IAA Frankfurt

Auf der IAA hat die automobile Elite nun erstmals die Möglichkeit, sich nach den heftigen Marktverwerfungen der vergangenen Wochen zu den Geschäftsaussichten der nächsten Zeit zu äußern. - Bild: IAA

Noch gibt es zwar keine realen Anzeichen dafür, aber die Erinnerungen an einbrechende Absatzzahlen weltweit sind noch frisch. Auf dem wichtigsten Branchentreffen des Jahres hat die automobile Elite nun erstmals die Möglichkeit, sich nach den heftigen Marktverwerfungen der vergangenen Wochen zu den Geschäftsaussichten der nächsten Zeit zu äußern.

Darauf warten vor allem die Bankenprofis: “Im Mittelpunkt der IAA wird eindeutig die Frage stehen, ob und wie sich die aktuellen Schwierigkeiten auf das operative Geschäft auswirken”, sagt etwa Commerzbank-Analyst Daniel Schwarz. Das Interesse werde sich daher vor allem auf die aktuelle Entwicklung der Auftragseingänge sowie die Erwartungen der Hersteller für den Rest des Jahres und für 2012 richten, schätzt der Analyst.

Im Moment zeichnet sich noch nicht ab, dass Autobauer und Zulieferer erneut ernsthaft in die Bredouille geraten könnten. Das Gros der Experten rechnet zwar mit einer Abschwächung der Wachstumsdynamik, aber aus heutiger Sicht nicht mit einem Abschwung. “Die Aussichten haben sich in den vergangenen Monaten zwar deutlich eingetrübt. Aber auch wenn der Aufschwung seinen Zenit überschritten hat, spricht kaum etwas für eine neue Wirtschaftskrise”, sagt stellvertretend Peter Fuß, Partner bei der Unternehmensberatung Ernst&Young.

Daniel Schwarz von der Commerzbank hält eine deutliche Wachstumsabschwächung zwar für möglich. Doch so schlimm wie 2008 und Anfang 2009 werde es die Branche bei weitem nicht treffen, glaubt er. Dagegen sprächen die regional deutlich breiteren Absatzmärkte der Hersteller. Andere Analysten verweisen auf die verbesserte Kapitalausstattung, was die Folgen eines Konjunkturabschwungs für die Branche begrenzen dürfte.

Böse Erinnerungen an 2008

Die aktuellen Verwerfungen an den Finanzmärkten wecken böse Erinnerungen an die große Finanzkrise von 2008, die sich zu einer Weltwirtschaftskrise auswuchs. Damals machten Autokäufer einen großen Bogen um die Autohäuser; die Absätze – vor allem in den gesättigten Märkten Westeuropas und Nordamerikas – brachen massiv ein und mit ihnen die Ergebnisse der Hersteller und Zulieferer. Industrieflaggschiffe wie General Motors gingen sogar pleite. Hätte die Politik nicht nahezu weltumspannend interveniert, wäre der Absturz der Industrie wohl noch fataler verlaufen.

Auch wenn Experten aktuell nicht die Gefahr einer erneuten Branchenrezession sehen, reagierten die Aktienmärkte in den zurückliegenden Wochen nervös – die Kurse einzelner Autowerte brachen zeitweise um fast 40% ein. Das Kalkül der Anleger ist einfach: Wirtschaftskrisen wirken sich oftmals unmittelbar auf den Autoabsatz aus, da Verbraucher in schlechten Zeiten größere Anschaffungen scheuen. Auch wenn die jüngsten Marktreaktionen von vielen Experten als überzogen gewertet wurden, ist die Fallhöhe für die Branche in der Tat groß.

Das erste Halbjahr 2011 war das erfolgreichste aller Zeiten

Das gilt nicht nur für die Kurse, sondern auch für das Geschäft: So war das erste Halbjahr 2011 für deutsche Autobauer – vor allem die Hersteller von Oberklassewagen – das wohl erfolgreichste aller Zeiten. Die hohe Nachfrage in den Wachstumsmärkten China und Brasilien sowie die Erholung der krisengebeutelten Märkte USA und Russland bescherten den Unternehmen Rekord um Rekord. Premiumhersteller profitierten besonders von der stark wachsenden Zahl solventer chinesischer Käufer, die sich überwiegend für die hochpreisigen Topmodelle entschieden. Dies trieb die Gewinnmargen von BMW und Co in bis dato kaum für möglich gehaltene Höhen.

