Jungbrunnen - schärferes Design und innovative Technik

Blick in die Zukunft - der Technologieträger F 800 Style. - Foto: Mercedes-Benz

Mercedes-Benz plant, künftig insbesondere jüngere Kunden anzusprechen. Neue Modelle, ein deutlich schärferes Design und innovative Technik sollen die Schwaben fit für die Zukunft und für den zu erwartenden Konkurrenzkampf unter den Premiummarken machen.

 

Stippvisite im AMP-Raum auf dem Mercedes-Werksgelände in Sindelfingen. Hier fallen die wichtigen Entscheidungen. Hier geht der Daumen für neue Modelle rauf oder runter, werden Designrichtungen abgenickt und über neue Trends diskutiert. Natürlich ist auch die internationale Konkurrenz ein Thema. Immer im Fokus – die Mercedes-Linie für die nächsten zehn Jahre. Fest steht: Mercedes wird jünger – und das im Jahr des 125. Geburtstages, der am 29. Januar mit einem Festakt begangen wird.

Die wichtigste Neuerung bei den Stuttgarter Autopionieren wird noch über ein Jahr auf sich warten lassen: Die ebenso hochbeinige wie wenig emotionale A-Klasse muss abdanken. Die Nachfolge-Generation wird flacher, muskulöser und ist schärfer als gedacht gezeichnet. So soll die A-Klasse als Einstiegsmodell in die Mercedes-Welt endlich den Erfolg bringen, der ihr seit Ende der 90er Jahre verwehrt blieb. Bald sollen sich auch A3, VW Golf oder der BMW 1er mehr Gedanken machen, wenn es um die Konkurrenz in der Einstiegsklasse aus Stuttgart geht.

Vier Fahrzeuge auf neuer Plattform

Die neue Plattform wird zukünftig die technische Heimat für vier neue Modelle bilden. Diese werden nicht nur mit Frontantrieb allein, sondern auch mit Allradantrieb in den Handel kommen. Die B-Klasse macht in diesem Herbst den Anfang.

Sie soll die treuen Kunden der aktuellen Mercedes-Baureihen A und B abholen. Wer es traditionell, geräumig und mit hoher Sitzposition bevorzugt, kommt nach der IAA Mitte September 2011 bei der neuen B-Klasse voll auf seine Kosten. Im kommenden Jahr, 2012, folgt dann die deutlich jüngere A-Klasse.

Ein erster Designausblick wird im April dieses Jahres auf den zeitgleich stattfindenden Autoshows in New York und in Schanghai zu sehen sein.

Kleiner CLS und neuer BLK

Doch es wird noch besser. Auf der gleichen Plattform wird es ab 2013 nicht nur A- und B-Klasse, sondern auch einen Crossover geben, der Druck machen soll auf BMW X1, Audi Q3 und die Asien-SUVs von Toyota, Nissan und Co.

Der BLK, dessen offizieller Produktname noch geheim ist, wurde emotional bis sportlich gezeichnet und erinnert nicht nur durch die abfallende Dachlinie und die dynamische C-Säule an die knackigen Luxus-Crossover von Infiniti. Wahlweise wird auch der neue BLK mit Front- und Allradantrieb zu bekommen sein. Für den Antrieb der neuen Modellgeneration sorgen aufgeladene Vierzylinderbenziner und –Diesel.

 

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Die wichtigsten Entscheidungen werden im AMP-Raum getroffen. - Foto: Mercedes-Benz

Aufgeladene Drei- und Vierzylinder

In einem zweiten Schritt folgt für die Frontantriebsfamilie eine neue Generation von Dreizylinder-Triebwerken, die vorangig in A- und B-Klasse arbeiten werden. Direkteinspritzung, Turboaufladung, Start-Stopp-System und entkoppelbare Nebenaggregate sind obligatorisch. Auf Wunsch gibt es auch hier eine Siebengang-Automatik ebenfalls mit Start-Stopp-Funktion und weitere Effizienzmaßnahmen.

Doch Mercedes setzt bei der Frontantriebsplattform noch einen drauf. Neben BLK, A- und B-Klasse wird es 2013/2014 eine sportlich-elegante Mittelklasselimousine vom Stile eines kleinen CLS geben. Ebenfalls mit kraftvollen Motoren, Front- und Allradantrieb.

Auch die Sportabteilung in Affalterbach hat sich für die neue Kleinfamilie längst interessiert. So steht bereits so gut wie fest, dass die Limousine und der BLK als AMG-Version kommen sollen.

Die aufgeladenen Vierzylinder leisten bis zu 300 PS – und sollen weniger als sechs Liter verbrauchen. Auch für die deutlich emotionalere A-Klasse liegen die Pläne für eine AMG-Version auf dem Schreibtisch. RS3 Sportback und BMW 1er Coupé werden sich über einen kleinen Kraftprotz aus Schwaben durchaus freuen.

