“Wir sind mit erstaunlicher Geschwindigkeit durch die Krise gekommen, die Konjunkturkrise ist weltweit überwunden”, ist Prof. Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchener Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, sich sicher. 4,8 Prozent Weltwirtschaftswachstum mehr für 2010, und immerhin 4,2 Prozent Plus in 2011 sind derzeit prognostiziert.

Prof. Sinn präsentierte den rund 200 Teilnehmern des Grazer AUTOMOBIL FORUMs die aktuelle Entwicklung der Weltwirtschaft unter besonderer Berücksichtigung Europas. Doch dort ticken auch einige nationale Zeitbomben mit nationalen Deflationsgefahren. Er sieht speziell in der Automobilbranche die Absatz-Erwartungen bei Pkw in einem günstigen Licht, ebenso steigen aktuell die Kapazitätsauslastungen in den Werken, die Bestände gefertigter Fahrzeugeinheiten sind abgebaut bzw. auf niedrigem Stand. 2010 mit einem Wachstum von plus über 20 Prozent hat schon fast die Produktionsausfälle aus dem Krisenjahr 2009 mit minus 21 Prozent wieder wettgemacht.

Deutschland hat derzeit branchenübergreifend das stärkste Wirtschaftswachstum in der EU-Zone, und ist aktuell mit plus 3,5 Prozent Zweiter nach Schweden mit rund vier Prozent Plus in Europa.

Doch zugleich brennt es in Europa, bzw. “in Teilen von Europa brennt es”, wie Prof. Sinn in Graz präzisierte. Durch den massenhaften Aufkauf von US-Staatspapieren durch die Londener City könnte dort eine neue Blase entstehen. Während vormals China und Japan diese US-Schulden finanzierten, findet dies momentan kaum oder in deutlich reduziertem Umfang statt. Stattdessen kauft Großbritannien derzeit soviel monatlich, wie früher China.

Ebenso ist es um Griechenland, Spanien und Irland nicht gut bestellt. Sinn befürchtet aber weniger eine Inflation als vielmehr eine Deflation, wie sie in Japan seit Anfang der 1990er-Jahre besteht. Und diese führte zu über 20 Jahren Wirtschaftsflaute in Folge. Besonders betroffen sind weltweit Länder wie die USA, Großbritannien, Irland, Griechenland oder Spanien, denen künftig kaum noch günstiges Geld zur Finanzierung von Schulden zur Verfügung stehen wird. In den USA wird es mit der Konsolidierung 2011 kaum klappen, im Gegenteil, so drohe im Bauwesen schon jetzt ein so genannter “Double Dip”, der auch zu einem weiteren Abtauchen des gesamtes US-Marktes führen könnte.

Für Deutschland wird ein langfristiger Boom erwartet

In Deutschland wurde bis zu den Vorkrisenzeiten von 2008/009 zu wenig direkt im eigenen Land investiert, drei Viertel aller Nettoinvestitionen flossen ins Ausland, so Sinn. Laut OECD-Daten hatte Deutschland zudem bis dahin die niedrigste Nettoinvestitionsquote aller maßgeblichen Industrieländer weltweit.

Das Geld, das bis dato ins Ausland floss, bleibt zukünftig aber immer öfter zuhause und treibt dort den Boom langfristig an, für Sinn ein Grund zum Feiern. Banken bieten es zu historisch niedrigen Zinsen in Deutschland, Österreich, in der Schweiz oder den Niederlanden an. Die Baubranche sei laut Sinn einer der Nutznießer und eine Säule des Aufschwungs. Das treibe insbesondere in Deutschland die Inlandsnachfrage nach oben, lasse Preise und Löhne steigen und werde durch Einkäufe auch im Ausland den aktuell von US-Minister Geithner kritisierte Außenhandelsüberschuss von alleine reduzieren. Zwar gehen damit die Exporte insbesondere Deutschlands zurück, aber dies passiere in einer zu erwartenden anhaltenden Boomphase, weil das Kapital nun wieder in Deutschland zur Verfügung steht.

AUTOMOBIL FORUM Graz: Rund 200 Teilnehmer, Manager und Spezialisten der OEMs und ihrer Lieferanten, sind auch 2010 wieder in der Steiermark. - Bild: APR/Schiffer

Das 12. AUTOMOBIL FORUM Graz – der Jahreskongress der europäischen Automobilhersteller und Zulieferer – findet vom 27. bis 28. Oktober 2010 in der Steiermark statt. Die Veranstaltung steht dieses Jahr unter dem Motto: ‘Die Zukunft der Automobilindustrie in Europa – Von der Produktion zum Kunden’

Andreas Gottwald