Die Briten haben sich aus dem politischen Europa verabschiedet, Jaguar Land Rover kommt mit dem Bau des Werks in Nitra richtig an in Festland-Europa. Interview mit Produktionschef Wolfgang Stadler (re.) und Werksleiter Alexander Wortberg über die Rolle Nitras im Globalen Produktionsnetz.

Die Briten haben sich aus dem politischen Europa verabschiedet, Jaguar Land Rover kommt mit dem Bau des Werks in Nitra richtig an in Festland-Europa. Interview mit Produktionschef Wolfgang Stadler (re.) und Werksleiter Alexander Wortberg über die Rolle Nitras im Globalen Produktionsnetz. Bild: Jaguar Land Rover

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Wortberg, als ich im Herbst 2016 hier war, gab es ein Zelt für den Spatenstich und ein paar Bürocontainer. Jetzt steht ein fast fertiges Werk in der Landschaft. Sieht aus als würde es laufen...
Alexander Wortberg: In der Tat, wir liegen gut im Zeitplan. Dass wir jetzt schon durch sind, würde ich so nicht sagen. In einem solch komplexen Projekt wie diesem hier ist schon noch eine Menge zu tun und es wäre kühn zu behaupten, dass wir alle Herausforderungen gemeistert haben. Es gilt Tag für Tag intensiv und hoch konzentriert weiter zu arbeiten. Aber: wir haben hier ein sehr, sehr gutes Team zusammengestellt.  Unser Ziel war, Ende des Jahres die Produktion hoch zu fahren und das werden wir auch schaffen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ich habe gehört, dass Sie in vier Wochen soweit sind, Autos zu bauen.
Alexander Wortberg: Wir haben ja bereits Autos gebaut und sie sehen ja jetzt auch vereinzelt Fahrzeuge in der Linie. Das sind aber natürlich noch keine Kundenfahrzeuge, sondern Modelle mit denen wir die Fertigung durchspielen. In der Tat ist es so, dass wir im Mai die nächste Entwicklungsstufe starten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Erstes hier gebautes Modell wird der Discovery?
Alexander Wortberg: Das ist korrekt, wir werden das Modell sowohl hier wie in Solihull bauen. Solihull ist ja auch das Lead-Werk für Nitra.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Stadler, wie glücklich sind Sie als JLR-Produktionschef vor dem Brexit-Hintergrund und den handelspolitischen Spannungen insgesamt, dass Sie hier in Nitra bald ihr erstes Werk in Festland Europa anlaufen lassen?
Wolfgang Stadler: Glücklich ist vielleicht das verkehrte Wort. Wir sind aber froh, dass wir die Entscheidung getroffen haben, in die Slowakei zu gehen. Es war damals sehr eng zwischen Mexiko und der Slowakei, am Ende haben wir uns für einen Standort in Osteuropa entschieden und für die Slowakei, weil dort die Bedingungen für uns am besten waren. Darüber sind wir jetzt ganz froh, wenn man betrachtet wie sich die handelspolitische Lage entwickelt hat.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Der Brexit hat bei der Grundsatzentscheidung aber noch keine Rolle gespielt?
Wolfgang Stadler: Nein, wir hätten die Entscheidung so oder so getroffen, ob mit oder ohne Brexit und mit Handelsbeschränkungen oder ohne. Für uns war es immer wichtig, unser Netzwerk global auszubauen und nachdem unser Schwerpunkt mit über 90 Prozent der Kapazität in England war, war uns klar, dass das auf Dauer so nicht bleiben kann. Deswegen auch das Werk in China, deswegen auch die ersten Ansätze in Brasilien, aber deswegen auch ein großes Vollwerk in der Slowakei.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die Korrelation zwischen Wachstum und Globalisierung der Produktion war die vergangenen Jahre sehr stark bei JLR. Reicht der Lokalisierungsgrad mit der Fertigung in Nitra oder müssen sie weiter lokale Produktion aufbauen?
Wolfgang Stadler: Langfristig reicht das natürlich nicht – auch nicht mit Nitra. Wir wollen ja weiter wachsen und um dieses Wachstum abzudecken, müssen und werden wir weiter Kapazitäten aufbauen. Dabei fokussieren wir uns auf Märkte, die für uns wichtig sind. Da unterscheiden wir uns nicht von den anderen großen Premium-OEMs. Ganz klar bleibt Großbritannien unsere Heimat. Aber wenn wir in Europa wachsen wollen, brauchen wir eine Fertigung in Europa. China ist von hoher Bedeutung für uns und deshalb wird das, was wir dort an Fertigungskapazität haben, sicher nicht das Ende sein. Und natürlich denken wir intensiv darüber nach, was wir Richtung Westen machen. Klar ist eines: wenn sie wirklich wachsen wollen in einem Markt, dann brauchen sie in diesem Markt auch eine Produktion. Als relativ kleiner Hersteller gehen wir hier aber Schritt für Schritt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Kürzlich gab es eine Meldung, dass in Solihull rund 1.000 Mitarbeiter gehen müssen. Sind das die Vorläufer für einen Produktions-Shift Richtung Nitra vor dem Brexit-Hintergrund oder ist es die Dieselkrise, die sie zu diesem Schritt zwingt?
Wolfgang Stadler: Es spielen sicherlich alle genannten Gründe hinein. Betonen möchte ich zunächst aber einmal, dass es sich bei den Beschäftigten, von denen wir uns trennen, um Zeitarbeiter handelt. Das ist zwar immer schade, und in Großbritannien werden Zeitarbeiter anders gesehen als in Deutschland. Es ist dort ein stückweit weniger Normalität für alle Seiten, dass ein solches Verhältnis auch wieder endet. Was hat nun den Ausschlag für die Entscheidung gegeben? Ja, es ist so, dass der Diesel-Absatz in manchen Märken stark unter Druck ist, was sich auf unsere Absatzzahlen auswirkt. Und ja, es ist auch ein Fakt, dass der britische Markt etwas nachgelassen hat in den vergangenen Monaten, wobei der Brexit sicher eine Rolle spielt. Das sind aber nur die Gründe an der Oberfläche.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und die Gründe unter der Oberfläche?
Wolfgang Stadler: Wir sind in Großbritannien immer noch intensiv dabei, die Effizienz in den Werken zu erhöhen. Da ist noch relativ viel zu holen und das hat dann wiederum Einfluss auf die Zahl der Mitarbeiter. Ich bin nicht bereit, nur um Leute zu beschäftigen, die Werke ineffizient laufen zu lassen. Das kann sich kein Unternehmen leisten. Mit dem neuen Werk in Nitra hat das noch nichts zu tun.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wenn Sie Effizienten ansprechen, ist es ja so, dass jedes neue Werk immer das modernste Werk in einem Netzwerk ist, das wäre dann in diesem Fall Nitra. Welche neuen Technologien setzten Sie hier ein? Gibt es im Werk technologische Neuerungen, die Pilotfunktion für andere Werke haben?
Alexander Wortberg: Bei einem Investment von rund einer Milliarde  ist der Anspruch ganz sicherlich auch der, dass man mit einem solchen Werk nicht nur den Status quo abbildet, sondern produktionstechnisch in die Zukunft geht. Das passiert in der Slowakei an vielen Stellen. Eine der prominentesten Neuerungen hier ist sicherlich, dass wir das Kuka Pulse-System einführen und damit unseren ohnehin schon hoch automatisierten Karosseriebau noch einmal deutlich voran bringen.