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Ein Zusammenschluss von VW und Fiat Chrysler wäre nicht unproblematisch. Ihre Produktionskapazitäten wären zu hoch und Produktüberschneidungen vorhanden. Bild: Volkswagen

VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech und Vorstandsvorsitzender Martin Winterkorn haben in der Vergangenheit beide schon einmal mit der Marke Alfa des Fiat-Konzerns geliebäugelt. Das ging so weit, dass Fiat-Chef Sergio Marchionne vor zwei Jahren öffentlich zu Piech sagte: “Lass es und versuch es woanders.”

Ein Zusammenschluss der beiden Autobauer wäre nicht unproblematisch. Ihre Produktionskapazitäten wären zu hoch und Produktüberschneidungen vorhanden. Doch jede Beziehung hat so ihre Probleme, und – auf dem Papier – hat Fiat Chrysler seine Reize für Piech und Winterkorn. Auch wenn einige Analysten und VW-Aktionäre es als Dummheit bezeichnen, die Fusion hätte eine gewisse Logik.

Volkswagen musste erst diese Woche die größte Schwäche in der Wachstumsstrategie von Winterkorn eingestehen: Den Wolfsburgern fehlen wettbewerbsfähige Pickups und SUV für den US-Markt im Portfolio. VW will jetzt 900 Millionen Dollar investieren, um im US-Werk in Chattanooga einen neuen großen SUV bauen zu können.

Problemlöser Fiat

Mit dem Erwerb von Fiat Chrysler würde VW auf einen Schlag der drittgrößte Anbieter von großen Pickups in den USA. In Nordamerika haben nicht nur die Pickups der RAM-Baureihe aus dem Chrysler-Konzern einen guten Namen. Die Deutschen könnten mit der Fiat-Übernahme auch Zugriff auf die Marke Jeep bekommen, die auf der ganzen Welt bekannt für ihre allradgetriebenen Fahrzeuge ist – sogar in China. Es wird den VW-Managern nicht entgangen sein, dass die Chinesen vom Bazillus der großen und zünftig aussehenden Geländewagen infiziert werden. Das ist ein profitables Segment, in dem die Wolfsburger eher schwach dastehen.

Auch in Europa wäre der Kauf von Fiat der Schlüssel zur Lösung von Problemen. Der Massenmarkt auf dem alten Kontinent ist gesättigt. Trotz erster Werksschließungen sind die Überkapazitäten weiterhin groß. Die Hersteller können immer noch viel mehr Autos produzieren als sie Käufer für die Wagen finden. Das drückt die Preise in dem Markt, den Volkswagen als größter Anbieter beherrscht.

Theoretisch könnte VW erst Fiat kaufen, dann mehr Werke schließen und so den Markt gesundschrumpfen. Der Preisdruck würde abflauen, VW und die übrig bleibenden Wettbewerber erhielten mehr Preismacht. Die Deutschen könnten sich mit einer Übernahme von Fiat zudem die starke Marktposition des italienisch-amerikanischen Konzerns in Lateinamerika sichern. In China wiederum, wo Fiat und Chrysler kaum eine Rolle spielen, könnte VW ohne Zweifel die eigene starke Position nutzen, um die Marke Jeep weiterzuentwickeln.

Dann gibt es da noch das Juwel aus dem Ferrari-Konzern: Ferrari. Die Supersportwagen-Ikone wäre jedem Autohersteller willkommen. Marchionne hat zwar immer gesagt, Ferrari stehe nicht zum Verkauf. Aber erst im Mai hat er Investoren lang und breit dargelegt, wie groß der potenzielle Wert der Marke ist, den er deutlich über den Analystenschätzungen von 6 Milliarden Dollar ansiedelte.

Fragezeichen Agnelli-Familie

Doch wäre die Agnelli-Familie als Fiat-Großaktionärin überhaupt zum Verkauf ihrer Anteile bereit? Das ist die große Unbekannte in diesem Gedankenspiel. Doch schnell werden Erinnerungen wach, dass die Agnellis im Jahr 2000 durchaus bereit waren, einen Anteil zu verkaufen – damals an General Motors. Die Amerikaner erhielten auch eine Option zum Aufstocken ihrer Beteiligung, verzichteten dann 2005 aber darauf und zahlten sogar 2 Milliarden Dollar für ihren Verzicht auf die Put-Option. Sie halfen Marchionne mit dem Geld, Fiat wieder in die Erfolgsspur zu bringen.

Doch in der deutsch-italienischen Ehe könnte auch viel danebengehen. VW hat zahlreiche eigene Baustellen. So forderte Winterkorn erst kürzlich seine Manager auf, die Anstrengungen zur Reduzierung der Kosten zu verdoppeln und die schwachen Margen zu pushen.

Glücklose Fusionen in der Automobilbranche

Erfolge von Fusionen in der Autobranche sind zudem rar. Das trifft besonders zu, wenn Autohersteller aus unterschiedlichen Ländern und mit verschiedenen Kulturen zusammengehen. Die “Fusion unter Gleichen” im Jahr 1998 zwischen Daimler und der damaligen Chrysler Corp verursachte neun Jahre lang Probleme, bis der Stuttgarter Konzern seinen US-Zukauf wieder an die Beteiligungsgesellschaft Cerberus losschlug.

Auch Ford wurde mit seinen Zuläufen nicht glücklich. Die in den 1990er Jahren gekauften Luxusautomarken Jaguar, Land Rover und Aston Martin haben die Amerikaner alle wieder abgestoßen. BMW bereute den Kauf der britischen Marke Rover bitter und verkaufte sie bis auf die Marke Mini wieder.

Volkswagen lässt es bei Fiat Chrysler vielleicht auf einen Versuch ankommen, vielleicht aber auch nicht. Die Marktkapitalisierung von Fiat Chrysler liegt nur bei 9 Milliarden Euro. Analyst Max Warburton von Bernstein Research schätzt aber, dass eine Übernahme Volkswagen insgesamt 32,7 Milliarden Euro kosten könnte. Dies würde die Gewinne je Aktie um 13 Prozent verwässern. Der Analyst glaubt, dass die Wolfsburger den Ausflug nach Italien mit neuen Schulden oder einer Kapitalerhöhung stemmen könnten. Sein Fazit ist aber ein anderes: Warburton hofft, dass Volkswagen sich lieber auf die Abarbeitung der eigenen Baustellen konzentriert.

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Joseph B. White, Dow Jones Newswires / ks