Die einstige Zechenstadt Bochum hat sich im Laufe der Jahrzehnte zum Industriestandort für große Welt-Unternehmen gemausert. Ob Nokia oder Opel, der Kohlenpott bietet vielen tausend Spezialisten und Experten Arbeit. Bis, ja bis sich genau diese Unternehmen dazu entschlossen, ihre Werke zu schließen. Am 5. Dezember 2014 um 0:27 Uhr lief nun das letzte Fahrzeug mit dem Blitz in der Front vom Band. Warum? Das Stichwort heißt Überkapazitäten, oder schlicht: dieses Werk ist überflüssig. Zwar sollen noch bis zum 12. Dezember einzelne Autos ausgeliefert werden, doch sind die schon längst produziert und stehen auf einem der gewaltigen Parkplätze des riesigen, 700.000 Quadratmeter großen Fabrikgeländes. Einem Gelände, das einst auf Bergbaugrund errichtet wurde, als sich das Zechensterben bereits andeutete. Da wundert es kaum, dass direkt nach der der Eröffnung 1962 von den fast 10.000 Arbeitern viele aus dem Bergbau kamen.

52 Jahre, also mehrere Arbeitergenerationen lang, wurden hier Fahrzeuge wie zuletzt der Zafira produziert. Jetzt muss bis zum 31. Juni der gesamte Komplex leergeräumt und besenrein übergeben werden. Die Nachfolgegesellschaft Bochum 2022 übernimmt dann die Regentschaft über das Gelände. Als erste Amtshandlung sollen 50 Millionen Euro für eine Sanierung ausgegeben werden. Ein logischer Schritt, sollen doch möglichst viele Investoren vom Kauf überzeugt werden. Mit der Post, die 2016 hier ein Paketzentrum mit 600 Mitarbeitern eröffnen möchte, hat sich bislang zumindest einer gefunden.

Für die zuletzt bis zu 3.000 Opelaner ist dies natürlich kein Trost. Die meisten von ihnen werden zwar für rund zwei Jahre in eine Transfergesellschaft wechseln. Doch die Angst ist selbstverständlich bei nahezu jedem zu spüren. Eine Angst, die nicht nur die direkt in Bochum stationierten Angestellten, sondern auch die Zulieferer in der Umgebung betrifft. Kurz gesagt, die Werksschließung von Opel ist ein erneut schwerer Schlag für die mit einer Arbeitslosenquote von fast zehn Prozent kämpfenden Stadt. Oder wie die Bochumer Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz im besten Politikerdeutsch meint: „Die Entscheidung ist sehr bitter.“

Will man der Schließung etwas Gutes abgewinnen, so reduziert sich dies auf den Verbleib von zwei der letzten vom Band gelaufenen Fahrzeuge. Einer der beiden Zafira Tourer wird dem Projekt Theater Total übergeben, einer Initiative, bei der erfahrene und jüngere Künstler gemeinsam Stücke erarbeiten und auf Tournee gehen. Der zweite Zafira steht ab sofort dem Paritätischen Wohlfahrtsverband Bochum zur Verfügung. Dort wird der Großraum-Van für Umzüge und ähnliche Transporte Verwendung finden und damit ganz anderen Zwecken dienen, als es zum Beispiel ein anderer in Bochum produzierter Opel jemals könnte. Denn eines, wenn nicht das extravaganteste Opel-Modell überhaupt, der GT, wurde zwischen 1968 und 1973 hier mitten im Pott gebaut. Knapp 103.000 Exemplare des Hinguckers, der mit den Worten „nur Fliegen ist schöner“ beworben wurde, verließen das Bochumer-Werksgelände.

Neben dem stark taillierten GT sorgten auch Ascona und Manta für eine wahre Hochzeit im Opel-Lager. Mehr als 20.000 Angestellte zählte das Werk zu dieser goldenen Zeit. Die 1. Bundesliga der Automobilindustrie war erreicht – lang ist’s her. Davon kann auch der Fußball-Verein VfL ein Lied singen, der 1971 den Aufstieg in die höchste Klasse schaffte, sich bis 1993 den Titel des Unabsteigbaren verdiente und über das Image des Fahrstuhlvereins nun zur Zweitklassigkeit degradiert wurde. Jetzt, nach mehr als 13,7 Millionen produzierten Fahrzeugen, ist also Schicht im Automobilen-Opel-Schacht – von einst 361.994 Fahrzeugen im Jahr auf null. Oder, wie Herbert Grönemeyer es vielleicht sagen würde: „Bochum, ich kam aus Dir.“

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Marcel Sommer; press-inform