Martin Winterkorn

Martin Winterkorn: "Puebla und das VW-Motorenwerk im mexikanischen Silao bilden im Verbund mit dem US-Werk in Chattanooga unsere Speerspitze für den nordamerikanischen Kontinent." - Bild: VW

Doch auch für diesen Boom gilt: Das Gesetz von Angebot und Nachfrage lässt sich nicht außer Kraft setzen. Ebbt das Geschäft ab, drohen erhebliche Überkapazitäten. Statt satte Profite einzufahren, dürften die Autoproduzenten dann im schlimmsten Fall mit hohen Verlusten konfrontiert sein.

Das Risiko ist kaum von der Hand zu weisen. Sind die Fabriken zu annähernd 100 Prozent ausgelastet, fahren die Autobauer kräftige Gewinne ein. Aber die Verluste klettern gewaltig, sobald die Auslastung unter 80 Prozent absackt. Wenn die Hersteller mehr produzieren, als sie absetzen können, drohen zudem Preiskriege, um den Verkauf anzukurbeln.

Auf der Auto Show in Detroit kündigte Volkswagen jüngst an, ein neues Werk in Nordamerika hochzuziehen. Das ist Teil eines Gesamtplans: Innerhalb von fünf Jahren wollen die Niedersachsen rund sieben Milliarden US-Dollar in Nordamerika investieren. Bereits heute baut Volkswagen an einem Werk in Mexiko. In Chattanooga, Tennesse betreibt der Konzern bereits eine US-Fabrik, die zum Leidwesen des Autobauers nur die Hälfte ihres Potenzials ausschöpft.

Japanische Autobauer rüsten massiv auf

Die japanischen Hersteller Honda und Mazda planen ebenfalls neue Werke in Mexiko. Bei Nissan lief die Produktion in einer neuen mexikanischen Fabrik im November an. Um dem Kapazitätsausbau noch die Krone aufzusetzen, wollen Honda, Ford, Toyota und General Motors allesamt ihre Produktion in bereits existierenden US- und kanadischen Werken ausweiten.

Fiat-Chef Marchionne warnt vor Kapazitätssteigerungen

Einigen Autoherstellern treiben die Investitionen bereits Sorgenfalten auf die Stirn. “Das letzte, was wir brauchen sind Kapazitätssteigerungen”, warnt Fiat- und Chrysler-Chef Sergio Marchionne. Nicht nur der Bau neuer Fabriken beunruhige ihn. Die schon vorhandenen Produktionslinien würden ständig automatisiert. Das gebe dem Ausstoß der Autowerke einen zusätzlichen Schub.

Marchionne weiß, wovon er spricht. Überschüssige Produktionskapazitäten und riesige Rabattschlachten waren die zwei Hauptfaktoren, die im Jahr 2009 Chrysler in die Insolvenz trieben. In Europa fährt der Autoabsatz seit längerem im Rückwärtsgang. Wegen der Wirtschaftsflaute klagen Fiat, Peugeot und Opel allesamt über unterausgelastete Werke. Sie kämpfen damit, ihre Verluste in den Griff zu kriegen.

In den ersten neun Monaten des Jahres 2013 verbrannte Fiat in seinem Europa-Geschäft rund 420 Millionen Euro. Der Konzern rechnet damit, sich in Europa erst 2015 aus der Verlustzone befreit zu haben. Die Luxusmarke Infiniti von Nissan entscheidet sich bald, ob sie in den USA oder in Mexiko ein neues Werk errichtet. Möglicherweise stehe ab Ende März eine Partnerschaft mit Daimler an, erklärte Spartenchef Johan de Nysschen.

Deustche Autobauer sehen sich Nachfrage-Boom ausgesetzt

Im Moment können die Autobauer sich in den USA vor Käufern kaum retten. Die Hersteller brauchten mehr Werke, um die künftige Nachfrage abzudecken, berichtet Partner John Hoffecker vom Beratungsunternehmen Alix Partners. “Die USA sind ein ziemlicher Wachstumsmarkt”, bläst Steve Cannon, Chef der Mercedes-Benz-Sparte von Daimler in den USA, ins gleiche Horn. Der US-Absatz legte im Jahr 2013 um fast acht Prozent auf 15,6 Millionen Fahrzeuge zu. Dieses Jahr dürfte die Marke von 16 Millionen Stück geknackt werden, erwarten Branchenbeobachter. In einigen Jahren seien glatt 17 Millionen drin, vorausgesetzt die US-Wirtschaft erholt sich weiter.

US-Audi-Chef Scott Keogh sieht die Energiesituation in den USA als absolutes Plus an. Durch das Fracking werden gewaltige Mengen Öl und Gas gefördert. Die USA avancierten zu einem großen Energieexporteur. Die billigeren Benzinpreise freuen wiederum die Autofreunde und treiben sie in die Verkaufsräume der Hersteller. Die Autoproduzenten setzen gerade auch auf den Export. Ein beträchtlicher Anteil der zusätzlichen Fahrzeuge dürfte ausgeführt werden, erwartet Analyst Joe Langley vom Consulting-Unternehmen IHS Automotive. Gerade die Werke in Mexiko seien als Exportdrehkreuze gedacht, was die Risiken von Überkapazitäten weiter abmildere.

In einigen Fällen dürfte die Produktion nach Nordamerika verlagert werden. Honda und Toyota starteten jüngst mit der Fertigung von Modellen in den USA, die vorher aus Japan importiert wurden. Mazda allerdings produziert fast ausschließlich zu Hause und betreibt keine Werke in Nordamerika.

“Produktion der Nachfrage anpassen” als Disziplin

Bis jetzt gehen die Preise in den USA nach oben, eine Kehrtwende zeichnet sich nicht am Horizont ab. Ford-Chef Alan Mulally lobte jüngst die “Disziplin” der wichtigsten Wettbewerber, die Produktion lediglich der Nachfrage anzupassen und nicht über das Ziel hinauszuschießen. “Die Leute erinnern sich, durch was sie gegangen sind. Sie wollen unter allen Umständen den Wert dieser großartigen Fahrzeuge erhalten und das macht man nicht, indem die Autos mit Rabatt verschleudert werden.”

Die Top-Manager der Autobauer erinnerten sich nur zu gut an die schmerzhaften Probleme, die die Überkapazitäten vor dem Marktkollaps der Jahre 2008 und 2009 auslösten, meint Marchionne. Er selbst beobachte die Bestände unverkaufter Autos “wie ein Falke”. Gleichzeitig wiegelt der Chrysler-Chef ab: “Bis jetzt haben wir keine undisziplinierte Preissetzung im US-Automarkt beobachtet.”

Ende 2013 hatten die Autohändler rund 3,45 Millionen Fahrzeuge in ihren Beständen, rechnet der Branchendienst Autodata vor. Bei der derzeitigen Absatzrate würde das für 63 Tage reichen. Diesen Wert erachtet die Branche allgemein als optimal. Ende 2012 betrug die entsprechende Rate 76 Tage.

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Dow Jones Newswires/Guido Kruschke