Joachim Schmidt

Joachim Schmidt: "Mit starken Zugewinnen in den USA und in Wachstumsmärkten konnte Daimler die schwächelnden europäischen Märkte ausgleichen." - Bild: Daimler

Monat für Monat stiegen die Verkäufe von Volkswagen und Co dank der großen Nachfrage aus Schwellenländern auf neue Rekordhochs. Die mahnenden Worte der deutschen Branchenvertreter mit Blick auf das Jahr 2013 schienen eher Zweckpessimismus zu sein. Doch nach und nach zeigt sich, dass sich auch Deutschlands Autobranche den Schwierigkeiten auf dem alten Kontinent immer weniger entziehen kann.

Jüngster Beleg sind die Verkaufszahlen von Volkswagen: Europas Branchenprimus verbuchte mit 1,43 Millionen verkauften Autos der Pkw-Kernmarke – ein Plus von gut 5 Prozent – zwar erneut ein Rekordquartal. Im März war der Absatz jedoch rückläufig. 532.400 Autos wurden an die Kunden in aller Welt übergeben, knapp 1 Prozent weniger als noch im Vorjahr. Das war das erste monatliche Minus seit dem Dezember 2010.

Premiumautobauer feiern neue Bestmarken

Auch die Vertriebszahlen der meisten anderen deutschen Autobauer passen ins Bild: Zwar feierten sowohl BMW als auch Audi zwischen Januar und März neue Bestmarken, im Vormonat fiel das Wachstum mit jeweils drei Prozent jedoch ein ganzes Stück schmaler aus. Kumuliert standen Zuwächse von 5,3 beziehungsweise 6,8 Prozent zu Buche. Bei Deutschlands Oberklasse-Hersteller Nummer Drei, der Daimler-Tochter Mercedes-Benz, führten die mit zunehmendem Erfolg neu eingeführten Kompaktwagen der A- und B-Klasse dagegen dazu, dass es im März mit einem Verkaufsplus von 5,7 Prozent doppelt so stark nach oben ging wie in den ersten beiden Monaten des Jahres.

Mit starken Zugewinnen in den USA und in Wachstumsmärkten sei der schwächelnde europäische Märkte ausgeglichen worden, sagte der Vertriebschef der Stuttgarter, Joachim Schmidt. Auch sein Pendant bei VW, Christian Klingler, erklärte, die Marke Volkswagen Pkw habe sich auf den weltweiten Märkten unterschiedlich entwickelt: Während die Auslieferungen vor allem in Asien und Nordamerika aber auch in China weiter zulegten, entwickelten sich die Verkäufe der Wolfsburger in anderen Regionen wie Westeuropa und Südamerika rückläufig.

Asien und Nordamerika müssen Absatzkrise in Europa ausgleichen

“Wie erwartet werden die Märkte teils deutlich schwieriger”, räumte Klingler ein. Das gilt vor allem in Europa: Wegen der Schuldenkrise ist der sowieso als weitgehend gesättigt geltende Markt mittlerweile seit einer Handvoll Jahren auf Talfahrt. Dieses Jahr dürfte es erneut bergab gehen – dann auf das niedrigste Niveau seit Anfang der 1990er Jahre. Dabei läuft es 2013 bislang sogar schlechter als befürchtet, das gestand Fiat-Chef Sergio Marchionne erst heute auf der Hauptversammlung der kriselnden Italiener ein und blies damit ins selbe Horn wie andere Branchenvertreter vor ihm.

Laut jüngsten Schätzungen der Analysten der Deutschen Bank dürften die Neuzulassungen im Kern Europa im ersten Quartal sogar um ein Zehntel zusammengeschmolzen sein. Der europäische Branchenverband ACEA wird die offiziellen Daten zur Marktentwicklung am 17. April veröffentlichen. Schuld an der schwachen Entwicklung ist nicht zuletzt der deutsche Markt – der größte auf dem Kontinent – der um 13 Prozent unter dem Vorjahr lag, damit überraschend schwach abschnitt und als Stabilitätsanker wegfiel.

Gegenwind wird rauer

Überraschend kommt es nicht, dass der Gegenwind rauer wird. Schließlich hatten alle Lenker der großen deutschen Automobilkonzerne in den vergangenen Wochen und Monaten mehrfach vor zunehmend schwierigeren Marktbedingungen gewarnt und für dieses Jahr bestenfalls stabile Gewinne in Aussicht gestellt. Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler schließt es nun allerdings sogar nicht aus, dass es in der Branche im Jahresverlauf zu Gewinnwarnungen kommen könnte. Auch ein anderer Autoanalyst geht davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich die schwächere Absatzdynamik auf die Ertragslage auswirken wird.

Die zunehmend häufiger werdenden Moll-Töne in der Branche sorgen auch am Markt für schlechte Stimmung. So verlieren beispielsweise VW-Aktien 2,0 Prozent und Daimler-Papiere verbilligen sich leicht um 0,2 Prozent.

“Autos dürften in diesem Quartal mit die schwächste Branche sein”, meint Metzler-Analyst Jürgen Pieper. Und das im Vergleich verschiedener Industrien schwache Abschneiden der Autohersteller dürfte sich auch erst einmal fortsetzen, meint der Branchenexperte. Seit Anfang 2013 fuhren Anleger mit dem Branchenindex im Stoxx bereits fast drei Prozent Verlust ein, wohingegen im breiten Stoxx-Index ein Plus in dieser Höhe anfiel.

Kurse der Autoaktien konnten den Schwung nicht mitnehmen

Die Kurse der Autoaktien konnten also im Unterschied zum breiten Markt den Schwung aus dem vergangenen Jahr nicht mitnehmen, als der Branchenindex knapp 15 Prozent gewonnen hatte. Der Überflieger war 2012 Volkswagen mit einem Kursplus von mehr als 50 Prozent. In diesem Jahr liegen die im deutschen Leitindex DAX notierten VW-Vorzüge dagegen um 10 Prozent im Minus.

Dass es auch bei den Deutschen nicht mehr ungebremst aufwärts geht, ist aber weder überraschend noch dramatisch, schaut man sich die Lage bei anderen europäischen Massenherstellern an. Diese verbuchen seit geraumer Zeit Millionenverluste, was man auch am Aktienkurs ablesen kann. Als Sorgenkind der europäischen Autoindustrie gilt aus Börsensicht Peugeot. In den Jahren 2011 und 2012 wurde die Aktie von immer neuen Verkaufswellen überrollt, unter dem Strich verlor sie zeitweise mehr als 80 Prozent. In diesem Jahr konnte sie sich allerdings bisher leicht um vier Prozent erholen.

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Dow Jones Newswires/Guido Kruschke