| von Frank Volk
700 Roboter sind im Karosseriebau des JLR-Werks Nitra installiert.
700 Roboter sind im Karosseriebau des JLR-Werks Nitra installiert. Bild: Frank Volk

AUTOMOBIL PRODUKTION: Können Sie da kurz dazu sagen, was hinter den Kuka-System steckt, vor allem: was Sie sich davon erwarten?
Alexander Wortberg: Verkürzt gesagt handelt es sich um ein palettenbasiertes Transportsystem für automatisierte Montagelinien im Karosseriebau. Das Hauptelement dabei ist ein Carrier. Dieser transportiert mit Hilfe unterschiedlicher Transportschlitten, die einzelnen Karosseriekomponenten durch die Montagelinie. Dadurch werden die Transportzeiten von Station zu Station deutlich reduziert und nach unserer Einschätzung werden wir durch den Einsatz des Systems ein besseres Arbeitsumfeld schaffen, was wiederum zu geringeren Instandhaltungskosten führt. Bislang wird das System nur in Nordamerika eingesetzt. Wir haben es uns angeschaut und uns überzeugen lassen. Ich freue mich sehr, dass wir die ersten sind, die das System in Europa einsetzen.

Nitra Facts

AUTOMOBIL PRODUKTION: Von welcher Zeitersparnis sprechen wir durch das System?
Alexander Wortberg:
Ich denke, dass wir die Nebenzeiten um etwa 30 Prozent reduzieren können. Das ist  das eine. Eine große Rolle hat hier von Anfang an die Digitalisierung gespielt. Bereits im vergangenen Jahr haben wir einen Hackathron veranstaltet. Das nicht einmal nur mit direktem Bezug zum Automotive-Bereich. Es geht stark darum, die digitale Denke, neue Ideen aus diesem Bereich, hier zu verankern. Wir investieren auch in einen Innovation Hub, wo wir ein, zwei Startups die Gelegenheit geben wollen, sich niederzulassen. Diese kommen übrigens aus der Slowakei. Es gibt hier eine sehr lebendige Szene.

AUTOMOBIL PRODUKTION: In welchen Themenfeldern sollen sich diese Startups einbringen?
Alexander Wortberg: Big Data, Künstliche Intelligenz - das sind die Felder, in denen wir die jungen Unternehmen sehen. Wir nutzen die Digitalisierung sehr stark, um unsere Landschaft an IT-Systemen glatt zu ziehen. Als Unternehmen mit traditionellen Standorten in England haben wir im IT-Bereich nicht immer die idealen Prozesse. Das neue Werk hier gibt uns die Gelegenheit zur Optimierung...
Wolfgang Stadler: …gestatten Sie mir an der Stelle noch einen grundsätzlichen Einschub…

AUTOMOBIL PRODUKTION: aber gerne…
Wolfgang Stadler: Wir arbeiten gerade an der Definition eines Modellwerks wie wir uns die Produktion der Zukunft für Jaguar Land Rover vorstellen. Mit dem Werk in Nitra werden wir dieser Vorstellung einer idealen Produktion schon relativ nahe kommen. Für den Bereich Logistik bedeutet das, dass wir beispielsweise Gabelstapler aus unserer Produktion verbannen. Stattdessen setzen wir sehr stark auf sogenannte Automated Guided Vehicles (AGV), also automatische Züge, die die Materialen ans Band bringen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die dann autonom fahren?
Wolfgang Stadler: Richtig. Wir werden sehr stark das Thema Kitting darstellen (die Zusammenstellung verschiedener Bauteile oder Komponenten zu einem Paket oder eben „Kit“, das exakt dort angeliefert wird, wo man es zum Verbau benötigt, Anm. d. Red.) Das hat einen erheblichen Einfluss auf den gesamten Prozess. Einerseits schaffen wir für die Mitarbeiter an der Linie optimale Arbeitsbedingungen zu geben, andererseits erreichen wir darüber hohe Zeitersparnis gleichzeitig qualitativ besserer Arbeit. Ein anderes Thema, das wir hier erstmals umsetzen, wird sein, dass wir die Möglichkeit nutzen, die Fahrzeuge autonom von der Linie runter in die Auslieferung zu bringen, bis hin zur Beladung der Trucks. Das sind Dinge, die momentan auf unserem Zettel stehen, den wir dann Stück um Stück abarbeiten. Da haben wir viele hochinteressante Pläne. Jedes Element für sich ist nicht vollkommen neu, aber in der Kombination für uns auf alle Fälle sehr neu und unheimlich spannend. In Nitra werden wir diese Themen sehr konsequent durchziehen. Die hier gemachten Erfahrungen spielen wir in die englischen Werke zurück. Insofern hat das neue Werk schon eine Pilotfunktion für unser Netzwerk.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Werden die Neuerungen vom Start weg umgesetzt?
Alexander Wortberg: Die autonome Verladung hängt natürlich vom Ausstattungsgrad der Fahrzeuge ab. Da müssen wir jetzt die technischen Voraussetzungen haben – wovon wir aber nicht mehr weit weg sind. Das Beispiel Kuka Pulse werden wir, wie die anderen Logistikthemen, von Anfang an umsetzen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Lassen Sie mich nochmal auf die Rolle des Werks innerhalb des JLR-Verbunds zurück kommen. Bedienen sie aus der Slowakei primär Märkte in Festland-Europa oder den USA oder ist es ein Werk zur Bedienung der globalen Märkte?
Wolfgang Stadler: Das ist ein Werk, mit dem wir auf der Produktionsseite natürlich Kostenvorteile abschöpfen, die wir hier in der Slowakei haben. Darüber hinaus ist es ein neues Vollwerk, aus dem wir die globalen Märkte bedienen. Wir werden hier nur Fahrzeuge bauen, die in die Welt geliefert werden. Es ist kein Werk, das nur bestimmte Märkte bedient. Das gilt generell für unsere Fertigungsstätten, ausgenommen China. Dort herrschen aufgrund der Größe des Marktes eigene Bedingungen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie sieht denn ihr Ramp-up Plan hier in der Slowakei aus?
Alexander Wortberg: Wir fangen an mit dem Discovery an, Ende des Jahres werden wir die ersten Kundenfahrzeuge hier bauen und beginnen mit der Auslieferung.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Werden die ersten Discovery „Made in Slovakia“ 2019 oder noch 2018 ausgeliefert?
Alexander Wortberg: Das wird noch 2018 der Fall sein. Und das ist der erste Schritt. Wir investieren in eine jährliche Kapazität von 150.000 Einheiten pro Jahr, die wir mit der Hereinnahme eines zweiten Modells im Laufe 2019 dann auch ausschöpfen wollen. Und nein, bevor Sie mich fragen: ich sage Ihnen nicht, um welches Modell es sich beim zweiten Fahrzeug handeln wird. Wir investieren hier grundsätzlich in eine Aluminiumarchitektur was den Karosseriebau angeht. Wenn Sie sich ein Luftbild anschauen dann werden Sie feststellen, dass das 185 Hektar große Werksgelände zur Hälfte bebaut ist….

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was Ihnen die Option verschafft, die Fertigung zu verdoppeln?
Alexander Wortberg: So kann man sich das vorstellen, Karosseriebau und Montage könnte man spiegeln und könnte dann nochmal ein Volumen von 150.000 Einheiten schaffen. Wir haben das bisher noch nicht entschieden. Eine solche hängt letztlich von unserem globalen Wachstum und dem daraus resultierenden Kapazitätsbedarf ab. In unserem langfristigen Entwicklungsplan ist eine mögliche Verdoppelung aber als Anforderung festgehalten.