| von Wolfgang Gomoll

Das Rezept klingt einfach: Man nehme einen Audi, verpasse ihm einige Zusatz-PS und garniere das Fahrzeug mit schickem Sichtkarbon und schon hat man die Abt-Variante. Doch das Tuning eines Automobils gleicht dem Zubereiten eines guten Gerichts: Würzt man zu stark, gehen die Teller voll zurück in die Küche. Genau das wollen die Tuning-Köche bei Abt vermeiden. "Wir zielen nicht auf die maximale Höchstleistung, sondern auf Fahrbarkeit und einem harmonischen Drehzahlverlauf", sagt Armin Harlos, Leiter der technischen Entwicklung beim Kemptner Audi-Veredler. Der freundliche Mann mit dem Allgäuer Akzent weiß wovon er spricht, schließlich macht er den Job schon seit gut 28 Jahren.

Schmalhans ist dennoch nicht PS-Küchenmeister. Der Abt Audi RS7-R verspeist mit 540 kW / 740 PS so machen Sportwagen zum Frühstück. Die Allgäuer Kraftmeier sind nicht nur wegen der Motorleistung gefragt, sondern auch aufgrund der Dynamik, die nicht auf Kosten der Alltagstauglichkeit erkauft wird. Doch so etwas schüttelt man nicht einfach aus dem Ärmel: Damit aus einem Ingolstädter Automobil ein Abt Audi wird, ist viel Teamwork und jede Menge Erfahrung nötig.

Die Abt-Transformation dauert sechs bis acht Monate. Ganz unvorbereitet sind die Allgäuer nicht. "Wir stehen im engen Kontakt mit den Zulieferern, die wissen schon, dass wir kommen, und wir wissen, was wann kommt", lächelt der Abt-Entwicklungschef. Der erste Schritt ist das Design, schließlich müssen die Teile angepasst, produziert und die Werkzeuge zum Fertigen des Bodykits hergestellt werden. Wie so ein Abt Automobil ausschauen soll, ist nicht das Werk eines Einzelnen, der im stillen Kämmerlein vor sich hinzeichnet, die Vorschläge werden immer in einer Gruppe diskutiert. Wenn es mit der Entscheidung mal hakt, spricht der Chef in Person von Hans-Jürgen Abt ein Machtwort. "Er hat ein wirklich gutes Gespür, was den Kunden gefällt", erzählt Armin Harlos.

Menschlich-familiärer Ansatz

Aber auch im malerischen Allgäu spricht der schnöde Mammon in Gestalt des Vertriebs beim Entwickeln eines Fahrzeugs ein gewichtiges Wort mit, schließlich müssen die Autos ja auch Abnehmer finden und Geld in die Kassen spülen. Nicht alles, was sich die Technik wünscht, ist wirtschaftlich umsetzbar. Das ist nicht anders als bei einem Volumenhersteller: Das Geschäftsmodell muss stehen. Allerdings haben die Äbte einen großen Vorteil: Bei Veredelungspreisen von rund 70.000 Euro (wie beim aktuellen Abt Audi RS6-R) können sich bei den Materialien und der Technik schon etwas mehr Geld auf den Tisch legen, als das bei der Großserie der Fall ist. Das sieht man dann auch an den Cockpits, in denen reichlich Karbon verbaut ist.

Drei bis vier Monate vor dem Produktionsstart wandert der Audi für drei Wochen auf den Prüfstand. Dort wird der Motor und die Sensoren analysiert: wie ist der Drehmomentverlauf, welche Signale geben die Sensoren und wie ist die Leistungsentfaltung? Dann bekommt der Antrieb den eingangs erwähnten Abt-Touch, zum Beispiel mit einem größeren Turbolader und einem effizienteren Ladeluftkühler. Die Allgäuer Tuningschmiede versteht sich als große Familie und das wird auch beim Entwickeln und Abstimmen der Autos so gelebt. Wichtige Entscheidungen werden im Komitee getroffen und ein Faktor wird trotz der ganzen Technik wertgeschätzt: der Faktor Mensch. "Wir haben schnelle, weil kurze Entscheidungswege", verrät Harlos und fügt hinzu: "Wenn einer einen Rat braucht oder sich mit einer Sache nicht ganz sicher ist, dann wird das gemeinsam durchgesprochen."

Dieser menschlich-familiäre Ansatz kommt bei der Königsdisziplin zum Tragen - dem eigentlichen Abstimmen des Autos. "Wir achten auf ein möglichst ausbalanciertes Set-up", so Harlos. Das wird meistens durch stärkere Stabilisatoren erreicht. Um einem Abt Audi den letzten Schliff zu geben, bietet die nahe Umgebung wunderschöne Strecken. Da kommt es viel auf den berühmten "Popo-Meter" an. Das sollte bei Abt kein Problem sein, denn Rennsport gehört zur DNA des Allgäuer Tuners. Ähnliches gilt auch für die Aerodynamikbauteile. Die Techniker haben aufgrund ihrer Erfahrung eine genaue Vorstellung, wie so ein Bodykit auszusehen hat und welche Auswirkungen die Spoiler haben. "Wir spüren das beim Fahren schon sehr gut", meint Harlos. Zudem tüfteln Ingenieure, die auch schon Rennfahrer bei der Abstimmung ihres Autos betreut haben. Falls dann doch mal eine Simulation über die Auswirkung eines Bauteils notwendig ist, ist die Abt-Rennsportabteilung nur ein paar Schritte entfernt.