Der Stern war 40 Jahre lang mein Leitbild

Prof. Jürgen Hubbert. - Foto: Mayer

Der ehemalige Daimler-Vorstand Prof. Jürgen Hubbert über die Umbrüche in der Automobilindustrie, die noch nie größer waren. Und aus welchen Fehlern der Vergangenheit die Stuttgarter ihre Lehren für die Zukunft ziehen sollten – ganz egal, ob es um Technologie, Kooperationen oder Kunden geht.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie viel Daimler steckt heute noch in Ihrem Alltag?
Ich habe keine direkte Verbindung zur Daimler AG, also keinen Beratervertrag oder etwas ähnliches. Ich tausche mich aber regelmäßig mit meinen Ex-Kollegen aus. Ich schaue mir an, was in den Werken passiert, bei den Fahrzeugen und spreche mit den Verantwortlichen. Insofern prägt Daimler nach wie vor mein Leben, auch wenn andere Aktivitäten im Moment mehr Zeit in Anspruch nehmen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wie viel Mercedes steckt im Alltag?
Für mich ist das synonym – Mercedes und Daimler. Ich trage jeden Tag den Stern am Revers, weil er für mich 40 Jahre lang das Leitbild war, dem ich versucht habe, Glanz zu geben und zu folgen. Und insofern ist das für mich nach wie vor identisch. Mercedes ist die Welt, in der ich erfolgreich sein durfte. Dieses Unternehmen war es, das mir das alles ermöglicht hat.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ist ein Leben ohne diese Marke für Sie überhaupt vorstellbar?
Nein. Weder in dem, was ich fahre, noch in dem, was ich tue, oder in dem, was ich denke.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was ist für Sie der Unterschied zwischen Daimler und Mercedes?
Daimler ist das Unternehmen, das die Voraussetzungen schafft, dass große Marken dort kreiert und weiterentwickelt werden können. Eine davon ist Mercedes. Als Gründermarke natürlich die wichtigste im Pkw- und Nutzfahrzeug-Bereich. Im Pkw-Bereich haben wir Smart entwickelt und den Maybach wiederbelebt. So steht Daimler für mich im weitesten Sinne für die Kompetenz im Automobilbau und Mercedes ist der Markenbotschafter, der seine Neuheiten gegenüber den Kunden platziert und dort auch verifiziert.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was wird in Zukunft wichtiger werden: Daimler als Konzern oder Mercedes als Marke?
Ich weiß nicht, ob man hier differenzieren kann und darf. Was ich allerdings sicher glaube, ist, dass Marken an Bedeutung gewinnen, da Produkte sich immer ähnlicher werden. Differenzierung wird künftig über zwei Dinge erfolgen: über die Marke und ihre Werte und über die Betreuungsqualität.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gibt es ein bestimmtes Vorbild?
Nein, ich glaube nicht, dass man für Mercedes ein Vorbild findet. Für die Kraft einer Marke kann man allerdings ein Beispiel finden – das ist derzeit Red Bull. Mit einem relativ einfachen Produkt kreiert man über sensationelles Marketing einen Welterfolg. Das funktioniert offensichtlich und zeigt, dass man eine Marke so aufladen kann, dass sie wirklich bei einem Großteil der Kunden überzeugend wirkt und zum Kauf verführt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Davon sollte sich Mercedes etwas abschauen?
Mercedes muss sich immer wieder erinnern – jeden Tag – wie wichtig die Marke ist. Und muss alles vermeiden, was die Gefahr beinhaltet die Marke zu beschädigen.

Der Stern war 40 Jahre lang mein Leitbild

Ehrung für Prof. Jürgen Hubbert. - Foto: Daimler

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was sind denn Faktoren, welche die Marke verbessern könnten?
Während meiner aktiven Zeit gab es eine unglaublichintensive Diskussion über die Frage des Stretchings der Marke: Was kann man dieser Marke zumuten? Und als die A-Klasse auf den Markt kam, gab es viele kritische Stimmen, die sagten, das sei zu viel. Da das Auto aber ein völlig ungewöhnliches Auto war, eines, das man mit den Werten von Mercedes in Verbindung bringen konnte, hat sich dann sehr schnell rausgestellt: das ist ein ganz integraler Bestandteil.

Und heute zweifelt niemand mehr an der Sinnhaftigkeit, die A-Klasse zu integrieren. Wir waren uns aber auch klar: Smart geht nicht und Maybach geht nicht. Von daher ist Stretching ein Faktor. Der zweite ist, wenn man die Werte, die die Kunden hinter der Marke finden wollen und suchen – und die ja in dem Slogan „Das beste oder nichts“ beinhaltet sind – selbst beschädigt oder in Gefahr bringt. Das ist zu einer Zeit geschehen, als das Auto nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses des Konzerns stand. Und ich bin froh und glücklich, dass heute wieder genau diese Werte im Vordergrund stehen.

