Weltkarte

Glanz und Kratzer - Die Konjunktur schaltet einen Gang zurück. - Bild: kru

“Klar ist: Die Konjunktur schaltet einen Gang zurück – in Deutschland, aber vor allem in anderen Ländern”, sagt Andreas Scheuerle, Konjunkturexperte der Dekabank.

Tatsächlich lauten die Prognosen zum Beispiel der EU-Kommission für das Wachstum der Weltwirtschaft im Jahr 2011 auf 4,0 Prozent beziehungsweise 4,1 Prozent für das Folgejahr. 2006 lag es dagegen bei stolzen 5,4.

Die Geschäfte laufen noch glänzend

Bei den meisten Dickschiffen sprudeln noch immer die Gewinne. Doch anders als zu Beginn des Booms wird das Bild uneinheitlicher: Volkswagen verdreifachte zwar seinen Überschuss im ersten Halbjahr auf 6,5 Milliarden Euro, trotzdem stürzte die Aktie ab. Der Lkw-Absatz bei MAN brummt so sehr, dass die Münchner ihren Gewinn im zweiten Quartal fast verdoppelten. Siemens verdiente wegen abflauender Konjunktur und diverser Belastungen eine halbe Milliarde, deutlich weniger als im Vergleichsquartal. Die Chemieriesen Bayer und BASF dagegen stehen lange nicht so gut da wie von Börsianern erhofft – das BASF-Papier fiel deutlich um fünfeinhalb Prozent. Der Lufthansa verhagelten hohe Kerosinkosten die Bilanz.

Die Ausblicke sind bei vielen Konzernen inzwischen leicht getrübt: “Es existiert eine Reihe von Gefahrenmomenten”, warnt etwa Siemens-Chef Peter Löscher. Als größte Risiken nennt er eine mögliche Überhitzung der Konjunktur in den Schwellenländern, die Situation in Nordafrika und Nahost und die stark schwankenden Rohstoffpreise. BASF sorgt sich vor allem wegen des teuren Öls: Es belaste die Margen und habe “manchen Kunden bewogen, etwas vorsichtiger zu disponieren”, wie es Vorstandschef Kurt Bock formuliert.

Bei solchen Aussagen werden Börsianer hellhörig. Ist die Stimmung so nervös wie im Moment, müssen Konzerne schon enorm gute Zahlen vorlegen, um den Kursen noch Auftrieb zu geben, wie ifo-Chefvolkswirt Kai Carstensen erklärt: “Die Unternehmen sagen zwar, dass es weiter gut vorwärts geht. Aber nicht, dass es noch mal dramatisch aufwärts geht.” Nun komme eben ruhigeres Fahrwasser: “Vor allem in den Schwellenländern, wo die Konjunktur mit Überhitzungserscheinungen zu kämpfen hat, und wo die Zentralbanken dämpfen. Das wirkt sich natürlich auf die Absätze aus.”

Im Moment sind die USA nicht mehr der Impulsgeber

Die USA taumeln am Rande der Zahlungsunfähigkeit. Selbst wenn es den Politikern doch noch gelingen sollte, ihre Schuldengrenze anzuheben – die hohe Staatsverschuldung erlaubt es den US-Politikern nicht mehr, ihre Wirtschaft wie noch 2008 mit Konjunkturprogrammen zu stimulieren.

Statt dessen steht der wichtigsten Volkswirtschaft der Welt ein strenger Sparkurs bevor. Die Postbank rechnet damit, dass die amerikanische Wirtschaft im Jahr 2011 um 2,4 Prozent wachsen wird. Zu mehr reicht es derzeit nicht – unter anderem deswegen, weil es dem Durchschnittsamerikaner an finanzieller Schlagkraft fehlt.

Die US-Schuldenkrise werde den Markt wohl bis zu seiner Lösung beherrschen, erwartet etwa Matthias Jasper, Chef des Aktienhandels bei der WGZ Bank. Zwar werde sich der Billionen-Dollar-Konflikt schon irgendwie lösen lassen. “Bis dahin kann aber durchaus noch mehr Porzellan zerschlagen werden.”

