Geschäftsleitung der Pilz GmbH & Co. KG

Führungstrio: Chefin Renate Pilz (Mitte) will, dass ihr Unternehmen weiter in Familienbesitz bleibt. Zusammen mit ihrer Tochter Susanne Kunschert und ihrem Sohn Thomas Pilz leitet sie die Firma. Bild: Pilz

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was ist für Sie ? vor allem in der Autobranche der kommende Player?
China ist und bleibt ein großer Abnehmer. Auch Indien wird weiter an Bedeutung gewinnen, wobei hier die Infrastruktur noch weiter ausgebaut werden muss. Alle aufstrebenden Industrienationen sind sicher ganz interessant für den Automobilbau. Das Automobil hat ja immer mit Emotionalität zu tun. Und bei einem angemessenen Auskommen erwächst bei Menschen das Bedürfnis nach Mobilität, vor allem nach individueller Mobilität.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wenn wir alle aber die mobilen Möglichkeiten miteinander verknüpfen, wie es derzeit ja in vielen Megacities versucht wird, könnten sich doch mit ihrer Basis gute Geschäftsmöglichkeiten auftun ?
? Das ist sicher richtig und wird durch Applikationen beispielsweise in London und Lima bestätigt. Dort werden Seilbahnen, die mit unserer Sicherheitstechnik ausgerüstet sind, mit dem öffentlichen Nahverkehr verbunden. Noch mehr Potenzial liegt im IT-Bereich. Wir können aufgrund der Modularität und Offenheit unserer Automatisierungslösungen dazu beitragen, dass die Produktionen gut und sicher im Sinne von Industrie 4.0 ausgestattet sind.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Denken Sie darüber nach, stärker in das Geschäft mit Mobilität einzusteigen?
Unsere Produkte und Systeme konzipieren wir universell. Deshalb sind wir in der Lage, auch Infrastrukturprojekte wie Signalanlagen im Bahnbereich zu steuern. Derzeit machen wir das zum Beispiel in Belgien und wickeln dort eine komplexe Weichensteuerung ab. Auch unsere Automatisierungslösungen für Schleusen oder Brückensteuerungen gehen in diese Richtung. Wenn Sie das von dieser Seite sehen, machen wir neue Geschäftsfelder auf.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die Normen werden immer mehr. Jetzt kommt auch noch China damit. Bremst die Zunahme der Normen nicht?
Eine Vereinheitlichung auf internationaler Ebene wäre von Vorteil. Jedoch ist die bestehende Harmonisierung bereits ein guter Weg. Damit unsere Produkte weltweit einsetzbar sind und den internationalen normativen Vorgaben entsprechen, durchlaufen sie viele Prüfungen. Das ist in der Tat ein großer Aufwand, bedeutet gleichzeitig hohe Kosten, garantiert aber dadurch den Kunden, das unsere Produkte normenkonform einsetzbar sind. Dies ist nicht nur deshalb wichtig, weil dadurch einheitliche Produkt- und Sicherheitsstandards gesetzt werden, sondern auch eine Vergleichsbasis und damit Markttransparenz gleichermaßen für Anbieter wie auch für Anwender geschaffen wird.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Halten Sie das Handelsabkommen für sinnvoll?
Alle Bereiche in denen die Wirtschaft ohne Hemmnisse agieren kann sind hilfreich. Handelshemmnisse haben noch keinem genützt ? sondern immer nur geschadet.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ist Lobbyarbeit hilfreich?
Das kann hilfreich sein, ist aber sehr mühsam. Wenn es um konkrete Lösungen geht, ist es richtig, wenn Unternehmen wie wir unser Know-how einbringen. Davon profitieren doch alle.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die Industrie 4.0 ist doch nicht nur eine Revolution, sondern auch eine Riesenchance für deutsche und damit auch für ihr Unternehmen ? ?
