| von Stefan Grundhoff

Die Preispositionierung des Range Rover Velar ist erst einmal mutig. Das Spektrum reicht von 56.000 Euro bis exakt zum Doppelten dessen. Da macht der Topdiesel des D 300 mit seinem 300 PS starken V6-Diesel keine Ausnahme. Auch wenn JLR seit kurzem einen 550 PS starken V8-Benziner oben draufsattelt, bietet der Velar D 300 das perfekte Paket. Er hat angesichts des Leergewichts von über zwei Tonnen genau die rechte Motorleistung für Fahrvergnügen, ohne die Effizienz aus den Augen zu verlieren. Soll bloß niemand auf die Idee kommen, sich den schicken Range Rover Velar mit einem der beiden Zweiliter-Diesel mit 180 oder 240 PS in den eigenen Haushalt zu holen. Die sechs Zylinder sind ein Muss und die 221 kW / 300 PS in Verbindung mit dem mächtigen Drehmoment von 700 Nm genau richtig, um zu begeistern. Die 700 Nm liegen ab niedrigen 1.500 U/min an und entsprechend geht es aus den Tiefen des Drehzahlkellers beinahe schon brutal los. Der Allrad-SUV spurtet trotz Übergewicht wild los und beschleunigt in 6,7 Sekunden, die sich schneller anfühlen, als sie sind. Die Höchstgeschwindigkeit: 241 km/h, die längere Hochgeschwindigkeitspassagen nur so vorbeifliegen lassen. Beim Normverbrauch gibt sich der Velar D 300 überraschend zurückhaltend. Zwar ließen sich die in Aussicht gestellten 6,5 Liter Diesel auf 100 Kilometern nicht erreichen, aber mit knapp über acht Litern kann sich der Realverbrauch angesichts der Fahrzeugmasse allemal sehen lassen.

Auch wenn die Geräuschdämmung nicht an das Niveau des Topmodells Range Rover herankommt, säuselt der Velar auch mit dem V6-Diesel leise im Hintergrund vor sich hin und sorgt so bei jedem Tempo für jede Menge Entspannung im Innern. Diese Atmosphäre wird unterstützt von einem ebenso schicken wie edlen Interieur, das im harten Wettbewerb keinen Vergleich scheuen muss. Das Arrangement der beiden Touch-Bildschirme in der Mittelkonsole gehört dabei zum Besten, was derzeit in der Automobilbranche zu bekommen ist. Drehen, drücken, tasten und stellen - dies alles geschieht sehr intuitiv und sieht einfach gut aus. Die beiden Bildschirme sind komplementär zueinander: Wenn oben die Navigation läuft, kann unten die Klimaanlage reguliert oder die Musikquelle ausgewählt werden. Eingewöhnungszeit: kurz. Gefallen: groß.

Die Drehknöpfe sind kontextorientiert und beeinflussen den jeweils angewählten Menüpunkt. Die Bedienung der Touchscreens ähnelt dabei der eines Smartphones. Auf dem Lenkrad geht es mit Touchflächen, wie gut aussehen, weiter. Die Klavierlack-Bedienelemente reagieren auf leichte Berührungen, das neue Head-Up-Display ist gestochen scharf und die 12,3-Zoll TFT-Instrumententafel simuliert Drehzahlmesser und Tachometer ausgezeichnet. Nur die Heizdrähte in der Windschutzscheibe stören, da gibt es bessere Lösungen, wie zum Beispiel eine durchsichtige Folie zwischen den beiden Glasplatten. Wenn es etwas zu mosern gibt, ist das Navigationssystem, was viele Wünsche offenlässt. Um es klar zu sagen: der Unterschied in Bedienung, Funktionen und Komfort zu dem Topsystem von BMW ist gigantisch und auch Audi, Mercedes (mit MB UX) oder Porsche fahren bei der Navigation in einer anderen Liga. Für ein Auto dieser Preisklasse ist das Navigationssystem des Velar schlicht und einfach zu wenig. Da fängt bei einfachen Bedienungen an und hört bei der Navigationskarte und der Bearbeitungsgeschwindigkeit auf. Bitte austauschen! Und zwar so schnell als möglich.

