufblinkenden RS-Logos im Tachobereich vermisst sogar der Beifahrer eine gewisse Logik im Betriebsablauf. Denn in Beschleunigungssituationen, bei denen normalerweise nicht der Blick nach unten auf die dunkle Tachoscheibe gerichtet wird, blinkt jenes Logo auf, wenn der Schaltzeitpunkt erreicht ist. Ein paar Zentimeter höher und es würde ins periphere Sichtfeld wandern. So ist es leider völlig wirkungslos – oder dient lediglich dem Mitfahrer als Schaltpunktansagen-Zeitpunkt. Alles in allem zeigt Ford mit dem neuen RS, dass nicht nur der Fahrer bei einem fahrzeuggemäßen Umgang richtig viel kontrollierten Spaß haben kann. Alternativen, wie der wesentlich teurere Mercedes-AMG A 45 4Matic, müssen sich trotz Mehr-PS auf einen heißen Konkurrenzkampf gefasst machen.