? Industrie 4.0 ist eine Evolution. Das Neue ist: Es treffen zwei Welten aufeinander, die Welt der Automatisierung und die Welt der IT-Technologie. Bei der IT sind US-Firmen voraus. Aber die Schnittstelle Produktionskompetenz ist in Deutschland sehr stark angesiedelt. Nun gilt es beide Welten zu vereinen. Die Automobilisten sind da Vorreiter. Wenn die Trennung zwischen Büro- und Produktionsbereichen aufgehoben wird, ergeben sich viele Synergien. Für die Produktionswelt war das ein Kulturschock. Es muss sich erst in den Köpfen der Menschen festsetzen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ist Deutschland bei dem Thema der Treiber?
Das sehe ich so.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wie finden Sie, dass sich die Regierung einmischt?
Ich finde es gut, dass die Bundesregierung Industrie 4.0 zu ihrem Thema gemacht hat. Für den Erfolg ist das entscheidend, dass viele miteinander reden und ein offener Austausch stattfindet. Keiner will sich aber in die Karten schauen lassen. Darum ist die Rolle, die die Regierung einnimmt gut. Wenn alle Beteiligten dadurch in Forschungsthemen gemeinsam aktiv sind, tut das Deutschland gut. Und da ist eine Regierung als Moderator richtig.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Schon jetzt sind ja die sichtbaren Vorboten der Industrie 4.0 die kollaborativen Roboter. Wird sich dadurch nicht die Produktionswelt verändern?
Sie wird auf jeden Fall viel flexibler. Die starren Strukturen werden sich auflösen. Maschinensicherheit ist da ein gutes Beispiel. Der Trend geht weg von statischen, trennenden Schutzeinrichtungen wie Zäune, hinzu dynamischen Sicherheitskonzepten mit intelligenten Verbünden von Sensoren, Steuerungen und Aktoren. Ein gutes Beispiel dafür ist unser sicheres 3D-Kamerasystem SafetyEYE.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Lösen sich die klassischen Branchen (wie die Autoindustrie) durch Entwicklungen wie Industrie 4.0 oder neue Werkstoffe wie Karbon in der automobilen Serienproduktion auf?
Nein, die werden nur anders verzahnt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Deutschland hat einen großen Wettbewerbsvorteil in puncto Qualität. Ist dafür aber die Offenheit, die Sie propagieren, nicht gefährlich??
Nein, ich bin grundsätzlich dafür, dass eine Offenheit jedem nutzt. Im Wirtschaftsleben geht es immer um Fairness. Ich habe Schwierigkeiten, wenn es heißt China ist gefährlich. Wir brauchen doch den Wettbewerb, sonst würden wir uns langsamer bewegen. Aber der Wettbewerb muss fair sein. Es gibt überall auf der Welt Unternehmen, die sich nicht immer fair verhalten. Aber an erster Stelle steht für mich: Die ordnungspolitischen Richtlinien müssen stimmen und eingehalten werden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie sensibilisieren Sie denn ihre chinesischen Partner in punkto Offenheit und Fairness?
Ich kann beides nur vorleben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wenn ein Autohersteller wie BMW das Auto neu denkt, hat das doch enorme Auswirkungen auf eine Branche. Erleben Sie diesbezüglich eine besonders spannende Zeit?
Das, was da gewagt wird, ist faszinierend und spannend. Ich finde das enorm mutig, wenn neue Wege gegangen werden. Aber das ist richtig so: Wenn ich auf dem Stand bleibe, den ich habe, kann ich auch nichts weitertragen. Ständiger Wandel kennzeichnet auch unser Unternehmen. Und Wandel bietet immer auch Chancen. Doch die kann man nur mit Mitarbeitern nutzen, die gut, offen und neugierig sind.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie findet denn man gute Mitarbeiter?
Sie können gute Mitarbeiter nur finden, wenn Sie anspruchsvolle Aufgaben haben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Denken Sie über Partnerschaften oder über einen Börsengang nach?
Nein, wir sind technikbegeistert. Wir sind bankenunabhängig, weil wir unsere Gewinne immer reinvestiert haben. Unsere Denke ist dahingehend sehr konservativ. Was wir uns nicht leisten können, wird auch nicht gemacht.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Werden Sie Familienunternehmen bleiben?
Ja.

Alle Beiträge zum Stichwort Automobilzulieferer

Das Interview führte Christiane Habrich-Böcker