Bertelsmann Emnid-Studie Autonomes Fahren 2017

Die Technik des autonomen Fahrens wird noch argwöhnisch beäugt: Birgt sie ein höheres Unfallrisiko statt mehr Sicherheit? Bild: Conti

Selbstfahrende Autos, Busse oder Bahnen werden in zehn bis 20 Jahren Realität sein. In dieser Vorhersage sind sich die Deutschen laut einer repräsentativen Emnid-Umfrage mit den Mobilitätsforschern des Fraunhofer-Instituts IESE Kaiserslautern einig. Auch den Nutzen, den die digitale Technik für Bevölkerungsgruppen hat, die eher wenig mobil sind, betrachten Bürger und Experten ähnlich positiv. Und doch zeigt sich beim Thema Straßenverkehr ein gespaltenes Verhältnis der Deutschen zur Digitalisierung. Trotz der in Aussicht stehenden Vorteile, begegnet die große Mehrheit der Bevölkerung dem automatisierten Fahren mit großer Skepsis.

67 Prozent der Befragten sagen in der Emnid-Umfrage, sie stünden der Technik des autonomen Fahrens grundsätzlich misstrauisch gegenüber. Begeisterung signalisiert hingegen nur etwa jeder Vierte. Dementsprechend können sich 61 Prozent auch nicht vorstellen, ein selbstfahrendes Auto zu nutzen. Dabei sehen die Befragten durchaus für etliche Gruppen einen möglichen Gewinn an Mobilität: Am häufigsten als Klientel genannt werden Menschen mit Behinderung (88 Prozent), ältere Menschen (79), Menschen ohne Führerschein (58), Touristen (56) und Stadtbewohner (55).

Selbst ein Auto zu nutzen, das per Computer gesteuert wird, kann sich die Mehrheit der Befragten am ehesten bei längeren Autobahnfahrten (59 Prozent) und Nachtfahrten in den Urlaub (51) vorstellen. Bei der täglichen Fahrt zur Arbeit wäre das immerhin noch für 44 Prozent denkbar. "Je stressiger die Situation, um von A nach B zu kommen, desto offener sind die Menschen für digitalen Fortschritt im Straßenverkehr", sagt Bertelsmann Stiftungs-Vorstand Brigitte Mohn.

Die Hoffnung auf weniger Stress im Straßenverkehr spiegelt sich in den Einstellungen von Vielfahrern und Großfamilien. Wer viel Zeit im Auto verbringt, oder sich oft mit anderen einigen muss, wer wann das Auto nutzen kann, ist von der neuen Technologie wesentlich häufiger begeistert. Da scheint es nur logisch, wie die Befragten am liebsten die gewonnene Zeit verbringen möchten, während das Auto sich selbst steuert: Auf Platz eins steht "aus dem Fenster schauen" (73 Prozent), gefolgt von "entspannen" (59), "lesen" (47) und "im Internet surfen" (39).

In ihren ebenfalls für die Bertelsmann Stiftung entwickelten Szenarien zum Thema "Mobilität und Digitalisierung" halten es die Fachleute von Fraunhofer IESE für wahrscheinlich, dass das automatisierte Fahren zwischen 2027 und 2037 zumindest auf vorgegebenen Routen funktioniert. Autonome Shuttles verkehrten dann als Linienbus, Schulbus oder Zubringer zum nächstgelegenen Bahnhof. "Wenn der Personen-Nahverkehr durch Automatisierung günstiger und das gesparte Geld in bessere Taktung und mehr Angebote investiert würde, würde das den ländlichen Raum erheblich attraktiver machen", sagt Brigitte Mohn.

In diesem Punkt gehen die Hoffnungen von Experten und Bürgern allerdings auseinander. Die Mobilitätsforscher sehen in der Digitalisierung eine Chance, die Daseinsvorsorge im ländlichen Raum zu verbessern. Diese Meinung teilen zumindest im Hinblick auf automatisiertes Fahren 45 Prozent der Deutschen. Und während die Experten in ihren Zukunftsszenarien insbesondere für Kinder und Jugendliche Chancen sehen, mit autonomen Shuttles unproblematisch zum Unterricht, zum Sport oder ins Kino zu kommen, unterstützen das 34 Prozent der Befragten.

Diese Zurückhaltung mag mit den Gründen zu tun haben, warum die Deutschen selbstfahrenden Autos misstrauen: Am häufigsten genannt wird die Angst vor Unfällen (84 Prozent). Es folgen die Sorge vor Verlust der eigenen Kontrolle über das Auto (83) und vor Hacker-Angriffen (74).

Die IESE-Forscher kommen zu genau entgegengesetzten Annahmen: "Automatisiertes Fahren hat Potential für die Zukunft, da Unfälle bedingt durch menschliche Faktoren, zum Beispiel zu langsame Reaktionszeit, Müdigkeit, Ablenkung, und so weiter verhindert werden können", heißt es im Fraunhofer-Papier "Mobilität und Digitalisierung: Vier Zukunftsszenarien".

Große Chancen messen die beteiligten Fraunhofer-Teams innerhalb der Einsatzszenarien selbstfahrender Autos dem Car-Sharing bei. Die Autos würden ähnlich wie Taxis funktionieren: Sie holen den Fahrgast ab und kehren nach der Fahrt selbstständig zu ihrem Standort zurück. Die Forscher halten diese Möglichkeit sogar für so attraktiv, dass sie davor warnen, die Nachfrage nach Autos könnte erheblich zunehmen und die Straßennetze belasten. Dies träte wohl vor allem dann ein, wenn Car-Sharing-Modelle als Zweit- oder Drittwagenersatz fungierten. Ganz unwahrscheinlich ist das nicht, denn für 66 Prozent der Deutschen käme trotz dieses komfortablen Modells eines auf keinen Fall in Frage: der Verzicht aufs eigene Auto.

Beide genannten Studien sind Teil der Forschung zur digitalen Zukunft in der Bertelsmann Stiftung, die diesem Thema auch den diesjährigen Reinhard Mohn Preis "Smart Country – Vernetzt. Intelligent. Digital." widmet. Der Festakt zur Preisverleihung an den ehemaligen estnischen Staatspräsidenten Toomas Hendrik Ilves findet am 29. Juni ab 11 Uhr im Theater Gütersloh statt.