Die Folge all dieser Entwicklungen: “Die Konjunktur wird insgesamt weniger dynamisch. Das heißt aber noch lange nicht, dass Geschäfte wegbrechen, oder dass es zu größeren Katastrophen kommt”, sagt Volkswirt Scheuerle. “Noch sind wir weit von einer Situation entfernt, in der man sich ernsthaft Sorgen um die deutschen Konzerne machen muss.”

Ein Spiegelbild dieser Entwicklung liefert der Arbeitsmarkt: Die Nachfrage nach Arbeitskräften ist zwar weiterhin auf hohem Niveau, hat aber an Dynamik verloren. Experten erwarten zwar, dass die Zahl der Arbeitslosen im Herbst wieder zurückgeht, wenn die Konjunktur stark bleibt. Die Unsicherheiten aber nehmen auch hier zu.

Als mögliche Zugpferde für die Konjunktur bleiben für die Fondsgesellschaft nur die Emerging Markets, China und Co. Immerhin haben diese Länder die Finanzkrise vergleichsweise unbeschadet überstanden. China erwirtschaftet sogar Haushaltsüberschüsse, Mitte 2011 lag er bei 193 Milliarden Dollar. Dennoch könnte sich die Region als unsicherer Kantonist erweisen. Zum einen kämpft China mit hoher Inflation. Zum anderen ist China immer stärker darauf bedacht, die Bedürfnisse der heimischen Konsumenten durch eigene Unternehmen zu stillen.

Deutschland besonders anfällig für globale Abkühlung

Und Deutschland? Die Bundesrepublik steht noch deutlich besser da als andere Länder. So liegt der öffentliche Schuldenstand in Deutschland bei 83,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in der Eurozone im Schnitt bei 85,1 Prozent – und in den USA bei 92 Prozent. Um 2,6 Prozent soll die hiesige Wirtschaft 2011 wachsen, die des westlichen Nachbarn Frankreich nur um 1,8 Prozent. Und in Italien um 1 Prozent.

Auch der Anteil des Bruttoinlandsprodukts, das für Forschung & Entwicklung ausgegeben wird, ist in Deutschland mit 2,82 Prozent höher als im Schnitt – im Euro-Raum lag diese Quote 2009 bei 2,05 Prozent, so Eurostat.

Doch allein kann sich auch das immer noch robuste Deutschland nicht gegen eine sich verlangsamende Weltkonjunktur stemmen. Das Wohl und Wehe der Global Player aus Deutschland hängt von der weltweiten Nachfrage ab – aus diesem Grund fiel die Erholung seit 2009 in Deutschland auch so kräftig aus. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es mit den Rekordzahlen der deutschen Industrie erst einmal vorbei ist.

Wie geht es also weiter für die deutsche Wirtschaft? “Wir gehen von Wachstumsraten von gut zwei Prozent aus. Das ist längst nicht mehr so dynamisch, aber wir sind weiterhin gut dabei”, sagt ifo-Experte Carstensen. “Dies gilt aber nur, wenn wir keine weiteren Krisen sehen müssen. Wenn in den USA wirklich etwas radikal schief geht, wird sich eine solche Prognose wohl nicht aufrechterhalten lassen.” Auch die Euro-Schuldenkrise sei nicht ausgestanden.

Volkswirt Scheuerle sieht das ähnlich: “Die Erträge werden im nächsten Jahr wohl geringer wachsen, wenn die Konjunktur einen Gang zurückschaltet.” Die Rekordjagd sei dann zwar beendet, man dürfe aber nicht vergessen: “Die deutschen Unternehmen sind dank ihrer Produkte hervorragend aufgestellt, gerade auf den globalen Märkten.” Insbesondere auf den Schwellenmärkten seien die deutschen Konzerne besser als ihre europäischen Konkurrenten vertreten: “Deshalb werden sie weiterhin gutes Geld verdienen können – nur eben nicht mehr so viel wie zuletzt.”

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dpa-AFX/manager magazin/Guido Kruschke