Skoda ist in - und wie. Was mit seltsamen Billigmodellen wie Favorit, Felicia und Fabia allzu hemdsärmelig begann, ist längst ein Portfolio, was europaweit keinen Vergleich scheuen muss. Der familientaugliche Skoda Octavia ist ebenso ein Bestseller wie der kompakte Fabia, während die beiden SUV trotz ihrer seltsamen Bezeichnungen Kodiaq und Karoq beste Aussichten auf völlig neue Kundenschichten geben. Doch die Tschechen wollen deutlich mehr.

Digitallabor für die Ideen von morgen 

In der kommenden Dekade soll Skoda den Schritt vom Autohersteller zum Anbieter von Mobilitätsdienstleistungen wagen. Das erzählen von der Billigmarke bis zum Premiumhersteller derzeit viele, doch die VW-Tochter aus Mlada Boleslav sorgt für Belege. Denn die Ideen von morgen und übermorgen entstehen nicht allein in der Firmenzentrale. Um den Aufbruch in neuen Digitalwelten auch räumlich zu unterstreichen, eröffnete Skoda in einem Prager Trendviertel nahe der Moldau jüngst ein modernes Digitallabor. "Wir sind viel mehr als diese 450 Quadratmeter", sagt Digitalexpertin Jarmila Placha, "in diesem Basehub hier laufen jedoch nur die Fäden zusammen. Wir arbeiten mit Start Ups aus der ganzen Welt. Es geht uns nicht um Presse oder PR; wir sind da, um Geld zu verdienen und Kunden zu helfen. Dafür scouten wir intern wie extern." Den Skoda-Modellen von morgen soll diese Ideenschmiede Rückenwind geben.

"Ohne elektrische Autos werden wir die rechtlichen Vorgaben nicht schaffen", erläutert Skodas Produktstratege Guido Haak, "wir gehen im Jahre 2020 in der EU von einem Elektroanteil von acht Prozent aus. 2025 werden es rund 25 Prozent sein; in China mit 30 Prozent etwas mehr." Die Ziele scheinen ambitioniert, denn aktuell liegt der Anteil der Fahrzeuge mit elektrischen Antrieb in unseren Breiten bei gerade einmal 0,57 Prozent, während in China immerhin 1,45 Prozent aller Autos rein elektrisch surren. Die in China so beliebten Motorroller bekommen ohne einen Elektromotor ohnehin keine Zulassung mehr.

Skoda will sich in Europa und China ein nennenswertes Stück vom Elektrokuchen abschneiden und profitiert dabei einmal mehr vom Volkswagen-Konzern. Den Anfang macht dabei das Serienmodell des Skoda Vision E, der auf der Auto Shanghai Mitte April seine Weltpremiere feierte. Design und Technik des rund 4,65 Meter langen Crossovers kamen gut an, doch das Gesicht erntete nicht nur Applaus "So haben wir die Front in den letzten sechs bis acht Wochen nochmals überarbeitet", erklärt Skoda-Designer Marko Jertic.

Skoda Vision E: Reichweite von bis zu 600 Kilometer

Jetzt bietet der Vision E neben dem opulenten LED-Ornat ein echtes Gesicht mit so etwas wie einem Kühlergrill, den man technisch jedoch nicht benötigt. Wenn der Skoda Vision E in der zweiten Hälfte des Jahres 2020 Realität wird, dann werden nach aktuellem Stand Versionen mit 106 kW / 144 PS sowie 225 kW / 306 PS verfügbar sein, die wahlweise nur die Hinterachse oder beide Achsen antreiben. Die beiden Akkupakete mit 50 bzw. 80 kWh ermöglichen rein elektrisch Reichweiten von 400 bis 600 Kilometern. Die in Aussicht gestellte Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h liegt bei der ersten Testfahrt schon wegen der begrenzten Abmessungen der Halle in weiter Ferne. Der digitale Tacho zeigt lichtstark 30, 35, 40 und 45 km/h ehe der Techniker auf dem Beifahrersitz auf die nahende Begrenzungswand hinweist. Kurz den Fuß vom Gas, eingelenkt, wieder beschleunigt und schnell noch eine Runde. Läuft - daran kann man sich in einem Skoda gewöhnen.

Der Innenraum wirkt wohnlich und nicht zuletzt durch die großen Displays im luftigen Armaturenbrett und die iPhones in den Türen modern, während die Sitzposition durch das Akkupaket im Fahrzeugboden noch etwas hoch erscheint und groß gewachsene Insassen den Kopf einziehen müssen. Vom üppigen Platzangebot für Beine und Schultern kann man sich bereits in dem goldgrünen Prototypen überzeugen. Während der Skoda Vision E ein reiner Viersitzer ist, wird das Serienmodell fünf Insassen Platz bieten. Keine Chancen werden die elektrisch gegenläufigen Türen haben, die dem Prototypen ebenso gut stehen, wie die Lichtelemente. Grün, wenn sich die Tür öffnet - rot, wenn sie schließt. Hinter den vier Sesseln gibt es im Kofferabteil 560 Liter Laderaum. "Für uns ist er kein echter SUV, sondern eher ein Crossover, eben ein CUV mit skulpturalen Formen und einer neuen Dreidimensionalität - gerade an den Flanken", erläutert Marko Jertic, "ohne den Verbrennungsmotor können wir in der Front weitgehend auf Lufteinlässe verzichten."

Auf MEB unterwegs zum autonomen Auto

Technisch basiert Skodas Vision E auf dem jüngst von Volkswagen eingeführten, modularen Elektrobaukasten, bei dem Spur und Radstand variabel sind. Auf dem MEB basieren auch Konzernmodelle wie das Volkswagen-Quintett aus dem kompakten I.D., dem elektrischen Bully-Nachfolger I.D. Buzz, sowie der Mittelklasselimousine I.D. Aero und den beiden Crossovern I.D. Crozz und I.D. Lounge. "Derzeit arbeiten wir im Konzern mit zwei Radständen", erläutert Guido Haak in seiner Funktion als Produktmanager, "der des Vision E liegt bei rund drei Metern."

Wie bei allen Fahrzeugen auf dem MEB befinden sich die Batteriezellen zwischen den beiden Achsen im Unterboden. "So können wir einen flachen Boden realisieren. Das gibt uns neue Möglichkeiten in Bezug auf Innenraumgestaltung und autonomes Fahren", unterstreicht Vorstands-Chef Bernhard Maier. Nach der Serienversion des Vision E sollen bis zum Jahre 2025 vier weitere elektrisierte Skoda-Modelle folgen.

Mit dem Elektromodell des Vision E will Skoda einen großen Schritt in Richtung autonomes Fahren machen. Gemäß den Voraussetzungen der Stufe drei für autonomes Fahren soll der Tschechen-Crossover unter anderem selbstständig im Stau fahren, per Autopilot Strecken auf Autobahnen zurücklegen, Überholen, freie Parkplätze suchen sowie allein ein- und ausparken können. Dafür stehen diverse Sensoren mit unterschiedlichen Reichweiten und verschiedene Kameras bereit, die das Verkehrsgeschehen überwachen.