Wissmann VDA breit

Matthias Wissmann: "Es ist offensichtlich die Verunsicherung aufgrund der anhaltenden Eurokrise, die die Kunden beim Neuwagenkauf zögern lässt." - Bild: Tobias Bugala

Das sind weitere Hiobsbotschaften für den daniederliegenden europäischen Markt. Weltweit wird die Industrie in diesem Jahr jedoch weiter wachsen – den USA und China sei Dank.

Nach jüngsten Daten wurden zwischen Flensburg und Garmisch-Patenkirchen im Juni fast fünf Prozent weniger Neuwagen verkauft. Im bisherigen Jahresverlauf liegt das Minus damit bei gut acht Prozent auf rund 1,5 Millionen neu zugelassene Autos.

Auch deutsche Autobauer müssen Rückgänge verbuchen

Mit Ausnahme der Stadtflitzer und der weltweit gefragten SUVs sowie Wohnmobile schrumpften die Zulassungen nach Angaben des Kraftfahrtbundesamtes in sämtlichen Fahrzeugsegmenten im zweistelligen Prozentbereich. Die heftigsten Rückgänge von über der Hälfte mussten Lancia und Alfa Romeo hinnehmen.

Außer bei rund einem Dutzend Marken gaben die Absätze sämtlicher Hersteller teilweise deutlich nach. Auch die deutschen Autobauer Audi, BMW, Mercedes-Benz und Opel verbuchten Minuszeichen.

Der deutsche Automarkt ist der größte Europas und war lange der Stabilitätsanker des alten Kontinents. Das ist nun aber zumindest erstmal Geschichte, in den vergangenen Monaten revidierten zahlreiche Experten ihre Schätzungen nach unten.

Veunsicherung der Autokäufer bleibt bestehen

“Der deutsche Pkw-Markt entwickelt sich schwächer als zu Jahresbeginn befürchtet”, sagte Peter Fuß, Automobilfachmann bei Ernst&Young. “Der vorrangige Grund ist die bleibende Verunsicherung des Verbrauchers, der nach wie vor nicht weiß, wo in der Euro-Krise die Reise hingeht.” Dementsprechend stellen potenzielle Käufer geplante Neuanstellungen erstmal hinten an.

Zwar habe es im Jahresverlauf einige Aufholeffekte gegeben – unter anderem bedingt durch Rabattaktionen der Hersteller, sagte Fuß. Trotzdem rechnet er für 2013 mittlerweile mit schrumpfenden deutschen Neuzulassungen. Die meisten Experten befürchten mittlerweile Rückgänge im mittleren einstelligen Prozentbereich, nachdem viele von ihnen bis vor einigen Monaten noch das Vorjahresniveau von 3,1 Millionen verkauften Neuwagen für erreichbar gehalten hatten.

Peter Fuß

Peter Fuß: "Der vorrangige Grund für die schwache Entwicklung des Pkw-Marktes in Deutschland ist die bleibende Verunsicherung des Verbrauchers, der nach wie vor nicht weiß, wo in der Euro-Krise die Reise hingeht." - Bild: Ernst&Young

VDIK und VDA bleiben für das zweite Halbjahr “verhalten optimistisch”

Auch die Automobilverbände haben dieses Ziel mittlerweile ad acta gelegt. Der Importeursverband VDIK verliert jedoch seinen Optimismus nicht. Im zweiten Quartal sei eine positive Entwicklung des Konsumklimas zu spüren gewesen, sagte Präsident Volker Lange: “Der Pkw-Markt startete zu Jahresbeginn mit erheblichen Einbußen, zeigte allerdings schon im April einen Stabilisierungstrend. Verantwortlich dafür ist die Nachfrage der privaten Kunden, und ich gehe davon aus, dass sich diese positive Entwicklung auch im zweiten Halbjahr fortsetzen wird.”