Der Stern war 40 Jahre lang mein Leitbild

Prof. Jürgen Hubbert. - Foto: Daimler

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie sprechen die Qualitätsprobleme an, die es gab?
Natürlich war das ein Punkt. Ich will mich jetzt nicht rechtfertigen. Nur hatten wir damals die Situation, dass wir Innovationsführer waren und damals mit der Elektronik vorangehen mussten, um neue Dinge zu entwickeln.

Bei dem Versuch, die entsprechenden Elektronik-Elemente zu bekommen, die für die Belastung im Fahrzeug notwendig waren, sind wir gescheitert. Die Industrie sagte: Was, so kleine Stückzahlen? Dann nehmt doch Elektronik aus der Unterhaltungsindustrie, die wird ausreichen. Aber sie hat eben nicht ausgereicht. Aus heutiger Sicht würde ich anders vorgehen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die Kunden hatten aber auch mit verrosteten Türen zu kämpfen; das hat mit Elektronik nichts zu tun…
Nein, es gab natürlich auch Maßnahmen Anfang der 90er Jahre, wo wir zum ersten Mal negative Betriebsergebnisse geschrieben haben und wo sicherlich an der einen oder anderen Stelle die Sparmaßnahmen zu weit getrieben wurden. Und mit technischen Neuerungen, die nicht harmonierten. Daraus sind Belastungen für die Kunden entstanden, die man eigentlich nicht verzeihen kann. Aber ich denke, die haben wir mit Anstand in Ordnung gebracht.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Also ein Lopez-Effekt bei Daimler?
Mit dem Namen möchte ich eigentlich nicht verbunden werden. Aber vom Grundsatz her ist das richtig.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was war Ihrer Meinung nach das wichtigste Auto des Unternehmens in den vergangenen 125 Jahren?
Das ist sehr schwer zu beurteilen: Imagemäßig war es der 300-SL-Flügeltürer, weil er bis heute eine Ikone des Automobilbaus und der Marke ist. Wirtschaftlich ist es die S-Klasse, die dazu beiträgt, dass das Unternehmen beste Ergebnisse erzielt. Und zukunftsgerichtet war es die A-Klasse, die einfach dem Unternehmen neue Kunden zuführte.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was war die wichtigste Technologie?
Da geht es mir ähnlich: Sicherlich war der Airbag eine, die uns geholfen hat, Menschen zu schützen. Trotzdem ist die wichtigste sicherlich das ESP, weil es den Fahrer in kritischen Situationen unterstützt. Damals unter ‚Schmerzen‘ eingeführt in der A-Klasse, hat es bis heute viele Menschenleben gerettet.

Der Stern war 40 Jahre lang mein Leitbild

Prof. Jürgen Hubbert. - Foto: Mayer

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was war das schönste Auto?
Auch das ist Geschmackssache. Wenn man die Menschen in Deutschland oder in der Welt fragen würde, wäre das wohl auch der 300 SL. Aus meiner aktiven Zeit heraus ist es der CLS. Ein Auto, das ein ganz neues Segment eröffnete und in das alle freudig hinein gegangen sind. Das viertürige Coupé kreierte wirklich eine neue Linie und war für Mercedes etwas sehr überraschendes.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wo wird Daimler im weltweiten Ranking der OEMs in 25 Jahren stehen?
Mit Sicherheit in der Spitzengruppe. Weil die Kompetenz, die finanziellen Mittel und der Wille vorhanden sind, die Herausforderungen anzugehen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Verwässern Kooperationen wie beispielsweise mit BYD oder Renault-Nissan nicht die Marke?
Ich glaube das nicht. Die Welt hat erkannt, dass angesichts der Herausforderungen, die ja noch nie größer waren, Kooperationen der Weg sind, um langfristig erfolgreich zu sein. Sicherlich muss man genau darüber nachdenken: mit wem kann, mit wem muss ich zusammen arbeiten; und was heißt das für die Marke? BYD wird niemals ein Mercedes sein. Aber ich lerne die Batterietechnik kennen und kann sie erfolgreich für mich einsetzen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was wird das wichtigste Auto in den nächsten 25 Jahren werden und wie sieht es aus?
Das weiß ich wirklich nicht. Es wird aber seinen Fahrer unterstützen können, um Unfälle zu vermeiden, und eine weitreichende, kommunikative Intelligenz besitzen.

Das Interview führte Bettina Mayer