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Aktie im Fokus: Rezessionsängste belasten Autoaktien - Einstiegschancen möglich.

Befürchtungen, die Weltwirtschaft könnte sich infolge der Staatsschuldenkrise auf dem Weg in den nächsten Abschwung befinden, haben trotz rekordverdächtiger Zweitquartalsergebnisse schwer auf den Titeln gelastet, die in den vergangenen zwei Jahren zu den größten Gewinnern an den Aktienmärkten gehört hatten. Bei den Anlegern wurden böse Erinnerungen an 2008 wach: Damals war die höchst konjunkturanfällige Industrie massiv eigebrochen, nachdem die Autokäufer wegen der Finanzkrise einen weiten Bogen um die Verkäufsläden gemacht hatten.

Einige Analysten sehen nach dem Ausverkauf aber Einstiegsmöglichkeiten. Die meisten Branchenexperten schätzen dabei die Kursaussichten der deutschen Hersteller Daimler, BMW und Volkswagen insgesamt besser ein als die der Rivalen Peugeot-Citroen, Renault und Fiat. So zum Beispiel Ranjit Unnithan von J.P. Morgan. Seine Begründung: Angesichts des schwierigen gesamtwirtschaftlichen Umfelds und der jüngsten Marktkorrektur dürften Investoren sich vor allem auf Unternehmen mit starkem Umsatzwachstum, gesunden Margen und starken Bilanzen verlassen. Attribute, die die Deutschen allesamt erfüllen.

Trotz Absatzboom könnte eine mögliche Wirtschaftskrise auch die Autobauer treffen

Die Autoindustrie boomte zuletzt wie selten zuvor. Das abgelaufene zweite Quartal war gerade für die deutschen Hersteller das erfolgreichste aller Zeiten. Die hohe Nachfrage in Schwellenländern wie China und Brasilien sowie die Erholung der krisengebeutelten Märkte in den USA und Russland trieben die Verkaufszahlen und bescherten den Unternehmen neue Rekorde. Die Premiumhersteller profitierten insbesondere von der stark wachsenden Zahl solventer chinesischer Käufer, die sich überwiegend für die hochpreisigen Topmodelle entschieden und damit die Gewinnmargen von BMW und Co. in bis dato kaum für möglich gehaltene Höhen trieben.

Seit sich allerdings verstärkt die Sorgen über ein erneutes Abrutschen in die Krise breitmachen, geht es für die Titel steil bergab. Das Kalkül der Anleger: Wirtschaftskrisen haben oftmals unmittelbare Auswirkungen auf die Absatzvolumina der Autohersteller, da Kunden in schlechten Zeiten größere Anschaffungen meiden. Deshalb reagiert der Markt nervös, seit von einer möglichen Rezession die Rede ist.

Auch Sanford-Bernstein-Analyst Max Warburton traut vor allem den deutschen Konzernen steigende Bewertungen zu, sollten sie ihre Ertragsniveaus halten können. Vorausgesetzt, die Weltwirtschaft wachse weiter, seien vor allem Daimler- und BMW-Aktien aufgrund der robusten Fundamentaldaten und der niedrigen Bewertung attraktiv. Auch sollte sich eine Rezession ergeben, bleibt Warburton bei dieser Einschätzung und verweist auf die hohe Liquidität der Unternehmen.

Aktuell sieht der Analyst allerdings keine Anzeichen einer ernsten Abschwächung der Märkte. Auch Jochen Gehrke von der Deutschen Bank warnte in seiner jüngsten Studie zwar davor, dass eine mögliche Rezession die Automobilaktien weiter gen Süden schicken könnte. Allerdings seien die Absatzvolumina weiter robust, weshalb noch nicht von einem Rezessionsszenario auszugehen sei.

Sollte es nach dem jüngsten Ausverkauf wieder bergauf gehen, könnte die Trendwende von der Daimler-Aktie angeführt werden, meint Georg Stürzer von UniCredit. Das ist das Ergebnis einer Szenario-Analyse, bei der der Analyst Rückgänge bei den potenziellen Verkaufszahlen von bis zu 10 Prozent unterstellt.

Daimler dürfte – vorausgesetzt die Weltwirtschaft gleitet nicht in die nächste Krise ab – mit ihrer Tochter Mercedes-Benz nicht nur von der anhaltend hohen Nachfrage nach Oberklasseautos profitieren, sondern kann zudem auf Rückenwind aus dem margenträchtigen Nutzfahrzeuggeschäft hoffen. Außerdem hat die Daimler-Aktie im Vergleich zu anderen Automobilunternehmen noch Nachholbedarf, da sie sich auch in der Erholungsphase relativ schwächer entwickelte.

Am härtesten Treffen würde Stürzers Negativ-Szenario Europas größten Autobauer Volkswagen. VW profitierte besonders stark vom Nachfrageboom in Schwellenländern. Neben der Premiumtochter Audi wussten sich auch die Kernmarke sowie die tschechische Tochter ?koda im hart umkämpften und wenig profitträchtigen Volumensegment gut zu behaupten. Zusätzliches Kurspotenzial könnte bei den Wolfsburgern nach Einschätzung von Analysten die zunehmend stärkere Einführung des Baukastensystems bringen, mit dem künftig sowohl die Kosten als auch die Entwicklungszeiten deutlich sinken sollen. Das starke Engagement der Wolfsburger in Schwellenländern macht sie indes aber auch anfällig für dortige Marktschwankungen und regulatorische Interventionen.

Mit Blick auf den brasilianischen Wachstumsmarkt schlug VW zuletzt bereits morderatere Töne an. Laut Vertriebschef Christian Klingler wird der Wettbewerb dort immer härter. Dies könnte zu einem ernsthaften Problem für ein anderes europäisches Branchenschwergewicht werden: Fiat. Denn die Italiener verdienen nahezu ihr gesamtes Geld in dem Land. Zudem ist Fiat wegen des Zusammenschlusses mit Chrysler inzwischen deutlich stärker vom wettbewersintensiven US-Markt abhängig, dem eine schwierige Zukunft prophezeit wird.

Die französischen Hersteller Renault und Peugeot-Citroen vermeldeten dank der hohen Nachfrage in Osteuropa in den vergangenen Wochen zwar ermutigende Fortschritte bei dem Versuch, auf dem Kontinent wieder profitabel zu arbeiten. Die nach wie vor große Abhängigkeit von den als weitgehend gesättigt geltenden westeuropäischen Märkten dürfte aber weiter auf der Kursentwicklung lasten. Und nach Einschätzung von Ranjit Unnithan von J.P. Morgan dürften sich die Aussichten in Europa angesichts der unsicheren Lage weiter eintrüben.

Dow Jones Newswires/Guido Kruschke