| von Stefan Grundhoff

Der Ausbruch des Corona-Virus hält die weltweite Wirtschaft seit mehr als einem halben Jahr gefangen. Das Land aus dem dieser erstmals auftrat, läuft seit einigen Monaten schon wieder im Normalmodus und die Autobranche liegt im Vergleich zu 2019 nur noch zehn Prozent hinter den Planungen. Das gilt auch für die lokale Fahrzeugproduktion, denn während die Märkte in den USA, Südamerika oder Europa noch längst nicht auf dem Niveau vor COVID-19 sind, sieht das in China ganz anders aus. Weil allein auf dem größten Automarkt der Welt wirklich große Umsätze gemacht werden, ist die Auto China in diesem Jahr wichtiger denn je. Doch anhaltend hohe Einreisehürden mit einer 14tägigen Hotelquarantäne sorgen dafür, dass aus dem Ausland kaum jemand einreist, zumeist nur lokale Verantwortliche vor Ort sind und die Marken auf der 200.000 Quadratmeter großen Messe vertritt.

Trotzdem spielen gerade die deutschen Autohersteller in China groß auf. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich der chinesische Markt schneller als andere in der Pandemie wieder erholt hat und besonders die deutschen Premiumhersteller wieder erfolgreich im Markt unterwegs sind. Gewinner auf dem chinesischen Automarkt sind BMW (+45 Prozent), Mercedes (+19 Prozent) und Audi (+18 Prozent), mit deutlichen Zuwächsen im Vergleich zum Vorjahr. Die nationalen Großserienhersteller können abgesehen von Geely bislang kaum vom wieder erwachten Automarkt in China profitieren. "Die Zulassungszahlen der letzten drei Monate bestätigen die Berylls-Prognose: Premium ist in China unmittelbar nach der Coronakrise auf einem Höhenflug", so Dr. Jan Burgard, geschäftsführender Partner bei Berylls, "vom Abwärtstrend, dem der Gesamtmarkt bereits im letzten Jahr gefolgt ist, zeigt sich dieses von den deutschen OEM beherrschte Segment unberührt. Auch Teslas Zahlen beeindrucken selbst dann, wenn wir berücksichtigen, dass die Absprunghöhe wesentlich niedriger ist als bei den etablierten Marken."

Noch weitestgehend ohne Wirkung auf die Zulassungsstatistik scharren lokale NEV-Newcomer wie Nio, XPeng und Li Auto mit den Hufen. Sie bereiten sich auf einen harten Kampf mit den übrigen Elektromarken vor und haben mehr denn je Tesla im Blick, die längst in Shanghai Fahrzeuge produzieren. Dr. Jan Burgard: "Der zunehmend ehrgeizigen lokalen Konkurrenz müssen die Importeure mit einer starken Produktdifferenzierung begegnen, um erfolgreich zu bleiben. Diese Differenzierung kann auch darin bestehen, ein preislich besonders attraktives Einstiegsmodell anzubieten, das, überschaubar ausgestattet, Neukunden für die Marke gewinnen kann."

Lange Oberklassen von BMW und Mercedes

Audi enthüllt in China erstmals die neue Langversion seines Mittelklasse-SUV Q5, der ebenso wie die Konkurrenz nicht nur allein in China verkauft wird, sondern auch aus lokaler Fertigung stammt und mit dem verlängerten Radstand in Europa gar nicht zu bekommen ist. BMW setzt auf der Auto China auf die neu nach außen getragene Sportlichkeit. Nachdem das Sportlerdoppel aus BMW M3 / M4 erst in dieser Woche seine Weltpremiere feierte, stehen beide neuen Modelle mit der polarisierenden Nase auch in China. Das gilt auch für den kleinen Bruder das Vierer Coupé und den aus dem chinesischen Shenyang stammenden BMW iX3 mit reinem Elektroantrieb, der bei BMW Brilliance produziert und von hier in andere Länder exportiert wird. Elektrisch angetrieben wird auch die Studie des i4, die auf dem lokalen Markt jedoch kaum so viel Beachtung finden dürfte wie der BMW 535 Le, die Langversion des europäischen 530e, der in China jedoch 13 Zentimeter mehr Radstand bekommt. Ein Plus gibt es auch bei der Reichweite. Der 535 Le schafft rein elektrisch stattliche 95 Kilometer.

