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Edda Wolf: Bis 2020 könnte in Russland die Marke von vier Millionen abgesetzter Fahrzeuge erreicht werden. - Bild: Sabine Hofmann

Chancen und Risiken in Putins Reich – was überwiegt? Darauf versucht am zweiten Kongresstag Edda Wolf, Senior Manager Osteuropa von der German Trade and Invest GmbH, eine Antwort zu geben.

Die Volkswirtschaftlerin mit Schwerpunkt Außenwirtschaft wagt eine Prognose über die Entwicklung des russischen Automobilmarkts bis 2020. Noch im ersten Quartal 2011 lag Russland auf Platz fünf. Wolf prognostiziert jedoch ein Vorrücken auf Platz zwei bis Jahresende. Bis 2020 könnte dann die Marke von vier Millionen abgesetzter Fahrzeuge erreicht werden.

Zu den meistverkauften Marken und Modellen im Land gehören etwa Modelle von Toyota, Nissan und Mitsubishi. Das Wachstum russischer Hersteller sei eher unterduchschnittlich. Zu den Top Ten gehöre als ausländische Marke etwa der Renault Logan. Zu den Herausforderungen des Absatzmarkts zähle die graduelle Verringerung des Wachstumstempos. Längst reiche auf dem russischen Markt ein Preisnachlass nicht mehr aus, so Wolf.

Die Kunden in Russland seien mittlerweile erfahrener und wünschen ein qualitativ hochwertiges Produkt. In Russland gehe es um Satus, daher sei die Chance der chinesischen Marken auch noch gering. Größte Absatzregionen sind die Millionenstädte. Russische Kunden seien nicht markentreu, schildert die Expertin. Als OEM könne man hier aber noch “von Null auf Hundert hochschießen.” Punkto Service stellt Wolf beim Unterthema Wartung eine geringe Treue zu Händlern fest. Für die Marketingseite macht Wolf darauf aufmerksam, dass die Russen über eine sehr hohe Affinität zu sozialen Netzwerken verfügen. Dies sollte bei Aktionen berücksichtigt werden

Zur Produktion von Automobilen sagt die Volkswirtin, dass Russland etwa bei der Errichtung neuer Produktionskapazitäten mindestens 300.000 Kfz pro Jahr nach Ablauf von vier Jahren fordert. Zu den strengen Vorgaben wie diesen zählen auch Einschränkungen in den Investitionsplänen. Aktuelle Hürde: So sei ein enstprechendes Programm im April 2011 um fast eine Milliarde gekürzt worden. Grund sei die hohe Schuldenlast. Bei AwtoWAZ überlege man daher ausgleichende Maßnahmen, so Wolf.

Zu den neuen Aktivitäten zähle etwa die Montage des Ford Focus und Mondeo sowie eine Montage eines SsangYong-SUV bei Sollers. Daimler etwa habe die Sprinter-Fertigung zur GAZ-Gruppe verlagert. Fiat stehe jedoch ohne Partner da, so Wolf, und werde es daher schwer haben. Man führe Verhandlungen mit Banken, die jedoch bereits das Engagement von Ford und Sollers unterstützen. PSA werde 2012 in Kaluga zur vollen Produktion übergehen. Toyota plane ein zweites Werk, werde wohl aber nach der Atomkatastrophe erst die Probleme im eigenen Land angehen.

Zu den Hürden für Zuliefer zählen etwa die Zölle für die Einfuhr von Teilen, aber auch steigende Strom- und Gaspreise. In diesem Jahr stiegen die Tarife allein um 16 bis 20 Prozent und im nächsten Jahr erwartet Wolf dann nochmals einen Anstieg um etwa 13 Prozent.

Ursache sei die Liberalsisierung des Strommarkts. Auch über solche Details müsse man sich bei einem geplanten Engagement rechtzeitig Gedanken machen, mahnt Wolf. Das Engagment der renommierten Zuliefererbetriebe in Russland sei stark. Russische Zuliefer wollen mittlerweile aber selber am Erfolg teilhaben und seien Willens stark von den westlichen zu lernen, um verstärkt in das Geschäft einzusteigen.