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Mercedes will in den nächsten Jahren zur führenden Designmarke werden. - Zeichnung: Mercedes-Benz


Audi – aufgepasst. Jetzt kommt Konkurrenz!

Langweilige Autos wie eine müde E-Klasse oder eine schwächliche A-Klasse soll es bei Mercedes nie wieder geben. 500 Designer werkeln rund um die Welt an einem neuen Gesicht für die Marke mit dem Stern. Audi hat den etablierten deutschen Premiumvorbildern BMW und Mercedes in den letzten Jahren ordentlich eine Nase gedreht. Doch jetzt werden die Ingolstädter selbst von den beiden Kontrahenten in die Zange genommen. München und Stuttgart schlagen zurück und setzen mit unterschiedlichen Schwerpunkten auf Design und technische Innovationen.

Während BMW wie mit den zuletzt vorgestellten Modellen 5er, 6er und 7er versucht, dynamische Ruhe in die Modellpalette zu bringen, geht Mercedes einen anderen Weg. In allen fünf Designcentern auf der Welt wurde in den letzten zwei Jahren an einer neuen Markenidentität gewerkelt. „Design wird heutzutage immer wichtiger“, leitet Steffen Köhl, verantwortlich für das Advanced Design bei Mercedes ein, „vor rund eineinhalb bis zwei Jahren fiel bei uns die Entscheidung sportlicher und damit auch jünger zu werden.“

Trotzdem auch designen für die Stammkundschaft

Dabei möchten die Stuttgarter Autobauer keinesfalls die oftmals betagte Stammkundschaft verlieren, die die Umsätze in den Modellreihen B, C, E und S generiert. Doch sportlich-dynamisches Outfit ist bei jüngeren Fahrern ebenso „in“ wie bei Neuwagenkunden mit einem Durchschnittsalter von weit über 50 Jahren.

Nicht nur Technologie und Tradition sollen den Unterschied im Vergleich zu Marken wie BMW, Lexus, Porsche und Audi machen. Mit Chefdesigner Gorden Wagener an der Spitze sollen sich dreidimensional muskulöse Formen, wie sie E-Klasse und die zweite Generation des CLS jüngst in die Tat umsetzten, in allen neuen Modellen wiederfinden.

In diesem Jahr stellt Mercedes unter anderem die Modelle SLK, ML-und B-Klasse neu vor. Zudem gibt es ein Coupé der dann modellgepflegten C-Klasse, sowie im Herbst die Vorstellung der offenen SLSVersion. Dynamischer, kraftvoller und sportlicher wird auf jeden Fall die Optik aller Modelle werden. So will man insbesondere die jüngeren Kunden zum Kauf verführen.

Mercedes will zur Designmarke werden

Via Design will sich Mercedes künftig besser positionieren. Die Fäden laufen bei Chefdesigner Gorden Wagener zusammen. Der Input kommt aus der Zentrale in Sindelfingen, wo 420 Leute arbeiten, aber auch aus den Mercedes-Designzentren am Comer See, in Tokio, Peking und Carlsbad, nahe San Diego.

 

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Steffen Köhl, bei Daimler für das Advanced Design zuständig. - Foto: Mercedes-Benz

Zurück in den AMP-Raum nach Sindelfingen: In dem nüchtern gestalteten Zimmer im Endgeschoss des fächerartigen Baus, von Designerhand kreiert selbstverständlich, wird über Wohl und Wehe der nächsten Fahrzeuge entschieden. Wenn die Vorschläge besonders anschaulich sein sollen, geht es den schmalen Gang entlang zu der doppelten Powerwall. „Hier können wir Modelle, Komponenten oder Vorschläge bis zu im Maßstab eins zu eins realitätsnah und detailgetreu darstellen“, erklärt Steffen Köhl.

Riesige Datenmengen werden in Millisekunden auf die beiden Projektionswände gebracht. Die Fahrzeuge drehen sich im Sonnenlicht, vor unterschiedlicher Kulisse oder wechseln die Farbe. Per Mausklick ist nahezu alles möglich. So könnte dann der nächste Mercedes aussehen; am besten gleich neben den entsprechenden Konkurrenzmodellen von Audi oder Mercedes – mal in der gleißenden Sonne, mal im Dämmerlicht in der Wüste.

Design trifft Entwicklung

Gezeichnet werden die neuen Mercedes-Ideen längst nicht mehr allein mit Stift und Papier. Die neue CAD-Software NX von Siemens wird bei Daimler ab Sommer 2012 die Arbeiten in den weltweit über 20 Entwicklungszentren erleichtern, weil sie die wichtigsten Zulieferfirmen in einem einzigen Datenpool für die Produktentwicklung integriert, der zugleich allen Entwicklern zur Verfügung steht.

