Martin Winterkorn und Ferdinand Piech, Volkswagen

Die zwei mächtigsten Männer bei Volkswagen: Martin Winterkorn und Ferdinand Piech. Bild: Volkswagen

Für das plötzliche Aus von Produktionschef Michael Macht nannte VW am Freitag zwar keinen Grund – doch gab es zuletzt deutliche Hinweise auf Unzufriedenheit mit seinem Zuständigkeitsbereich. Winterkorn höchstpersönlich kritisierte Mitte Juli vor über 1000 Führungskräften etwa die Fabrikkosten: Die Planung der Anlagen sei oft zu groß, zu komplex und zu teuer – volle Verfügbarkeit sei häufig erst mit Verspätung gewährleistet.

Auch die Umsetzung des zentralen Baukastensystems MQB, mit dem VW aus Kostengründen mehr identische Bauteile in unterschiedliche Modelle bringen will, monierte der Chef. Das Ausrollen der Baukastenstrategie sei “ein echter Kraftakt” – wobei Winterkorn neben Entwicklung und Einkauf auch die Werke erwähnte. Alle seien nun verantwortlich, beim MQB Kostenziele und Termine einzuhalten.

Der Perfektionismus ist weit ausgeprägt in dem Unternehmen, in dem sich Winterkorn als Chef auch um kleinste Details kümmert. Trotzdem droht in dem Riesenkonzern mit seinem rasanten Wachstum einiges aus dem Ruder zu laufen. Die Rendite seiner Kernmarke rund um den Golf steht unter Druck, Winterkorn schlug laut Alarm.

Führungsstruktur

Wer den Aufruhr verstehen will, braucht zwei Dinge: Einen Blick auf die VW-Brücke und einen in den Maschinenraum. Da ist zunächst Winterkorn, Kapitän für das Zwölf-Marken-Reich mit fast 600 000 Mitarbeitern. Er sagt über Führung: “Wir haben das System so scharf gestellt, dass ein Problem binnen kürzester Zeit bei uns ankommt.”

Über Winterkorn steht noch ein Admiral: Der Aufsichtsratschef, Großaktionär und Ex-Konzernboss Ferdinand Piëch. Er sagt über Führung: “Die Vorstellung einer höchstkarätigen inneren Mannschaft von fünf bis zehn Leuten, deren Zusammenspiel wiederum nur ein Einzelner im Detail lenkt, hat mich ein Leben lang nicht losgelassen. Es ist für mich das wichtigste Rezept geblieben, wie man tatsächlich Vorsprung gegenüber dem Wettbewerb erzielen kann.”

Zu diesem straffen Führungsprinzip bei Deutschlands größtem Konzern schrieb das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, das sei wie “Nordkorea minus Arbeitslager”. Das Blatt hatte schon Anfang der Woche über einen möglichen Rauswurf von Macht spekuliert. Auch Vertriebschef Christian Klingler soll demnach in der Schusslinie stehen. Volkswagen wollte den Bericht nicht kommentieren.

Nun zum Maschinenraum: Dort planen Zehntausende Ingenieure nicht nur Design, Hubraum oder Farben. Ein normaler Ingenieur bei VW kümmert sich zum Beispiel um Aktenberge, mit denen er andere, externe Ingenieure bei Dienstleistungsfirmen koordiniert, die wiederum irgendein Teil am Radkasten vorne links planen.

Perfektionismus kontra Komplexität

Oder den Geruch von Fußmatten: Die dürfen bei VW nämlich vom ersten Tag an nicht riechen. In Autos des Wettbewerbs ist das anders. VW-Insider sagen, der Hang zum Perfektionismus drehe sich teils um einen Normfetischismus, den der Kunde nie zu Gesicht bekomme. Solange das tatsächlich die Qualität stützt – etwa die Haltbarkeit fördert oder Geräusche mindert – sei das ja okay. Doch wenn es längst zum Selbstzweck geworden ist?

Komplexität – es ist das Thema bei VW. Einem Konzern, in dem es mehr Außenspiegel als Automodelle gibt. Rund 350 Varianten sind verzeichnet – mit teils erstaunlichen Fähigkeiten: Die Exemplare beim kleinsten VW-Modell, dem Up, sind auf die Last einer schweren Limousine ausgelegt. Das bläht die Entwicklung auf und zieht außerdem Rattenschwänze bis zur Ersatzteilkette nach sich.

Vor den Managern fragte Winterkorn “selbstkritisch”: “Realisieren wir Manches eher, weil es machbar ist und begeistert? Und nicht so sehr, weil es sich gut verkauft oder uns beim Ergebnis voranbringt?” Ein Insider sagt, der interne Wettbewerb zwischen den Marken – etwa Audi gegen Porsche oder Skoda gegen VW – sei zwar gut fürs Produkt. Aber nicht zwingend für die Rendite.

Konzernbetriebsrat Bernd Osterloh denkt ähnlich: Zentralismus sei dort richtig, wo es um Baukästen für die Gleichteilestrategie des Konzerns gehe – also um technologische Steuerung. Aber das mächtige VW-Aufsichtsratsmitglied sieht auch die gesamte Strukturdebatte auf der Agenda. “So wie die Nutzfahrzeuge eine eigene Sparte bilden müssen, um optimal arbeiten zu können, müssen wir auch andere Potenziale in Sparten bündeln.”

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dpa / gp