Schwer - trotz Alukarosse

Das kann man vom Innenraum nicht sagen - im Gegenteil. Denn dieser präsentiert sich so, wie man es von einem 4,80 Meter langen Luxus-SUV erwartet. Die Materialen sind schick, die Oberflächen edel und die Verarbeitung durchweg gut. Das gilt auch für das Platzangebot und die Sitze. Die bieten mächtigen Langstreckenkomfort, verwöhnen wenn gewünscht mit einer Massage und passen die Klimatisierung für Beine, Po und Oberschenkel den Wünschen des Fahrers an. Im Winter bei kalten Temperaturen wird es warm; im Sommer sanft gekühlt, was etwas heftiger funktionieren könnte. Der Range Rover Velar ist Dank seines Radstandes von 2,87 Metern nicht nur etwas für die erste Reihe. Auch im Fond lässt es sich mit der Einschränkung, dass die hinteren Kopfstützen komfortabler und höher sein könnten, bequem reisen. Sehr angenehm: die Neigung der Rückenlehne lässt sich elektrisch verstellen - das gefällt auch Kindern und Mitreisenden, die in der zweiten Reihe einmal die Augen zumachen wollen. Der Laderaum fasst 673 Liter, die sich durch Umklappen der Rückbank auf bis zu 1.731 Litern erweitern lassen.

Der Velar teilt sich die bekannte Aluminium -Architektur, die zu 80 Prozent aus Aluminium besteht, mit dem Konzernbruder Jaguar F-Pace. Sein Leergewicht von über zwei Tonnen lässt sich kaum überspielen und dies macht sich gerade bei flotter Gangart oder in schnellen Kurven bemerkbar, in denen der Allradler spürbar nach außen drückt. Die Lenkung ist sehr leichtgängig, aber allemal präzise. Das Aluminium-Fahrwerk hat eine Vorderachse mit Doppelquerlenkern und einer Integrallenker-Achse hinten. Garniert wird das Ganze mit einer Luftfederung, die beim Öffnen der Türen die Karosserie um 40 Millimeter absenkt, um einem das Aus- und Einsteigen zu erleichtern.

Dank der Luftfeder ist der 4,80 Meter lange Brite komfortabel unterwegs ohne dabei schwammig zu sein oder mit den Wankbewegungen zu nerven, die der große Bruder Range Rover nicht verhehlen kann. Hier macht insbesondere der niedrigere Schwerpunkt die Musik. Zudem ist der Range Rover Velat mit einer variablen Drehmomentverteilung unterwegs. Das System verteilt das Drehmoment je nach Fahrsituation mit Hilfe eines Torsen C-Differentials auf die jeweilige Achse und zwar bis zu 100 Prozent. Zum Beispiel wird auf der Autobahn wird die ganze Kraft nach hinten geleitet, wobei die Vorderachse nicht komplett abgekoppelt wird. Das Torque Vectoring realisiert der Velar per Bremseingriffen an den einzelnen Rädern.

Das Preisspektrum des Range Rover Velar ist schlicht gigantisch. Während es für die ordentlich ausgestattete 180-PS-Basisversion bei rund 56.000 Euro losgeht, kostet das Topmodell R-Dynamic HSE in Verbindung mit dem empfehlenswerten 300-PS-Diesel mindestens 86.590 Euro. Wer jedoch angenehme Details wie eine beheizbare Frontscheibe, digitales Radio, 22-Zöller, LED-Scheinwerfer mit mäßig funktionierender Matrix-Ausblendung, Head-Up-Display und klimatisierte Ledersitze in seinem Velar sehen will, drückt den Preis lässig über die 100.000 Euro-Marke. Und wem das alles noch nicht reicht und einen drehmomentstarken Diesel für zu wenig spektakulär hält: ab sofort ist der Range Rover Velar auch als 550 PS starker SV Autobiography zu bekommen. Dann geht es erst bei knapp 109.000 Euro los - allerdings in Topausstattung und mit wummerndem V8-Klang.