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Die Teams in den weltweiten Designcentern arbeiten an einer neuen Ausrichtung der Traditionsmarke. - Foto: Mercedes-Benz

Zu Besuch in Como

Im Designstudio Como wurde in den letzten zwei Jahren an einem neuen A-Klasse-Interieur gearbeitet: Arbeitstitel „my first Mercedes“. Klar strukturierte Runduhren und moderne Bedienelemente sollen den kaum vorhandenen Charme des aktuellen Modells vergessen machen.

„Wir wollen jünger und mutiger werden“, unterstreicht Hartmut Sinkwitz, verantwortlich für die Gestaltung der Mercedes-Innenräume. „Man sieht, wie erfolgreich zum Beispiel der Mini oder ein Fiat 500 sind.“ Da will auch Mercedes hin. Die jungen Kunden allein zur Nebenmarke Smart schicken zu wollen, hat schließlich kaum Erfolgschancen. In Como wurde das Interieur des F 800 Style und der meisten aktuellen Modelle kreiert.

Die Zukunft spielt in Tokio

Ganz so technisch sieht es in Tokio nicht aus. Das Advanced Design Center von Mercedes befindet sich seit 1993 in dem Gebäude eines alten Isuzu-Händlers. Hier wurden Ideen wie der Maybach geboren und Module für die Serienumsetzung der aktuellen S-Klasse sowie des SLK umgesetzt.

 

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Eine neue Designlinie hält Einzug. - Foto: Mercedes-Benz

Während sich das Designstudio am Comer See unter Michele Paganetti nur mit Innenräumen beschäftigt, geht es in Yokohama visionärer zur Sache. Neue Trends aus Asien werden hier aufgesaugt und in neue Kreationen umgesetzt. Mit Hochdruck arbeitet das Team unter Steffen Köln am Megacity-Vehicle. „Hier steht die Mobilität von morgen ganz klar im Vordergrund“, unterstreicht Steffen Köhl. „Wir arbeiten hier nicht an irgendwelchen Spinnereien, sondern realen Zukunftsideen für Verkehrskonzepte von morgen. Die Sachen sollen später ins Mercedes-Modellprogramm gebracht werden.“

Doch auch wenn es keine Spinnereien sind, ist die Zukunft noch fern. Zwischen neuer A-Klasse und Smart fortwo/forfour steht Mercedes-seitig aktuell kein neues Serienmodell an. Da ist man bei BMW schon etwas weiter.

Blick nach vorn

Das Grundkonstrukt des neuen Megacity-Vehicles (MCV) mit seiner Kohlefaserkarosse steht längst und geht 2013 in Serie. Ein Jahr später kommt das Serienmodell des Vision Efficient Dynamics,ein Hightech-Sportler mit der Kraft der drei Herzen – zwei Elektromotoren und einem Dieselmodul im Heck.

So weit ist man bei Mercedes in Tokio aktuell noch nicht. An der Wand sind Zeichnungen von verrückten Zwei-, Drei- und Vierrädern zu sehen. Mal liegen die gezeichneten Insassen in einem loungeartigen Innenraum auf Rädern; mal geht es im automatisiert fahrbaren Cityflitzer nach Downtown Tokio.

„Bei uns geht etwas“, unterstreicht Chefdesigner Gorden Wagener im Designstudio in Carlsbad, nahe San Diego: „Wir haben jetzt zweieinhalb Jahre an der Markenidentität gefeilt. Mit einem Modell wie der neuen A-Klasse wollen wir angreifen, dagegen ist die B-Klasse für die loyalen Markenkunden von Bedeutung. Wichtig ist auf jeden Fall, dass wir keine russischen Puppen bauen und sich alle Fahrzeuge, außer in der Größe, gleichen.“

Besonders die im Herbst zu präsentierende B-Klasse soll neue Maßstäbe setzen und zeigen, ob die Daimler-Designer mit der neuen Linie richtig liegen. Spannender wird es 2012, wenn die neue A-Klasse auf den Markt kommt. „Im Innenraum haben wir ebenso wie außen viel gemacht. Die neuen Modelle werden hier Benchmark sein und setzen selbst die C-Klasse in Sachen Wertigkeit unter Druck“, kündigt Wagener an. „Dann hat die Konkurrenz erst recht ein Problem.“

Im DesignstudioCarlsbad fühlt sich Gordon Wagener zu Hause. Hier hat er rund drei Jahre gewohnt; kennt Lokale und Plätze wie seine Westentasche. Das beflügelt die Kreativität. Überhaupt geht es im Mercedes-Designstudio in Carlsbad lässiger als anderswo zu. Hier ist unter anderem die Generation des Smart Fortwo entstanden. Das ist zwar schon 20 Jahre her. Aber zumindest doch ein gutes Omen für die Zukunft.

Jungbrunnen - schärferes Design und innovative Technik

Jungbrunnen - schärferes Design und innovative Technik. Skizze: Mercedes-Benz

Stefan Grundhoff