Ende der 1950er Jahre reifte in der Porsche-Rennabteilung die Entscheidung, dass man den 356er aufpeppen musste, um erfolgreich zu bleiben. Denn die Konkurrenz aus England und Italien fuhr den Zuffenhausenern gehörig um die Ohren. Und wenn Schwaben eines nicht vertragen, dann sind das Niederlagen. Das war früher schon so und hat sich bis heute nur unwesentlich geändert. Um wieder um Siege mitzukämpfen, musste eine radikale Diät her - soviel war klar. Bei den Motoren waren keine großen Sprünge zu erwarten.

Um die Abspeckkur durchzuführen, blickte man über die Alpen und holte Carlo Abarth ins Boot. Der gebürtige Österreicher hatte sich bereits einen Namen als radikaler Tuner und Gewichtsexperte gemacht. Eigentlich war Karl (so sein eigentlicher Geburtsname) ein Experte für Fiat und Simca, nahm aber den Auftrag aus Deutschland nur zu gerne an. Ferry Porsche selbst hatte gemeinsam mit dem Chef-Ingenieur Klaus von Rücker den italienischen Österreicher am Rande der IAA 1959 getroffen und die Zusammenarbeit besiegelt.

Die Zeit drängte. Nach nur drei Wochen sollten die ersten Entwürfe fertig sein. Schon damals liefen solche Geschäfte nicht ohne Nebengeräusche ab. Ugo Zagato kam ins Porsche-Werk und wunderte sich, warum der Auftrag über Carlo Abarth abgewickelt werden würde und nicht direkt bei ihm. "Die Herren verabschiedeten sich und fuhren weg", heißt es in einem internen Porsche-Schreiben, das der Leiter des Konstruktionsbüro Franz Xaver Reimspieß unter dem nüchternen Betreff "Besuch Zagato" am 25.11.1959 verfasst hatte. Das Carlo Abarth nicht immer ganz pflegeleicht war, wird ein paar Sätze später klar: "Bei meinem letzten Besuch in Turin bei Abarth habe ich Herrn Abarth auch gefragt, wo er die Karosserien herstellen lässt, worauf er mir ziemlich kurz bedeutete, das weiß ich noch nicht, vielleicht auch bei Zagato." Letztlich bekam Zagato das gewünschte Stück vom Kuchen.

Puristische Rennmaschine

Sobald Abarth sich an die Arbeit machte, ging er nur wenig Kompromisse ein. Das war Porsche klar. Aus dem 356er sollte ein leichter und wendiger GT-Wagen werden. Das grundlegende Design der aerodynamisch optimierten Karosserie stammte von Franco Scaglione, einem italienischen Flugzeug-Ingenieur, der schon bei Bertone sein Können unter Beweis gestellt hatte und aus dessen Feder die Alfa Romeo Giulietta Sprint stammte. Innerhalb von drei Wochen lieferte Abarth die Konzeption für den Sportwagen ab, dessen Basis der Porsche 356 B war. Die Radikalkur brachte den gewünschten Erfolg: Der Porsche 356 B 1600 Carrera GTL Abarth wog rund etwa 780 Kilogramm und war damit circa 120 Kilogramm leichter als der Normalo-Carrera, war 13 Zentimeter niedriger und kürzer sowie zwölf Zentimeter schmaler.

Das Resultat - ein flacher Sportwagen - hat heute noch eine Präsenz, wie man sie nur selten findet. Nicht alles ist schön, hier folgt die Form der Funktion. Angesichts der ausklappbaren Lufthutze, die wie ein Winzerkorb auf der Motorhaube "thront", schlägt fast jeder Ästhet die Hände über dem Kopf zusammen. Bei der Qualität musste man ebenfalls dem Tempo der Produktion und auf der Strecke Tribut zollen. Am 21.11.1959 teilte Abarth mit: "Wie Herr Arbarth mit Ihrem sehr geehrten Herrn Porsche vereinbart hat, werden die Karosserien in Rennausführung geliefert und nicht in der hohen Porsche-Qualität." Der Ich-Nehme-Alles-Unnötige-Raus-Kunstgriff brachte drei GT-Weltmeisterschaften, Klassensiege in Le-Mans, bei den 24-Stunden vom Nürburgring und der Targa Florio. Die Fahrer rissen sich förmlich darum, das schmale Lenkrad in die Hand nehmen zu dürfen. Das Privileg ist selten - nur 21 Stück des Carrera Abarth wurden gebaut.

Dezibel-Tsunami mit Sucht-Potenzial

Sobald man den Triple-Porsche entert, wabert allerdings nicht der Duft des Erfolges durch das Cockpit, sondern der betäubende Geruch von Benzin. Platz ist Luxus, genauso wie Verkleidungen. Kabel hängen offen im Cockpit, die Türen werden mit Lederschlaufen zugezogen und das infernalische metallische Sägen des berühmten Fuhrmann-Vierzylinder-Boxer-Motors mit rund 135 PS ertönt. Das Triebwerk mit den zwei obenliegenden Nockenwellen, die über vier Königswellen gesteuert werden, brüllt den Fahrer mit jeder Umdrehungen der Kurbelwelle an: "Tritt mich!" Wie es sich für einen Porsche gehört, muss das Triebwerk brutal gedreht werden, damit es sein Potenzial auch voll ausreizt.

Wer das 1.6-Liter-Wunderwerk frei jubeln lässt, kommt aus dem Zungeschnalzen nicht mehr heraus und hat am Ende des Tages klingelnde Ohren. Trotzdem: Der Dezibel-Tsunami hat Sucht-Potenzial. Der Vortrieb des Abarth-Porsches beeindruckt auch nach knapp 60 Jahren. Dieser 356er ist eine puristische Rennmaschine, die an der Hand eines echten Meisters das Letzte aus sich herausholt. Das Fahren ist eine Kunst. Auch der Italo-Zuffenhausener hat ein nervöses Heck, das sehr schnell zuckt, wenn man es übertreibt. Je nach Übersetzung sind bis zu 230 km/h drin. Angst, liegen zu bleiben muss man nicht haben, mit einem riesigen Hebel schaltet man den Reservetank zu.