| von Wolfgang Gomoll

Aktuell hat man den Eindruck, dass sich bei VW alles um den ID.3 dreht. Doch manchmal hält der Tanz um das goldene Elektro-Kalb inne und der niedersächsische Autobauer erinnert sich an seine Vergangenheit und daran, dass es auch noch andere Autofahrer als die Elektrojünger gibt. Zu den Highlights der Wolfsburger Automobilgeschichte gehört zweifelsohne der GTI. Einst eine Rennsemmel vom Feinsten, dann zwischendurch zur Ausstattungsvariante ohne echte Substanz verkümmert, soll der Volkssportler in der achten Generation jetzt wieder in traditionell dynamischem Glanz und Gloria erstrahlen und dabei noch familientauglich sein.

Zweiteres ist schnell geklärt. Wie im Golf 8 finden auch im Fond Erwachsene gut Platz und der Kofferraum ist mit einem Volumen von 380 bis 1.270 Liter bei umgelegten Rückbanklehnen geräumig genug. Die neue Digitalisierung findet im neuen Cockpit statt, das so weit wie möglich auf klassische Bedienelemente wie Knöpfe, Tasten und Hebel verzichtet. Dafür soll der Großteil der Funktionen per zehn Zoll großem Touchscreen bedient werden. Wenn man sich ein bisschen mit dem Wischen und Drücken beschäftigt hat, findet man sich in den Menüs, die wie Apps angeordnet sind, gut zurecht. Auch die Lautstärkenregelung per Regenrinnen-Berührungselement funktioniert und wer das nicht nutzen mag, findet im Lenkrad noch die entsprechenden Tasten oder eben unterhalb des zentralen Bildschirms, wo man zum Beispiel direkt zur Klimaautomatik-Einstellung kommt. Dass auch im digitalen Kosmos nicht alles Gold ist, was glänzt, wurde uns klar, als sich nach einer Pause beim Neustart der Park-Rangierassistent verabschiedete.

Aber der VW Golf GTI ist zum Fahren gemacht und nicht zum Stehen. Und da haben die Wolfsburger Ingenieure ganze Arbeit geleistet. Der achte Golf GTI bekommt jetzt schon in der Standard-Version den EA 288 Vierzylinderturbo-Benziner mit 180 kW / 245 PS, der bisher der Performance-Variante vorbehalten war. Damit beschleunigt der 1.460 Kilogramm schwere VW-Sportler in 6,3 Sekunden von null auf 100 km/h und ist bis zu 250 km/h schnell. Das sind mehr als ordentliche Werte, da müssen manche BMW 1er ganz schön schnaufen. Aber geradeausfeuern können andere Asphaltathleten, wie der Hyundai i30 N auch. In den Kurven trennt sich auch in der Kompaktklasse die Spreu vom Weizen.

GTI kostet mindestens 35.000 Euro

Das wissen sie auch in Wolfsburg und haben das Fahrwerk deutlich nachgeschärft und den System-Taktstock in die Hand des "Fahrdynamik-Managers" gelegt. Die McPherson-Vorderachse hat steifere Querlenkerlager und auch die Dämpfer und Federn sind neu abgestimmt. Aus der Clubsport-S-Variante des Golf 7 GTI haben sich die Ingenieure den Hilfsrahmen aus Aluminium geschnappt, der drei Kilogramm weniger wiegt als bisher und eine steifere Anbindung hat. Dazu kommen die elektronisch geregelte Vorderachsquersperre (VAQ) und das bekannte XDS Plus, das mit Bremseingriffen für Dynamik sorgt. An der McPherson-Mehrlenkerhinterachse sind unter anderem der Querlenkerlager sowie die Federn und Zusatzfedern neu abgestimmt sowie neue Radträger und Dämpferlager verbaut. Dazu kommen höhere Federraten an beiden Achsen. "Das Auto soll präzise, aber nicht nervös sein", erklärt Fahrdynamiker Karsten Schebsdat.

Mission erfüllt. Das Revier des Golf GTI 8 ist die Landstraße. Der Wolfsburger Kompaktsportler freut sich über jede Richtungsänderung und bleibt auch bei schnell gefahrenen Kurven sehr lange neutral samt leichtfüßigem Heck. Die gute Traktion ist auch ein Resultat der breiteren 19-Zoll-235er-Reifen und der breiteren Spur. Dazu kommt lineare Schub des Vierzylinderbenziners, der im Sport-Fahrprogramm mit einem satten, aber nicht zu aufdringlichen Klang anschiebt. Wer auf Sieg fährt, wählt den Sport-Fahrtmodus, in dem Lenkung und Gas direkter agieren. Die Lenkung meldet pflichtgemäß den Zustand der Straße, könnte sich aber natürlicher anfühlen. Wer nicht unbedingt auf stärkere Rückstellkräfte steht, wählt den Komfort-Modus, der die einzige Alternative ist. Trotz der variablen Dämpfer ist der GTI auch in der Komforteinstellung keine Sänfte, deswegen haben wir uns im Individual-Fahrmodus den Golf passend gemacht, wo man die Härte der Dämpfer in mehreren Stufen einstellen kann. Eine eigens dafür konzipierte Wankstabilisierung gibt es bei diesem GTI übrigens nicht, das wird über die adaptiven Dämpfer geregelt -und das klappt gut. Der Vorderwagen bleibt auch bei schnellen Richtungswechseln weitgehend stabil. Die Sechsgang-Handschaltung könnte etwas knackiger sein und kürzere Wege haben. Die Sitze, selbstverständlich mit Stoff-Mittelbahnen mit Karomuster, sind bequem und geben guten Seitenhalt. Wir kamen auf einen Verbrauch von 9,7 l/100 km, allerdings waren wir des Öfteren mit höheren Drehzahlen unterwegs.

Wie bei VW gewohnt ist das 10,25 Zoll große Cockpit samt virtueller Instrumente konfigurierbar und man findet schnell die klassische Ansicht mit Tacho und Drehzahlmesser. Auch die seitlichen Anzeigefelder kann sich der Fahrer mit verschiedenen Anzeigen füllen. Nur eines ist fast immer vorhanden: die Farbe Rot, die zum GTI gehört. Wer sich diesen guten Familiensportler gönnen will, muss mindestens 35.000 Euro auf der hohen Kante haben.

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