Opel Bochum breit

2012 schrieb General Motors mit Opel und Vauxhall in Europa einen operativen Verlust von 1,8 Milliarden Dollar (1,3 Milliarden Euro). Allein im Schlussquartal wurden auf dem schwierigen europäischen Markt rund 700 Millionen Dollar in den Sand gesetzt ? so viel wie im gesamten Jahr 2011. - Bild: dpa

Neumann, übernehmen Sie.

Vor ihm steht eine Herkulesaufgabe. Der in der Branche hochgelobte Elektroingenieur muss beweisen, dass er aus dem Milliardengrab Opel binnen weniger Jahre ein profitables Unternehmen machen kann. Denn die US-Mutter General Motors will “Mitte des Jahrzehnts” wieder Gewinne in Europa sehen.

US-Mutter stattet Neumann mit umfassenden Vollmachten aus

Neumann wird nicht nur Opel-Chef, er löst außerdem Aufsichtsratschef Steve Girsky als Präsident von GM Europe ab und wird Mitglied im Executive Committee des Mutterkonzerns in Detroit sowie GM Vize-Präsident. Damit verantwortet er neben Opel und Vauxhall auch die Entwicklung der übrigen GM-Marken in Europa und ist direkt in die Entscheidungen der GM-Spitze eingebunden. “Karl-Thomas Neumann wird eine Schlüsselrolle in der weltweiten Führung von GM spielen”, teilte der Automobilkonzern mit.

Kaum ein Opel-Chef vor ihm war von den Amerikanern mit vergleichbar umfassenden Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen, ausgestattet worden. Die Botschaft ist klar: GM rückt das Europageschäft wieder in den Fokus. Opel soll mehr als ein Anhängsel, der Opel-Chef mehr als ein Statthalter der Detroiter sein wie so viele Opel-Chefs zuvor.

Rüsselsheimer stecken weiter in tiefer Krise

Der Weg aus dem Jammertal ist lang, und er dürfte steinig werden. Denn Opel steckt seit Jahren tief in der Krise. Der Markt ist schwach, der Absatz bröckelt. Die Werke sind nur zur Hälfte ausgelastet, berichtet die IG Metall und malt ein tristes Bild: “Die wirtschaftliche Situation des Unternehmens ist so schlecht wie noch nie und hat existenzbedrohende Ausmaße angenommen.”

Tatsächlich sind die Zahlen ernüchternd: 2012 schrieb GM in Europa einen operativen Verlust von 1,8 Milliarden Dollar (1,3 Milliarden Euro). Allein im Schlussquartal wurden auf dem schwierigen europäischen Markt rund 700 Millionen Dollar in den Sand gesetzt – so viel wie im gesamten Jahr 2011. GM produzierte in Europa 927.000 Fahrzeuge – nach 1,1 Millionen im Vorjahr. Der Absatz sank von 1,22 Millionen auf 1,05 Millionen, der Marktanteil von 8,7 auf 8,5 Prozent.

Die Vorgabe ist klar: Als Vorstandschef der Adam Opel AG muss Marathon-Läufer Neumann schnell Ergebnisse liefern. Doch das Wendemanöver wird ohne Einigung mit den Arbeitnehmervertretern auf einen neuen Sparkurs kaum gelingen. Und die verlangen langfristige Garantien – die aber will die Opel-Mutter General Motors nicht geben.

Neumann muss die Arbeitnehmervertreter mit ins Boot holen

Seit Juni 2012 wird über millionenschwere Einsparungen bei dem defizitären Autobauer verhandelt. Opel-Aufsichtsratschef Steve Girsky verlangt von den Arbeitnehmern unter anderem, bis mindestens 2015 auf die Auszahlung von Tariferhöhungen zu verzichten.

Es geht auch um die Zukunft des Werks Bochum. Der dortige Betriebsratschef Rainer Einenkel schießt kämpft mit aller Macht um das Überleben des Standortes. Dabei ist das Aus der Autofertigung im Ruhrgebiet längst beschlossen. Es geht nur noch um die Frage, ob sie Ende 2016 ausläuft – oder zwei Jahre früher, wenn die Gespräche scheitern sollten.

Obwohl die Parteien bis zuletzt weit auseinanderlagen und sich in der Öffentlichkeit gegenseitig angifteten, will Girsky die Gespräche an diesem Donnerstag beenden – so oder so. Auch die IG Metall will schnell ein Ergebnis, rechnet aber erst im März damit. Doch dem Vernehmen nach will das Management unbedingt vermeiden, dass der neue Steuermann gleich zum Amtsantritt bittere Einschnitte verkünden muss. Der frühere Conti-Chef soll die ersten Schlagzeilen in neuer Funktion auf angenehmerem Terrain bekommen: bei der Präsentation des Cabriolets Cascada auf der Automesse kommende Woche in Genf.

APR App Kiosk Ausgabe 1-2 2013

Vor einer Herkulesaufgabe steht der neue Opel-Chef Karl-Thomas Neumann, wenn im März den Chefposten beim angeschlagenen Autohersteller antritt. Die Fixkosten müssen massiv runter, die Kooperation mit PSA muss in Schwung kommen und die Produktivität in den Werken langfristig wettbewerbsfähig werden. In der Ausgabe 1-2/2013 der AUTOMOBIL PRODUKTION lesen Sie neben der Titelstory rund um Opel auch ein Exklusiv-Interview mit Opel-Produktionschef Peter Thom.

Denn Thomas Sedran, der wieder ins zweite Glied rückt und Strategievorstand bleibt, hat in seinen Monaten als Interims-Chef den Boden bestellt. Er hat den Wachstums- und Sparplan “Drive Opel 2022″ präsentiert, unter seiner Führung kamen neue Wagen auf den Markt, mit denen Opel in zuvor vernachlässigte Wachstums-Segmente vorstößt: Der City-Flitzer Adam und der kleine Sportgeländewagen (SUV) Mokka. Das Cascada-Cabrio soll im Frühjahr folgen.

Vorschusslorbeeren für den neuen Opel-Chef

Auf dieser Basis müsse der 51 Jahre alte Neumann nun die Weichen für morgen stellen, sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer: “Damit Opel die Kunden mit guten Produkten überzeugen kann, wenn der Markt wieder besser ist.” Der Experte traut Neumann das durchaus zu: “Denn alles, was er bisher gemacht hat, war sehr erfolgreich. Er hat oft Dinge gedreht, die kaum möglich erschienen.”

Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler setzt ebenfalls große Stücke auf den Ex-VW-China-Chef: “Das ist ein absolut guter Mann mit einer starken Vision, wohin sich das Autogeschäft entwickeln wird.” Selbst die Arbeitnehmervertreter freuen sich: Endlich wieder ein Top-Manager mit Benzin im Blut, heißt es – und ein gutes Gesicht für die ramponierte Marke.

Zumindest nach außen ist die Zuversicht im Unternehmen groß, den Heilsbringer gefunden zu haben. “Neumann hat [...] bewiesen, dass er profitables Wachstum und Turnarounds umsetzen kann”, sagt Girsky, der für Neumann den Posten als GM-Europachef räumt: “Neumann … wird das Unternehmen zu einem der erfolgreichsten Turnarounds in der europäischen Automobilgeschichte führen.”

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dpa/Guido Kruschke