Hans Dieter Pötsch

Hans Dieter Pötsch: Volkswagen verfolgt das Ziel einer engeren Zusammenarbeit aller beteiligten Unternehmen bei Einkauf, Entwicklung und Produktion. - Bild: VW

Jahrelang wurde darüber diskutiert und spekuliert – jetzt schafft Volkswagen Klarheit: Der Wolfsburger Autobauer erhöht seinen Anteil bei MAN und legt ein Übernahmeangebot vor.

Volkswagen drückt bei der seit Jahren angestrebten Lkw-Allianz mit Scania und MAN aufs Tempo: Der Wolfsburger Autobauer hat für den Münchener Lastwagenkonzern MAN ein Übernahmeangebot vorgelegt. Das teilte VW am Montag in Wolfsburg mit. Erstmals nannte die VW-Führung dabei konkret das Ziel, einen neuen Nutzfahrzeugriesen schaffen zu wollen.

Volkswagen habe seinen Anteil an den MAN-Stammaktien von 29,9 Prozent auf etwas mehr als 30 Prozent erhöht. Damit muss VW den Aktionären ein Pflichtangebot machen. VW-Finanzchef Hans Dieter Pötsch sagte in einer Telefonkonferenz, Volkswagen strebe 35 bis 40 Prozent an MAN an. Das würde den Wolfsburger Konzern bis zu 1,5 Milliarden Euro kosten. Bei dem schwedischen Lastwagenbauer Scania hält VW bereits die Mehrheit der Stimmrechte.

Grund für diesen jüngsten Schritt sei vor allem das Ziel einer engeren Zusammenarbeit aller beteiligten Unternehmen bei Einkauf, Entwicklung und Produktion, hieß es in der Mitteilung. Allein im Einkauf betrage das Ausmaß der jährlichen Synergien mindestens 200 Millionen Euro, sagte Pötsch. “Wir glauben, dass zusätzliche Werte geschaffen werden können. Die Erhöhung unseres Anteils ist der beste Weg, um dies sicherzustellen.”

Bisher war die Kooperation der Lastwagenbauer eher schleppend verlaufen. Gespräche zwischen allen Beteiligten hätten bestätigt, dass kartellrechtliche Beschränkungen hohe Hürden für die Kooperation darstellten und die Erschließung wesentlicher Synergieeffekte behinderten, erklärte VW.

Für eine Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen MAN, Scania und Volkswagen seien fusionskontrollrechtliche Genehmigungen und eine weitere Aufstockung des VW-Anteils an MAN erforderlich. Daher habe VW beschlossen, die Voraussetzungen zu schaffen, um die “bisherigen Schranken” zu überwinden.

MAN-Betriebsratschef Jürgen Dorn begrüßte die Pläne im Grundsatz, fordete von Volkswagen aber rasch konkrete Verhandlungen über die Sicherung von Standorten und Arbeitsplätzen sprechen. “Wir heißen Volkswagen willkommen. Jetzt muss der Vorstand von Volkswagen auch zeigen, dass es mit der Standort- und Beschäftigungssicherung und den Arbeitnehmerrechten ernst gemeint ist.”

Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) mahnte VW, MAN, Arbeitsplätze und Standorte zu erhalten. “MAN ist ein Aushängeschild der bayerischen Wirtschaft und soll es auch in Zukunft bleiben.” Auch die Sparte Diesel & Turbo in Augsburg müsse Teil von MAN bleiben. “Bei einer Abspaltung des Geschäftsbereichs wäre zu befürchten, dass dies letztlich zu einer Zerschlagung von MAN führen könnte.”

VW will den MAN-Aktionären spätestens Ende Mai ein Angebot machen, der genaue Preis werde auch erst dann feststehen. Voraussichtlich werde er bei etwa 95 Euro pro Stammaktie liegen. Damit würde er keine Prämie – also einen Aufschlag auf den aktuellen Kurs – enthalten, die den Aktionären das Angebot schmackhaft machte.

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Ulrich Hocker, sagte, das Angebot sei nicht interessant, weil es keinen ausreichenden Aufschlag biete. VW wolle damit offensichtlich nur der gesetzlichen Pflicht entsprechen, wonach beim Überschreiten der 30-Prozent-Schwelle beim Anteilsbesitz ein Angebot an alle Aktionäre fällig wird. Danach könnten die Wolfsburger über die Börse nach Belieben weiter zukaufen. Die MAN-Aktie kletterte in der Spitze bis auf 99,60 Euro.

Das mögliche Modell eines integrierten Lkw-Konzerns sowie die jeweiligen Beteiligungsverhältnisse seien weiter offen, hieß es bei Volkswagen. VW-Chef Martin Winterkorn betonte aber: “Das Nutzfahrzeuggeschäft ist für uns ein hochinteressantes, strategisches Geschäftsfeld.”

Ferdinand Piech

Eine Lkw-Allianz unter dem Dach von VW gilt seit langem als ein Ziel von VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch. - Bild: VW

Er versicherte zugleich, die markenspezifischen Eigenschaften und alle Geschäftsfelder von MAN und Scania würden unangetastet bleiben. Das gelte auch für Mitbestimmungs- und Arbeitnehmerrechte sowie die Standorte. “Wir wollen gemeinsam mit dem Management und den Mitarbeitern den integrierten Nutzfahrzeugkonzern für alle Aktionäre und Kunden erfolgreich gestalten”, sagte Winterkorn. Eine Lkw-Allianz unter dem Dach von VW gilt seit langem als ein Ziel von VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch.

MAN wurde von der Ankündigung aus Wolfsburg völlig überrascht. Das Unternehmen stehe dem Übernahmeangebot von Volkswagen offen gegenüber und wolle die Pflichtofferte an die Aktionäre prüfen, teilte der Lastwagenbauer mit. Und weiter: “Die MAN SE teilt die Ansicht über die industrielle Logik einer intensiveren Zusammenarbeit zwischen der MAN SE, der Scania AB und der Volkswagen AG.” Eine engere Zusammenarbeit mit Scania könne helfen, Geld zu sparen.

Der schwedische Hersteller Scania reagierte zurückhaltend. Sprecher Hans Åke Danielsson sagte, Volkswagen habe selbst erklärt, dass damit der Prozess einer zunehmenden Verknüpfung von Scania und MAN erleichtert werden solle. “Das ist sicher richtig. Wir haben schon lange unser Interesse an einer Zusammenarbeit mit MAN in gewissen Bereichen erklärt.”

dpa/Guido Kruschke