“Deutschland kann sich von diesem krisenhaften Umfeld natürlich nicht abkoppeln”, erklärte VDA-Präsident Matthias Wissmann in Berlin. Auch er zeigte sich mit Blick auf die zweite Jahreshälfte zumindest verhalten optimistisch.

Denn eine überzeugende Erklärung für die derzeitige Marktsituation sei anhand der objektiven Daten nur schwer zu finden. “Die Fundamentaldaten sind nicht mit Italien, Frankreich oder Spanien vergleichbar: In Deutschland ist die Beschäftigungslage gut, die Einkommenssituation ordentlich. Es ist offensichtlich die Verunsicherung aufgrund der anhaltenden Eurokrise, die die Kunden beim Neuwagenkauf zögern lässt.”

Sowohl bei den privaten Käufern als auch bei den gewerblichen Kunden staue sich derzeit ein erheblicher Nachholbedarf an, der in den nächsten Jahren die Nachfrage rund um die Drei-Millionen-Marke stabilisieren werde.

Kaum Hoffnung auf kurzfristige Erholung in Europa

Zarte Hoffnungen auf eine zumindest leichte kurzfristige Erholung in Europa müssen allerdings dennoch wohl zumindest vorerst wieder beerdigt werden, nachdem es im April den ersten monatlichen Zuwachs seit mehr als anderthalb Jahren gegeben hatte. Denn auch auf anderen wichtigen Märkten gab es zuletzt wieder dicke Minuszeichen: Die französischen Neuzulassungen schrumpften im Juni um elf Prozent, die italienischen im ersten Halbjahr um ein Zehntel und die spanischen um fünf Prozent.

Branchenkenner rechnen damit, dass die Verkäufe in der weltweit drittgrößten Vertriebsregion in diesem Jahr zum sechsten Mal in Folge schrumpfen werden. Das würde das niedrigste Niveau seit Anfang der 1990er Jahre bedeuten. Bevor sich der europäische Branchenverband ACEA in eine zweimonatige kommunikative Sommerpause begibt, wird er am 16. Juli die Halbjahreszulassungen veröffentlichen.

Auch Wissmann machte deutlich, dass es alles andere als rund läuft im Kern des alten Kontinents: “Unser Sorgenkind bleibt der westeuropäische Markt”, gestand er ein. Vor allem Italien, Spanien und Frankreich wiesen eine “ausgeprägte Marktschwäche” auf. Für das laufende Jahr rechnet der VDA mit gut 11,1 Millionen verkauften Neuwagen in Westeuropa – ein Minus von 5 Prozent. Vom bisherigen Höchststand aus dem Jahr 2007 von fast 15 Millionen Verkäufen ist der Markt damit fast ein Viertel entfernt.

Deutsche Automobilindustrie braucht starken westeuropäischen Pkw-Markt

“Wir alle können über diese Entwicklung nicht glücklich sein”, fügte Wissmann hinzu. Gerade die deutsche Automobilindustrie brauche einen starken westeuropäischen Pkw-Markt. Die aktuelle Situation sei aber nicht als neue Normalität zu sehen: “Die rund 3 Millionen Neuwagenkäufer, die heute fehlen, sind nicht etwa alle auf die S-Bahn umgestiegen oder nutzen nur noch Carsharing-Angebote. Nein, die meisten dieser Menschen werden, wenn die Staatsschuldenkrise überwunden ist, wieder den Neuwagenkauf tätigen”, übte sich der ehemalige Bundesverkehrsminister in Optimismus.

Trotz der anhaltenden Krise in Europa erwartet der VDA weltweit gesehen in diesem Jahr weiter Wachstum: Der Pkw-Weltmarkt werde 2013 um zwei Prozent auf 70,5 Millionen verkaufte Neuwagen zulegten, sagte Wissmann. Getragen werden soll das Wachstum vor allem von den USA und China, wo Zuwächse um fünf beziehungsweise gar zehn Prozent prognostiziert werden.

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Dow Jones Newswires/Guido Kruschke