AF Stuttgart Holmqvist

Lars Holmqvist: Sieht im wachsenden Protektionismus eine massive Bedrohung für die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Autolieferanten. - Bild: Sabine Hofmann

“Droht ein neuer Protektionismus?”, fragt Lars Holmqvist, CEO der European Association of Automotive Suppliers (CLEPA) auf dem 22. AUTOMOBIL FORUM 2011 in Ludwigsburg.

Und der Chef des europäischen Zuliefererverbands schlägt Alarm, wenn er die Frage eindeutig beantwortet: “Ohne Zweifel, ja, und die Automobilbranche in der Europäischen Union muss sich mithilfe der EU-Institutionen die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um ihre weltweite Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.” Und er malt ein düsteres Zukunftsszenario: Dieser Protektionismus – von China, über Russland bis Argentinien – werde schlimmer und schlimmer, und das könne nicht nur die europäische Zulieferbranche, sondern auch die gesamten Gesellschaften auf unserem Kontinent nachhaltig schädigen.

Aus Notwehr musste man sogar in der EU bereits zu Gegenmaßnahmen wie diesen greifen: Im vergangenen Jahr etwa belegte die EU chinesische Alu-Räder mit höheren Zöllen, um staatlichen Subventionen bei Aluminium, die die chinesische Regierung ihren Unternehmen gewährte, zumindest zum Teil zu neutralisieren – und somit die europäischen Anbieter vor den Dumping-Rädern aus China zu schützen. Sonst wäre der Markt damit überrannt worden

“Die europäische Automobilindustrie kreierte bisher zwölf Millionen Jobs”, konstatiert Holmqvist. Aber in Europa werde auf absehbare Zeit kaum Wachstum in der Produktion von Fahrzeugen möglich sein. Deshalb ist das Wachstum in Märkten außerhalb der EU, allen voran China, so signifikant für die heimische Industrie.Und dabei sind die europäischen Automobilzulieferer auf freien Handel angewiesen.

Holmqvist meint, dass die Herausforderungen, mit dem wachsenden Protektionismus – etwa in Russland, Argentinien, Brasilien und China – umzugehen, zu den nicht erst zukünftig substanziellen Problemen der Branche gehören.

Russland hatte erst kürzlich, entgegen WTO-Regeln – Autobauer gezwungen, sich auch höhere Lokalisierungsgrade festzulegen. In China schützt die Regierung eigene Zulieferer über das so genannte ‘Triple C’, die China Compulsory Certification, mit dem man wettbewerbsfähigen ausländischen Lieferanten das Leben unnötig schwer macht.

Diese Maßnahmen der Nationen führe zunehmend zu einer Abschottung interessanter Absatzmärkte einerseits, oder zu einem gleichzeitigen ungewollten Transfer fortgeschrittener Technologien in diese Wachstumsländer, etwa als eine Vorbedingung für einen Markteintritt von ausländischen Firmen. Dabei sei Elektromobilität ein Schlagwort, dass künftig massiv an Bedeutung gewinnen werde, betont der 64-jährige Schwede, der seit 2004 Chef des europäischen Zulieferverbandes ist und über mehr als 35 Jahre Erfahrung im Automobilsektor verfügt.

Auch weitere Länder wie Indien, die Türkei, die Ukraine, ASEAN-Staaten wie Indonesien oder Südafrika müssten vom grassierenden Protektionismus lassen und sich (wieder) mehr dem freien Handel öffnen.

Doch es werde immer schwieriger, und Holmqvist warnt pessimistisch sogar vor drohenden Handelskriegen. Sein Fazit lautet: “Wir müssen härter werden im Umgang mit dem wachsenden Protektionismus, oder wir erodieren unsere Arbeitsplätze und verlieren die Exportstärke, auf die wir so stolz sind.” Zudem wird IP, das  Intellectual Property, wichtiger denn je. Das sei schützenswerter denn je, um unseren Vorsprung auf dem Weltmarkt nicht noch schneller einzubüßen. Er appelliert, europäische Innovationsvorsprünge, etwa im Hinblick auf Dieseltechnologien, besser zu nutzen. Freier Handel sei keine Einbahnstraße, wo eine Seite alle Vor-, die andere alle Nachteile zu tragen habe. Das Handelsklima muss für alle Beteiligten erträglich bleiben.

Das alles sei Anlaß genug, um tiefgreifende Diskussionen zu garantieren und um rigorose Maßnahmen zu ergreifen, betont der studierte Chemieingenieur mit einem weiteren Abschluss in Business Administration. Er lud alle Teilnehmer des AUTOMOBIL FORUMs in Ludwigsburg, alle Lieferanten der Branche, dazu ein, zusammen mit der in Brüssel sitzenden CLEPA diese Debatten im Sinne der europäischen Automotive-Industrie zu gestalten.