An einer Steigung kurz vor dem Nordkap macht der "Tiroler Adler" schlapp. Der tiefe Schnee wird dem Porsche 944 Turbo zum Verhängnis: Nichts geht mehr. Das Transaxle-Prinzip - also Motor vorne, Getriebe hinten - macht die Sache nicht besser. Es fehlt einfach am dringend benötigten Gewicht auf der Hinterachse, um die lange Anhöhe zu überwinden. Letztendlich macht ein Abschleppseil am Haken eines Porsche Panamera 4S den Weltenbummler wieder flott und die Reise zum nördlichsten Festlandpunkt Europas kann weitergehen. Dennoch ist die Natur unwirklich, rau und wirsch. Der Wind peitscht ins Gesicht und die kleinen Eiskugeln malträtieren die Haut wie Mini-Schrottkugeln.

Der wie eine Litfaßsäule beklebte Porsche 944 mit dem tierischen Spitznamen ist nicht irgendein Auto aus Zuffenhausen. Vor 31 Jahren schaffte der 220 PS starke Sportwagen drei Einträge in das Guinnessbuch der Rekorde: erste Weltumrundung eines Autos im Winter, erste Weltumrundung eines Autos mit Katalysator und schnellste Weltumrundung eines serienmäßigen Autos. In 31 Tagen schaffte der Österreicher Gerhard Plattner die 41.140 Kilometer. Jules Vernes Romanheld Phileas Fogg brauchte 80 Tage für dieses Kunststück. Um die Rechtmäßigkeit der Rekordfahrt zu beweisen, geht Plattner in Reno sogar zur Polizei, um einen Strafzettel mit Datum und Uhrzeit zu bekommen. "Die haben nur gelacht und mir dann eine Verwarnung ausgesprochen. So hatte ich mein offizielles Dokument für das Guinnessbuch der Rekorde", lacht der Tiroler.

Doch die Geschwindigkeit ist nur ein Teil der Erfolgsstory. "Bleifrei um die ganze Welt" prangt in grünen Buchstaben auf dem weißen Lack. Mit der Marathon-Fahrt durch fünf Kontinente und Temperaturunterschied von - 28 Grad bis 41 Grad will Porsche die Leistungsfähigkeit des Katalysators auch unter extremen Bedingungen unter Beweis stellen. Denn die Autofahrer stehen der neuen Technik, die Mitte der 1980er Jahre in die Fahrzeuge integriert wurde, skeptisch gegenüber. Der deutsche Autofahrer befürchtet Leistungsverlust und unzuverlässige Technik. "Nein, diesen neumodischen Kram brauche ich nicht", tönt es aus allen Ecken der Republik. Mit der Rekordfahrt will der schwäbische Autobauer diese Bedenken zerstreuen. Porsche geht mit gutem Beispiel voran: Anfang Februar 1986 ordnet der Vorstand an, dass alle Dienstwagen nur noch mit Katalysator bestellt werden dürfen.

Launische Diva

Die Route der Rekordfahrt führt durch fünf Kontinente: Die afrikanische Wüste und der australische Outback sind genauso Teil der Fahrt, wie das eiskalte Oslo. Trotz aller Strapazen läuft alles glatt, ausgerechnet in der Nähe von Hamburg, wäre das Unterfangen beinahe zu Ende gewesen: Auf der Autobahn schert ein Lkw direkt vor dem Porsche aus, um einen anderen Brummi zu überholen - bei Tempo 200 ein Horrorszenario. Plattner bleibt nur noch der Weg auf den Mittelstreifen, da sorgt ein Stein für weitere Schwierigkeiten und das Rekord -Fahrzeug macht Bekanntschaft mit der Leitplanke. Noch heute ziert eine Delle den vorderen linken Kotflügel. "Da haben mir Erfahrung und Glück geholfen", erinnert sich Gerhard Plattner. Danach geht es im Großen und Ganzen unfallfrei weiter. Im Süden Argentiniens erspäht der Rekordfahrer eine Pinguin-Kolonie und steuert sein Fahrzeug sachte hinein. Die Seevögel nehmen den unerwarteten Besuch ganz locker hin. "Die waren total entspannt und neugierig, aber heute geniere ich mich ein bisschen für diese Aktion. Ich dachte halt, dass das Motiv für ein Photo ganz gut wäre", sagt Gerhard Plattner. Weiter geht es: Am 28. Februar 1986, genau zum 100. Jahrestag der Erfindung des Automobils erreicht Plattner den Start-Punkt seiner Reise. Die Party in Reno (US-Bundesstaat Nevada) war rauschend. Die Technik hat den Härtetest bestanden.

Eine Fahrt mit diesem automobilen Langstrecken-Veteranen ist auch heute noch ein Erlebnis. Instinktiv erwartet man, das Wüstensand aus dem Handschuhfach fällt, sobald man die Hartplastik-Klappe öffnet. Doch die Sitzposition ist gut und dass das Lenkrad nicht in Länge und Höhe verstellbar ist, stört nullkommanull. Heute hat der Weltenbummler-Porsche rund 167.000 Kilometer auf der Uhr und der Motor schnurrt immer noch wie am ersten Tag. Auch wenn die Porsche-Puristen ob des Audi-Vierzylinders die Nase rümpfen. Die 220 PS haben mit dem rund 1.2 Tonnen schweren Fahrzeug wenig Probleme. Die Schaltung ist knackig und die Lenkung einigermaßen direkt, wie man es von einem Oldtimer erwarten darf.

Der alte Herr ist noch ziemlich rüstig. Auch wenn Porsche-Puristen ob des Audi-Motors und des ungeliebten Transaxle-Konstruktionsprinzips die Nase rümpfen, der Porsche 944 Turbo hat Temperament, das sich bei der Kombination schnelle Kurven und viel Schnee ziemlich schnell bemerkbar macht. Wer im falschen Moment zu stark auf das Gaspedal steigt, wird mit einem veritablen Heckschwenker "belohnt". Allerdings ist der 944er gutmütiger als ein Porsche 911 aus dieser Zeit und lässt sich mit einer schnellen Gegenlenkbewegung wieder zurück in die Spur bringen. Doch die Diva aus Zuffenhausen hat ihre Marotten damit immer noch nicht ganz abgelegt: Selbst Spurrillen und unterschiedliche Reibwerte der Fahrbahnoberfläche lassen das Hinterteil zucken. Doch nach einer Weile ist man die Launen des Veteranen gewöhnt.