Peter Fuß von Ernst & Young warnt denn auch trotz grundsätzlich positiver Aussichten für 2012 vor enormen Herausforderungen: “Einerseits müssen die Unternehmen ihre Kapazitäten erweitern, um die derzeit sehr hohe Nachfrage zu bedienen. Andererseits müssen sie gewappnet sein für einen jederzeit möglichen Abschwung”. Dieser Spagat fordere von den Konzernen hohe Flexibilität und strikte Kostendisziplin.

Die deutschen Hersteller, die ihre Werke seit Monaten unter Volllast fahren, haben zuletzt massiv in die Produktion im Ausland investiert, um sich von Wechselkursschwankungen unabhängiger zu machen. So baute etwa Volkswagen ein Werk in Chattanooga im US-Bundestaat Tennessee, wo die Bänder unlängst angelaufen sind. Audi will bald über eine Fabrik in Nordamerika entscheiden; BMW plant zwei neue Standorte in Schwellenländern und erwägt außerdem, die Kapazitäten in Spartanburg in South Carolina zu erweitern. Autoanalyst Fuß traut aber gerade deutschen Unternehmen den Balanceakt zu: Schließlich hätten sie bewiesen, dass sie mit erheblichen Nachfrageschwankungen zurecht kämen.

Wissmann sieht eine starke IAA

Schaut man sich die Daten der diesjährigen IAA mit dem Motto “Zukunft serienmäßig” an, ist von Krisenstimmung nichts zu spüren: Rund 900 Aussteller werden vom 15. bis zum 25. September zur 64. Ausgabe der Messe in der Main-Metropole erwartet, das sind etwa 120 mehr als noch vor zwei Jahren. Auf rund 210.000 Quadratmetern stellen sie ihre Neuheiten vor.

“Das wird eine starke IAA – mit mehr Ausstellern, mehr Besuchern und noch mehr Innovationen”, wirbt Matthias Wissmann, Präsident des ausrichtenden Verbandes der Automobilindustrie (VDA): “Hersteller aus den USA und Asien, die 2009 krisenbedingt nicht dabei sein konnten, werden wieder ausstellen.” Auf der letzten Pkw-IAA hatten unter anderem Mitsubishi, Nissan und Daihatsu gefehlt.

Thematisch steht die IAA einmal mehr im Zeichen der Elektromobilität. Erstmals wird es eine eigene Halle für das Zukunftsthema geben, in der die gesamte Wertschöpfungskette strombetriebener Autos zu sehen sein soll. Mit von der Partie sind nicht nur Autobauer wie Daimler oder Opel und Zulieferer wie Bosch sondern auch Branchengrößen wie Siemens, BASF und E.ON, die im Bereich E-Mobility aktiv sind.

“Dieser branchenübergreifende Auftritt soll die sich verändernde Wertschöpfungskette aufzeigen und deutlich machen, dass die Mobilität von morgen einer gemeinsamen Kraftanstrengung bedarf, die weit über die bisherigen Grenzen von einzelnen Industriezweigen hinausführt”, so der ehemalige Bundesverkehrsminister Wissmann.

Bereits vor zwei Jahren hatte es auf dem Frankfurter Messegelände nur so von Elektroautos gewimmelt. Damals waren die “Stromer” aber noch mehr Zukunftsmusik als heute. In diesem Jahr wird es dagegen schon seriennahe E-Autos zu sehen geben. Einige wie der Opel Ampera können sogar schon bald gekauft werden. Branchenexperten rechnen allerdings nach wie vor nicht vor dem Jahr 2020 mit einem Marktdurchbruch für das Elektroauto.

Dow Jones Newswires/Guido Kruschke