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Ralf Kalmbach: Ich glaube fest, dass sich der Automobilsektor bis 2025 dem größten Transformationsprozess seiner Geschichte unterziehen wird. - Bild: Sabine Hofmann

Basis der Ergebnisse ist “Automotive Landscape 2025″ ? die jüngste Studie von Roland Berger Strategy Consultants, für die mehr als 60 führende Experten der Automotive-Industrie weltweit befragt wurden. Eine zentrale Erkenntnis: In den kommenden 15 Jahren werde sich der Sektor dem größten Transformationsprozess seiner Geschichte unterziehen. Diese werde massive Auswirkungen auch auf die Zulieferindustrie haben, Schwerpunkte werden sich verschieben, Kerntechnologien stehen vor Veränderungen, organisatorische Strukturen werden umgebaut, Mitarbeiter müssen gänzlich neue Anforderungen erfüllen und neue Geschäftsmodelle werden aufkommen, ist sich Kalmbach sicher.

“Fünf Megatrends, sie heißen geopolitischer und demographischer Wandel, Nachhaltigkeit, die Evolution der Mobilität, also geänderte Verhaltensmuster und Randbedingungen, sowie die künftigen technologischen Veränderungen, das sind die Treiber für die Entwicklung der Automobilbranche”, sagt Kalmbach. Das hat Auswirkungen auf alle industriellen ‘Player’, wie Bergers Automotive-Experte konstatiert.

Zum einen werden die dramatischen Verschiebungen hin zu Asien weitergehen. Das Ziel heißt dabei weiterhin in erster Linie China. Und es bedeutet eine Gewichtsverschiebung im regionalen Gefüge. Denn 2025 könnte China nach Bruttosozialprodukt die zweitgrößte Nation nach den USA sein. In China soll die Zahl der Autos pro 1.000 Einwohner von noch 43 Einheiten im Jahr 2000 auf 198 bis 2025 steigen. Der Absatz von Light Vehicles könnte sich in der Triade von 80 Prozent in 2000 auf 44 Prozent im Jahr 2025 reduzieren, zeitgleich steigen die Verkäufe in China von 3 auf 31 Prozent an.

Dies hat vergleichbare Auswirkungen für die Fertigung: Deren Anteil in der Triade fällt von 86 Prozent imJahr 2000 auf voraussichtlich 44 Prozent in 2025, während die Light-Vehicle-Produktion in China zeitgleich von sechs auf über 30 Prozent ansteigt. Davon sind sowohl Produktionen als auch Vertriebswege betroffen, denn der Absatz dort wird immer signifikanter. Das hat Auswirkungen auf die Gestaltung der Produkte, die stärker den Ansprüchen der asiatischen Kunden angepasst werden müssen.

Das hat zur Folge, dass auch die Forschung und Entwicklung verlagert wird, das heißt. mehr R&D-Zentren und regionale Hauptsitze in Asien werden gegründet. Diese Verlagerung wird durch den Fachkräftemangel in Europa und den USA noch beschleunigt. Das Haupbevölkerungswachstum findet in den nächsten 14 Jahren natürlich in den sich entwickelnden Ländern statt, und dort liegen die Zukunftsmärkte.

Stichwort Affordability/Bezahlbarkeit: Die Nachfrage in Asien besteht dabei auch längerfristig noch eher nach kleinen und niedrigpreisigen Pkw. Transport muss dort in erster Linie bezahlbar und erschwinglich sein, nicht nur bei Anschaffung, sondern auch im Unterhalt. Das Kleinwagensegment wird aber auch in den etablierten Märkten wachsen. Das biete zusätzliche Umsatzmöglichkeiten für Lieferanten, speziell bei Antriebs- und Exterieurkomponenten. Darum müssen sich die Anbieter von Fahrzeugen, speziell die deutschen OEMs kümmern, meint Kalmbach.

Die Komplexität in künftigen Fahrzeugen wird weiterhin steigen; auch Leichtbau bleibt ungeheuer wichtig. Die Elektrifizierung der Antriebsstränge neuer Pkw wird weiter wachsen, jedes zweite wird 2025 in Europa in unterschiedlichen Graden (Elektro, Range Extender, Full- und Mild Hybrids) darüber verfügen. In Japan/Südkorea und in den USA wird der Anteil konventioneller Verbrennungsmotoren dann noch bei 54 resp. 58 Prozent liegen, in China werden sogar noch zwei von drei Neufahrzeugen mit klassischen Verbrennungsmotoren unterwegs sein.

E-Autos könnten 2025 rund zehn Prozent der Neuwagenverkäufe erreichen. Hybride könnten einen 40-prozentigen Anteil erzielen, die übrigen 50 Prozent werden also weiter mit Verbrennungsmotoren unterwegs sein, prognostiziert Kalmbach. Diese zunehmende Komplexität im Angebot, in der Fertigung und der Entwicklung schlägt dabei naturgegebenermaßen auf die komplette Kette von Lieferanten und OEMs durch.

Zudem werden künftig sehr viele Fahrzeuge mehr dann permanent online sein, um Informationen via Internet auszutauschen. ‘Connectivity’ heißt das Zauberwort. Eine große Zahl Komponenten von Bedeutung für Zulieferer wird Elektronik-basiert sein, besonders in den Bereichen Chassis und Powertrain.

Neue Businessmodelle, Partner und Wettbewerber werden auftauchen, die den Status-quo in Frage stellen werden ? speziell wenn sie aus anderen Sektoren als dem Automobilbau kommen. Zudem müssen Zulieferer neue Partnerschaften eingehen, im Hinblick auf Technologiezugang, Kunden, Märkte und die Sicherung der ‘economies of scale’.

Automotive-Unternehmen müssen schließlich flexibler werden, weg von zentralisierten Strukturen, hin zu multinationalen. Dazu müssen die Firmenstrukturen für alle Mitarbeiter aus allen Regionen durchlässiger werden. Um wirklich global handlungsfähig zu werden, müssen Reichweite mit lokalen Bedürfnissen und Regulationen verknüpft werden. Zudem werde sich die Konsolidierung der Lieferanten, besonders in Asien fortsetzen, so ein weiteres Studienergebnis. Die wichtigste Aufgabe der Zulieferer heiße dabei, offen und flexibel zu bleiben, sie müssen ganzheitlich denken und handeln, um die künftigen Chancen richtig nutzen zu können.

Kalmbachs 10-Punkte-Fazit:

  • der Schwerpunkt der Autoproduktion verlagert sich nach Asien,
  • kleine Fahrzeuge gewinnen an Bedeutung und sind das globale Wachstumssegment;
  • Mobilität mit dem Auto in Ballungszentren sinkt;
  • die Elektrifizierung des Antriebs steigt signifikant;
  • Autos sind künftig online;
  • neue Wertschöpfungspartizipenten werden die klassischen Märkte aufmischen;
  • trotz Fachkräftemangels müssen Innovationen kommen;
  • nicht alles ist mehr alleine zu stemmen, Unternehmen müssen sich in Netzwerken organisieren;
  • daraus ergibt sich eine Flexibilisierung, beispielsweise das Lernen von anderen Branchen;
  • abschließend gilt: die Konsolidierung in der Branche wird weiterlaufen.

Gerade bei der Organisation in Netzwerken und Clustern, sieht der Roland-Berger-Geschäftsführer und Leiter der Automotive Unit noch große Potenziale.

Wesentliche Wachstumsfaktoren für erfolgreiche Unternehmen sind laut Kalmbach vier Schwerpunkte. Dazu zählt er die Themen Emissionsreduzierung, Sicherheit, Komfort und Bezahlbarkeit der Fahrzeuge.