Ein Schuljunge winkt freundlich als der Lotus Evora 400 mit brabbelndem Motor an einer roten Ampel in einem Städtchen in der englischen Grafschaft Norfolk zum Stehen kommt, ein älterer Herr nickt anerkennend. Lotus-Chef Jean-Marc Gales hat also recht, wenn er sagt: “Lotus ist Norfolk und Norfolk ist Lotus.” Die traditionsreiche Marke hat offensichtlich eine treue Fan-Gemeinschaft im Osten Englands.

Mit der neuen Evora soll diese sich nun weltweit vergrößern ? China und die USA gelten als die Absatzmärkte der Zukunft. Komfortabler als das Vorgänger-Modell soll die Evora 400 neue Kundengruppen gewinnen. Der Einstieg ist leichter, die Heizung besser, die Rücksitze sogar einigermaßen nutzbar. Wer jetzt denkt die Evora habe ihre Lotus-Rennsport-Gene vergessen, täuscht sich gewaltig. 56 PS stärker und 42 Kilogramm leichter als der Vorgänger: Der 406 PS starke Sportwagen ist eine Fahrmaschine reinsten Wassers

Das Cockpit ist auf den Fahrer zugeschnitten, die Sparco-Sportsitze umfassen den Piloten perfekt. Keine unnötigen Schalter lenken ab. Edel die Haptik und Optik der Materialien im Innenraum ? weitestgehend Handarbeit made in England. Insbesondere das Lenkrad sticht ins Auge. Dank dem Einsatz von Magnesium ist es superleicht. Dadurch gibt es direkte Rückmeldung über die Beschaffenheit der teils holprigen englischen Landstraßen, während unserer Testfahrt rund um den Lotus-Stammsitz Hethel.
Präzise lässt sich die Evora 400 durch die engen Kurven zirkeln. Fahrmodus-Schalter auf Sport , schon ist das Ansprechverhalten des Motors noch agiler, sein Sound noch aggressiver. Der 3,5 Liter V6, der fast unmittelbar im Nacken des Fahrers sitzt faucht und bellt: “Schneller, schneller!” Da fällt es schwer, sich an das englische Tempolimit von 60 Meilen (96 km/h) auf Landstraßen zu halten.

Dabei scheint es, als ob andere Verkehrsteilnehmer extra den Weg frei machen, wenn der lautbollernde Lotus angeschossen kommt. Lieferwagen fahren kurz an den Straßenrand und winken freundlich durch, wenn der stärkste Lotus Straßenwagen aller Zeiten im Rückspiegel erscheint. Der eigene Rückspiegel ist eher nutzlos. Es sei denn der Fahrer will sehen, wie sich der Motor unter der gläsernen Motorhaube im Heck schüttelt, wenn er seine 410 Nm Drehmoment in Vortrieb umwandelt.

Doch der Blick in den Spiegel sollte nicht zu lange dauern. Aufmerksamkeit ist gefordert. Schließlich absolviert die nur 1.395 Kilogramm leichte Evora 400 den Sprint von Null auf 100 km/h in gerade einmal 4,2 Sekunden. Der Vortrieb endet erst bei der magischen 300 km/h-Marke. Auf Englands Straßen ist das freilich nicht erlaubt. Auf der Lotus-eigenen Rennstrecke in Hethel schaffen versierte Piloten 260 km/h bevor die nächste Schikane die Beschleunigungsorgie stoppt. Im Notfall bremst das ESP von Bosch die Evora in der Kurve wieder ein. Die Lotus-Entwickler verfeinerten die Einstellungen des Elektronischen Stabilitätsprogramms. Der Eingriff kommt nun zwar früher als bei älteren Versionen, ist aber dafür sanfter und durchaus tauglich für eine schnelle Runde auf dem Rundkurs.

Ohnehin ist die Rennstrecke – neben kurvigen Landstraßen – das ureigene Jagdrevier der Evora 400. Fahrmodus-Schalter auf Race und das eigene Adrenalin-Level erklimmt ungeahnte Höhen. Die größte Freude bereitet neben dabei der Beschleunigung und der äußerst präzisen Lenkung das heisere Röhren des V6. Eigentlich stammt der aus dem Toyota Camry. Die Lotus-Ingenieure sorgten mit zahlreichen Modifikationen für ein Klangerlebnis, das jedes Rockfestival alt aussehen lässt. Da stellt sich die Frage, wer beim Evora-Fahren überhaupt das Radio einschaltet? Stattdessen Gaspedal bis aufs Bodenblech durchgedrückt und die 400 Pferde unter der Haube singen im Chor, während der Kompressor de Takt vorgibt.

Wer sich spätestens jetzt in den jüngsten Lotus-Spross verliebt hat, sollte seinen Chef gleich freundlich um eine Gehaltserhöhung bitten. Die Evora 400 kostet in Deutschland mindestens 96.000 Euro ? also rund 20.000 Euro mehr als die Vorgänger-Version. Besser wäre es noch etwas mehr Geld zurückzulegen. Schließlich fällt das Aussteigen nicht wegen der niedrigen Sitzposition schwer, sondern weil Evora-Fahren süchtig macht. Da ist es besser etwas Extra-Cash für die nächste Tankfüllung parat zu haben. Marktstart ist im August. Wer auf Oben-ohne-Fahrspaß steht, muss sich bis Juli 2016 gedulden, dann kommt die Roadster-Variante der Evora 400.

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Aus England berichtet Gabriel Pankow