AUTOMOBIL FORUM Graz: VW-Baukasten für die Welt 1

VW-Entwicklungsvorstand Dr. Ulrich Hackenberg will die Potentiale der Volkswagen-eigenen Baukastenstrategie beim Ausbau der weltweiten Produktionsstandorte nutzen. Volkswagen will bekanntermaßen in den nächsten Jahren kräftig Gas geben und Branchenprimus Toyota überholen. In den USA, China, Indien, Russland und Brasilien sieht Dr. Hackenberg dafür die wesentlichen Wachstumsmärkte der Zukunft. Volkswagen baut aktuell massiv seine Standorte in China und Mexiko aus sowie – nach längerere Abstinenz – wieder ein US-Werk in Chattanooga/Tennessee auf.

In den USA oder auch anderen Märkten, wo Toyota bereits stark sei, könne Volkswagen auch deshalb durchaus noch Potentiale heben, weil man selbst dort teils noch schwach vertreten sei. Dr. Hackenberg erwartet für den Volkswagen-Konzern allein ein Pkw-Wachstum in den BRIC-Märkten bis 2018 um 146 Prozent. Eventuell könnten diese Ziele aber bei der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung auch schon früher erreicht werden.

Doch gerade in den so genannten Wachstumsmärkten wie China oder Indien sieht Dr. Hackenberg klar wachsende Bedarfe für größere Fahrzeuge, mit denen ganze Familien mobil werden wollen.

Dafür braucht das Produktportfolio klare Strukturen, um trotz aller ansteigender Komplexität ‘handlebar’ zu bleiben. Das tue auch deshalb schon Not, weil im Konzern aktuell 198 (177 + 19 von Porsche) Modelle verfügbar sind, davon alleine 61 mit VW-Logo.

Standardisierung sei also wichtig, dies geschehe bei Volkswagen über die modularen Quer- bzw. Längsbaukästen. Damit kann der OEM zugleich auch flexibel bleiben, etwa um Höhen, Überhänge, Radstände oder Rädergrößen beim jeweiligen Fahrzeugmodell anzupassen. Wesentliche Module sind Vorder-, Hinterachsen und -wagen, Sitzgruppen und Vorderböden. Im Querbaukasten seien damit etwa Modelle vom Kurzheck-Kleinwagen Polo bis zum ‘Familien-Van’ Sharan alle Fahrzeuggrößen abgedeckt. In die Baukästen passen künftig aber auch Plug-in-Hybrid oder sogar die Brennstoffzelle hinein, erklärte Dr. Hackenberg auf explizite Nachfrage aus dem Kongresspublikum.

Aber auch die Standardisierung der Fertigungsprozesse sei beim Volkswagen-Konzern, in den momentan 62 existierenden Fabriken weltweit, laut Dr. Hackenberg zentral: Beim Cockpit-Einbau etwa gab es bisher im Prozess bisher drei Einbaupunkte für die verschiedenen Modelle an der  Montagelinie. Künftig werde es nur noch einen standardisierten Prozess und damit nur einen Einbaupunkt pro Linie mit verschiedenen Modellen geben. Damit werden Montagezeiten und die Komplexität reduziert.

Auch beim Fahrwerkeinbau werde mit dem modularen Fahrwerkrahmen Standardisierung in alle Fabriken gleichermaßen hineingetragen. Die Anzahl der weltweit verwendeten Rahmen sank dadurch von 750 um 250 auf nur noch 500 Varianten, die Kosten bei den Betriebsmitteln fielen dementsprechend um Millionen-Euro-Beträge. Am Beispiel größerer zu vergebender Auftragskontingente, etwa an die Roboterhersteller, sieht der Konzern laut Dr. Hackenberg noch weitere deutliche Kostensenkungspotentiale.

Standardisierung sei ebenso ein Kern bei der Planung der neuen Fabrik-Layouts. Das heißt künftig: Neue Werke wie in den USA oder in China werden über vergleichbare Standards und Layouts verfügen. Bei Audi in Györ werde an den bestehenden Standort ein völlig neues Werk quasi “angeflanscht” werden.

Daneben setzt man im Konzern auf eine Drehscheibenstrategie, um Produktionsvolumina flexibel verschieben zu können, in Deutschland beispielsweise zwischen den Werken in Wolfsburg, Zwickau und Emden

AUTOMOBIL FORUM Graz: Rund 200 Teilnehmer, Manager und Spezialisten der OEMs und ihrer Lieferanten, sind auch 2010 wieder in der Steiermark. - Bild: Schiffer

Das 12. AUTOMOBIL FORUM Graz – der Jahreskongress der europäischen Automobilhersteller und Zulieferer – findet vom 27. bis 28. Oktober 2010 in der Steiermark statt. Die Veranstaltung steht dieses Jahr unter dem Motto: ‘Die Zukunft der Automobilindustrie in Europa – Von der Produktion zum Kunden’.

Andreas Gottwald