AF Stuttgart Prof. Langhammer

Prof. Langhammer vom Kieler IfW warnt die 230 Teilnehmer des AUTOMOBIL FORUMs 2011 Ende Mai in Ludwigsburg vor einer zu starken China-Ausrichtung. - Bild: Sabine Hofmann

Der Experte warnt vor den Gefahren einer Fokussierung auf die asiatische Wirtschaftslokomotive und der Vernachlässigung anderer Märkte.

China, China, China … Zwar findet noch 60 Prozent der Exporte innerhalb der EU statt, doch China hat sich im Jahre 2010 bereits zum siebtwichtigsten Exportland der Bundesrepublik, zum zweitwichtigsten außerhalb der EU und zum wichtigsten Importland emanzipiert. Deutsche Unternehmen können zwar besser vom Wachstum des chinesischen Marktes profitieren als die Konkurrenten aus anderen Ländern, und vieles deutet darauf hin, dass China gegen Ende des Jahrzehnts etwa zwei Drittel der Größe des amerikanischen Marktes  – als zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Erde – ausmachen wird. Ebenso könnten dann möglicherweise die Dollarausgaben des Landes über denen der USA liegen.

“Die schiere Größe des Landes bei gleichzeitig großem Wachstum von jährlich acht Prozent verschafft China eine nicht zu kompensierende Bedeutung”, stellt der IfW-Experte klar. Doch da liege es für deutsche Unternehmen nahe, so Prof. Langhammer vor den 230 Teilnehmern des AUTOMOBIL FORUMs 2011, die vergangene Entwicklung einfach fortzuschreiben und weiter oder erstmalig auf die chinesische Karte zu setzen.

In der Tat ließen sich die Kosten einer weniger auf dieses Land fokussierten Strategie angesichts der schieren Größe und der Dynamik der chinesischen Volkswirtschaft nicht von der Hand weisen. Und bislang spiele der Strukturwandel in der chinesischen Nachfrage hin zu hochwertigen Kapital-und Konsumgütern auch dem deutschen Exportprofil in die Karten.

Doch das Land verändert sich massiv vom Produzenten- hin zum Konsumentenmarkt. Stichworte sind beispielsweise veränderte Essgewohnheiten der Chinesen. Steigender Fleischkonsum führe etwa zu global wirkenden Veränderungen im Marktgefüge und in der Ressourcenverteilung. Ähnliches gilt für den innerchinesischen Tourismus. Langfristig fehle den traditionell industriell starken Exporteuren Deutschland und Japan ein Dienstleistungsschwerpunkt für den schwergewichtigen chinesischen Markt, meint Prof. Langhammer.

Aber China ist keine bloße Konjunkturlokomotive, konstatiert der Vizepräsident des IfW, sondern ein Taktgeber, der vor gewaltigen Herausforderungen und auch Anpassungszwängen stehen dürfte. Sich von ihm abhängig zu machen, hieße, die Augen vor den Risiken zu verschließen und Chancen anderer Schwellen-und Entwicklungsländer zu unterschätzen. Denn Taktgeber wie China können positive wie negative Shocks durch Politiken oder exogene Ereignisse auslösen.

Was Länder wie die Türkei, Mexiko oder Indonesien außerhalb der BRIC-Gruppe noch vor sich haben, nämlich das Entstehen einer kaufkräftigen Mittel-und Oberschicht, hat China möglicherweise bereits hinter sich. Chinas Wirtschaftspolitik unter einer neuen mehr zentralistisch ausgerichteten Führung wird in den nächsten Jahren eine stärker binnenorientierte Nachfrage mit niedrigerem Trendwachstum fördern, um politisch sensible Einkommensungleichheiten in Grenzen zu halten. Sie wird daher das Nachfragewachstum auch mit politischen Maßnahmen stärker in Richtung eher gering Verdienender verschieben. Dienstleistungen, noch nicht die Stärke deutscher Exporte, werden dabei eine größere Bedeutung erlangen als verarbeitete Güter, davon ist Prof. Langhammer überzeugt.

Eine trendmäßige Aufwertung der chinesischen Währung wird vor allem die Wettbewerbsfähigkeit von ausländischen Anbietern mit preissensiblen Standardgütern stärken und nicht so sehr dem weniger preisanfälligen hochwertigen deutschen Angebot zugute kommen.

Chinas Wirtschaftspolitik wird weiterhin weitgehend von eigenen politischen Interessen bestimmt sein und daher das Risiko von raschen Kurswechseln je nach politischer Opportunität beinhalten, warnt der IfW-Vizepräsident.

Und schließlich ist es angesichts der grenzüberschreitenden Wertschöpfungsketten und fortschreitenden regionalen Integration angezeigt, künftig mehr in Perspektiven von Räumen und Regionen als von Nationen zu planen, so Prof. Langhammer.Er sieht als Alternativen andere Schwellenländer wie Indien, Brasilien, ASEAN, deren kaufkräftige Mittelschichten aber noch zu klein sind. Die Golf-Staaten sieht er eher als einen Bouiquemarkt für Sonderfertigungen. Rohstoffreiche Entwicklungsländer seien laut Langhammer nur als Märkte interessant, “wenn die Markterschließung auf eine Post-Rohstoffphase ausgerichtet sei”. Sonst blieben die Systeme zu fragil und anfällig für konjunkturelle Schwankungen. Nach einer Wachstumsfeldbewertung von Goldman-Sachs könnten neben Ägypten, Bangladesch, Indonesien, aber auch der Iran, Mexiko, Nigeria, Pakistan oder die Philippinen dazu gehören.

Ohne China ist nichts, aber mit China ist noch lange nicht alles, so das abschließende Fazit des IfW-Vizechefs. Zwar lasse der Größeneffekt plus die zunehmende Integration Chinas in die Region den Markt quasi ‘alternativlos’ erscheinen. Doch die Risiken dort, der Strukturwandel, Konsolidierung und die zu erwartende Wachstumsverlangsamung in China sollten seiner Ansicht nach beachtet werden. Langhammer sieht künftig ein robusteres Wachstum in Indien, wobei der Subkontinent einen deutlich schwierigeren und geschlossenen Markt als China darstelle.

Prof. Dr. Rolf J. Langhammer ist Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft, Honorarprofessor für internationale Wirtschaftsbeziehungen und Entwicklungsökonomik an der Universität Kiel und Berater nationaler und internationaler Einrichtungen, darunter auch die Bundesregierung. Er forscht seit vielen Jahren über Fragen der internationalen Arbeitsteilung, insbesondere internationale Handelspolitik mit besonderem Schwerpunkt auf asiatische Schwellenländer.