Renault Wuhan

Der massive Nachfragerückgang, der sich bereits durch das vergangene Jahr zog, offenbart ein strukturelles Problem im Autoland China: Die Flaute trifft weniger die ausländischen Premiumhersteller als vielmehr kleine heimische Marken. Bild: Renault

| von Peter Rademacher

Während Europa und Amerika die Auswirkungen des Corona-Virus derzeit heftig zu spüren bekommen, signalisiert China Normalität und versucht, die Wirtschaft wieder hochzufahren. Schöne Bilder von Menschen, die in Parks die Kirschblüte genießen, werden derzeit gezielt von den staatlichen Medien verbreitet. Es soll suggeriert werden, dass China den Virus besiegt hat – Fragen bleiben.

Dennoch läuft in China die Produktion wieder hoch. Das bestätigen auch die deutschen Autobauer auf Anfrage gegenüber Automobil Produktion (siehe unten). Die Regierung schaltet bewusst auf Alltag. Nicht ohne Grund: Das Autojahr 2019 war im Reich der Mitte bereits zum Abwinken und die Monate Januar und Februar wurden von der Corona-Krise und den Ferien geprägt. Die Folge: ein massiver Einbruch am Markt – der Verkauf kam nahezu zum Erliegen. Jetzt gilt es, verlorenes Volumen wieder aufzuholen.

Doch so einfach dürfte es nicht werden. Die Unternehmensberater von Berylls Strategy Advisors rechnen zwar damit, dass die Produktion langsam wieder Fahrt aufnimmt, aber im Verkauf herrscht immer noch totale Flaute. Kunden kommen fast gar keine zum Handel und manche Betriebe denken bereits wieder an zeitweise Schließungen. Der Markt spielt nicht mit.  Das geht aus dem aktuellen "China-Barometer" hervor, das Berylls zusammen mit automotive media networks (Redaktionsgemeinschaft der Fachzeitschriften carIT, automotiveIT und Automobil Produktion) exklusiv erstellt.

Der massive Nachfragerückgang, der sich bereits durch das vergangene Jahr zog, offenbart auch ein strukturelles Problem: Die Flaute trifft weniger die ausländischen Premiumhersteller als vielmehr kleine heimische Marken. "Lokale Marken litten überproportional, während Joint Ventures sich einigermaßen über Wasser hielten und Premium-OEMs sogar gute Geschäfte gemacht haben", so Jan Burgard, geschäftsführender Partner bei Berylls Strategy.

Der Hintergrund: "Das Einkommen der Bevölkerung klettert zwar, aber gerade in kleineren Städten sind die Kosten so massiv gestiegen, dass die Lebenshaltung den Mehrverdienst überkompensiert und weniger frei verfügbares Budget übrig bleibt", so Burgard. Mit dem wenigen Geld kaufen die Kunden offensichtlich lieber hochwertige Fahrzeuge als Billigware. Joint Venture-Marken und etablierte China-Marken machen das Rennen, während viele kleine, lokale Anbieter durchgereicht werden.

China kämpft somit an zwei Fronten: Die Krise lässt den Markt erzittern und das wachsende ökonomische Ungleichgewicht tut sein Übriges. Der von der Krise gebeutelte Handel gerät indes weiter unter Druck. „Die Hersteller müssen sich künftig viel progressiver um die Kunden kümmern und definitiv mehr in die Digitalisierung des Handels investieren“, urteilt Burgard. Tradierte Konzepte stehen zur Disposition, es naht wohl, beschleunigt durch den Corona-Virus, das Ende der klassischen Voll-Service-Handelsbetriebe. Tritt das ein, wird der chinesische Automobilmarkt sein Gesicht nachhaltig verändern.

Fest steht: Die verordnete Rückkehr zur Normalität ist momentan eher Wunsch als Wirklichkeit, daran ändern auch die schönen Bilder im Staatsfernsehen nichts.

Wiederaufnahme der Produktion in China

Audi

Ab dem 17. Februar wurden alle Werke (Changchun, Foshan, Tianjin) wieder schrittweise hochgefahren. Inzwischen sind die Ingolstädter nach eigenen Aussagen zu einem normalen Produktionsprozess zurückgekehrt. Parallel zur Wiederaufnahme der Produktion wurden aber Schutzmaßnahmen wie die reguläre Desinfektion der Arbeitsflächen, die Verteilung von Schutzmasken für die Angestellten sowie Fiebermess-Stationen an den Werkseingängen eingerichtet.

BMW

BMW betreibt mit seinem Joint Venture BMW Brilliance Automotive (BBA) insgesamt drei Werke: zwei Automobilwerke und ein Motorenwerk. Für alle drei BBA Werke gab es eine langfristig geplante Produktionsunterbrechung anlässlich des chinesischen Neujahrsfests. Diese Produktionsunterbrechung wurde im Zuge der Corona-Krise auf den 16. Februar 2020 ausgeweitet. Am 17. Februar haben die Werke von BBA die Produktion wieder aufgenommen.

Daimler

In China hat Daimler entsprechend den Anweisungen der Provinz- und Stadtbehörden in der Verwaltung den Betrieb und die Produktion am 10. Februar 2020 schrittweise wieder aufgenommen.

Am 14. Februar hat FAW-Volkswagen in Qingdao den Betrieb als erstes Werk wieder aufgenommen. Mittlerweile sind fast alle Produktionsstandorte regulär in Betrieb und Volkswagen hat nach eigenen Aussagen "die Lieferketten im Griff". Dies gilt auch für die Komponentenstandorte von Volkswagen Group China und deren Partner.

Zwei der Standorte des SAIC-Volkswagen Joint Ventures bereiten sich noch auf den Produktionsstart vor. Die Arbeitsleistung wird derzeit am Markt angepasst. VW dazu: "Die Produktionsleistung ermöglicht es technisch, die nicht produzierte Leistung nachzuholen. Hinsichtlich der Lieferketten lässt sich festhalten, dass durch die im Regelprozess eingeplanten chinesischen Nationalfeiertage bereits höhere Stückzahlen benötigter Teile vorhanden waren, auf die zurückgegriffen werden konnte."

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