Der wohl größte europäische Star auf der Messe ist die neue Mercedes S-Klasse, wie die internationale Konkurrenz in China ebenfalls allein als Langversion zu bekommen. Als Gegner zum überarbeiteten BMW 535 Le zeigen auch die Stuttgarter die Langversion ihrer aufgefrischten Mercedes E-Klasse. China ist seit 2015 der größte Absatzmarkt von Daimler: Von 2015 bis 2019 wurde dort der jährliche Gesamtabsatz fast verdoppelt. Die Langversion der E-Klasse Limousine verzeichnete dort einen neuen Höchstwert und ein zweistelliges Absatzwachstum. Jede zweite 2019 verkaufte E-Klasse Limousine weltweit wurde als Langversion in China ausgeliefert. Beijing Benz Automotive Co., Ltd (BBAC), ein Joint Venture zwischen Daimler und seinem chinesischen Partner BAIC Motor, produziert bereits seit 2005 Mercedes-Benz Pkw und seit 2013 Motoren. BBAC beschäftigt über 11.000 Mitarbeiter. Das aktuelle Produktportfolio umfasst insgesamt zehn Modelle.

Haval mit neuem H6

Ebenfalls nicht unwichtig für den Massenmarkt in Fernost die neue Mercedes V-Klasse, die in China deutlich mehr als in Europa als edles Businessmodell eingesetzt wird. Marcus Breitschwerdt, Leiter Mercedes Vans: "China ist für uns ein überaus wichtiger und stetig wachsender Markt - die V-Klasse ist hier eindeutig der wichtigste Wachstumstreiber für uns. Jede vierte V-Klasse weltweit fährt auf chinesischen Straßen." Polestar-CEO Thomas Ingenlath bestätigt auf der Peking Motorshow nicht ganz überraschend die Serienumsetzung der Studie Precept. "Also beschlossen wir, ihn produzieren zu lassen. China ist für Polestar ein Heimatmarkt, und wir sehen, dass das Streben nach mehr Nachhaltigkeit hier immer wichtiger wird."

Volkswagen zeigt mit seinen beiden mächtigen Kooperationspartnern SAIC und FAW auf der Messe in Peking den neuen Tiguan X als Coupébruder des europäischen Tiguan und den neuen Golf. Die Wolfsburger haben sich mit der im unteren Premiumsegment angesiedelten Submarke Jetta erfolgreich gegen chinesische Marken in Szene setzen können. In einem Segment, das bisher allein von lokalen Marken besetzt war, konnte Jetta im bisherigen Jahresverlauf mehr als 104.000 Fahrzeuge absetzen.

Von den lokalen Herstellern ging besonders der GWM-Konzern mit seinen Marken Haval, Wey, Ora und GWn Pick Up in die Vollen. "Auto China 2020 ist ein wichtiges Branchentreffen, das die Erholung der Wirtschaft der Region nach der COVID-19-Pandemie unterstützt. Während dieser Messe wollen wir zeigen, wie wir in dieser einzigartigen Zeit unseren Kunden zuhören und uns ihnen anpassen", sagt Tony Sun, Deputy General Manager von GWM international. Wichtigstes Modell auf der Auto China 2020: die dritte Generation des Haval H6 sowie die größeren Modelle F7, F7x und den großen Haval H9. Zwei Klassen darunter enthüllt General Motors auf der Auto China den 4,65 Meter langen Chevrolet Equinox, der meistverkaufte Crossover von GM weltweit. Er wird wahlweise mit einem 1,5 oder 2,0 Liter großen Turbobenziner angeboten. Topmodell ist der Equinox RS mit seinem 174 kW / 236 PS / 350 Nm starken Vierzylinder inklusiv Allradantrieb. Ebenfalls in Peking zu sehen: der überarbeitete Cadillac XT4 und die beiden chinesischen Baojun-Modelle RC-5 und RC-5W.

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