Eines vorweg: die paar schnellen Runden auf der Rennstrecke von Portimao können getrost als bewusstseinserweiterndes Erlebnis eingestuft werden und auch auf Landstraße oder Autobahn vergeht einem Hören wie Sehen. Dieser Über-Elfer namens 911 GT2 RS kann Bäume versetzen und fahrdynamische Grenzen verschieben - zumindest scheint es so. Bereits der Vorgänger, ab 2010 gerade einmal in einer überschaubaren Stückzahl von 600 Fahrzeugen über den USA, England und Deutschland verteilt, raubte seinem Piloten vor Begeisterung den Atem. Doch was der neue GT2 RS mit seinem Fahrer nach ein paar schnellen Runden auf dem 4,2 Kilometer langen Portimao-Kurs im Grenzbereich anstellt, ist mit Worten nur schwer zu beschreiben. "Sie sitzen gerade in dem extremsten Porsche 911 aller Zeiten", sagt Baureihenleiter Andreas Peuninger, "eine Demonstration, wie weit wir gehen können." Dem ist wenig hinzuzufügen.

An sich hätte man es bereits vorher erahnen können, denn der Porsche 911 GT2 RS hält mit seinen motorsportlichen Ambitionen keinesfalls hinter dem Berg. Mächtige Lufteinlässe vorn und hinter den Türen beeindrucken den Betrachter ebenso wie die Auslässe am Hinterteil oder der gigantische Heckflügel, der sich manuell verstellbar Fahrer und Streckenprofil anpasst. Nur durch sein imposantes Spoilerornat bleibt der Bolide bei heißen Tempi überhaupt auf der Straße, denn die zahlreichen größeren und kleineren Aerodynamikmaßnahmen generieren einen Abtrieb von realitätsfernen 312 Kilogramm (105 kg vorn / 207 kg hinten) im Straßentrimm und noch spektakuläreren 416 Kilogramm (145 kg vorn / 271 kg hinten) in der Rennstreckenabstimmung. So erklärt sich auch das atemlose Spurtpotenzial 0 auf 100 km/h in 2,8 Sekunden oder eine Höchstgeschwindigkeit von 340 km/h.

Dabei lässt sich das Leergewicht des Rennwagens von 1.470 Kilogramm durch die Bestellung des Weissach-Pakets noch um wertvolle 30 Kilogramm reduzieren, wenn an der Karosserie einige Leichtbaukomponenten aus Karbon, Titan und Magnesium, erstmals eingeführt im 918 Spyder, verbaut wurden. „Eine der Sachen, die mich bei der ersten Fahrt mit dem Wagen am meisten beeindruckt hat, war wie präzise und einfach sich die Front durch Kurven steuern ließ“, erklärt Rallyelegende Walter Röhrl in gewohnt plastischer Weise mit Händen am imaginären Lenkrad.

Dafür gibt es gute Gründe, denn erstmals wurden in einem Porsche alle Fahrwerksgelenke als Stahlmodule gefertigt, was sich in einer grandios direkten Verbindung zwischen Chassis und Karosserie bemerkbar macht. Das Hightech-Paket des GT2 RS wird von bekannten Komponenten wie dynamischen Motorlagern, steiferen Federn mit variablen Dämpfern sowie einem einstellbaren Fahrwerk inklusiv Sturz, Spur und Stabilisatoren komplettiert. Damit die mächtige Motorleistung des Turbotriebwerks auch artgerecht auf die Fahrbahn gebannt wird, gibt es Hinterachslenkung, Differenzialsperre mit Torque Vectoring und einen Hochgeschwindigkeitsradsatz mit Magnesiumfelgen, auf denen 265er Reifen vorn und 325er Pneus hinten in jeder Kurve wahre Wunder vollbringen.

Von null auf 200 in 8,3 Sekunden und trotzdem alltagstauglich

Doch was wäre derartige Rennsportfeinkost ohne diesen spektakulärem Sechszylinderboxer mit 3,8 Litern Hubraum, der mit seiner doppelten Aufladung von jeweils bis zu 1,5 bar statt der 580 PS des 911 Turbo S beängstigend brüllende 700 PS an die Hinterachse leitet? Das sind 200 Kubikzentimeter, 80 PS und 50 Nm mehr als beim alles andere als blassen Vorgänger, der einem nicht nur mit seinen 700 Nm bereits dauerhaft den Atem verschlug. Erstmals ist der Porsche 911 GT2 RS mit einem siebenstufigen Doppelkupplungsgetriebe kombiniert, was die Gangwechsel schneller und präziser als je zuvor erscheinen lässt. In 8,3 Sekunden rast die 200er-Marke vorbei und wer aus dem Stand Vollgas gibt, weiß nicht, ob ihm die vorbeifliegende Umgebung oder der einzigartige Boxersound bis über 7.000-Touren-Marke mehr die Sinne rauben. So beeindruckend und atemlos einen der 911 GT2 RS auf einer Rennstrecke, kurvigen Landstraße oder der Autobahn am griffigen Steuer verharren lässt, so alltagstauglich zeigt sich der Bolide im Alltagsbetrieb. Im Normalmodus geht es entspannt, wenn auch etwas holprig über die Unebenheiten des gewöhnlichen Straßenverkehrs.

Der Normverbrauch: 11,8 Liter SuperPlus. Wird es für die Frontschürze eng, kann die Nase elektrisch um bis zu drei Zentimeter nach oben gefahren werden, um schmerzhaften Beschädigungen vorzubeugen. Man will sein 285.220 Euro teures Spielzeug am Abend schließlich in dem Zustand wieder in die bestens gesicherte Garage stellen, wie man es am Morgen herausgefahren hat. Ob das eigene Fahrvermögen dabei in der turbulenten Zwischenzeit gereicht hat, um die Nordschleife des Nürburgrings in der Rekordzeit von 6,47 Minuten zu umrunden, spielt wohl nur vor dem eigenen Spiegelbild eine Rolle. Alle anderen sind sowieso beeindruckt, egal wie die Zeit auch war. Dafür sorgt schon das Auto allein.