Interview Thom Opel breit

"Deutschland ist das Herz der Marke!" - Opel-Produktionsvorstand Peter Thom (re.) im Gespräch mit Frank Volk (AUTOMOBIL PRODUKTION). - Bild: Volk

Im Exklusivinterview mit der AUTOMOBIL PRODUKTION erläutert Produktionschef Peter Thom die aktuelle Lage, welche Ziele der Autohersteller ansteuert und weshalb die Allianz mit dem französischen PSA-Konzern für Opel von enormer Bedeutung ist.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Thom, eines der Kernprobleme von Opel ist die schwache Auslastung der Werke. Zuletzt gab es Meldungen, die Auslastung läge bei nur noch 50 Prozent. Wie stellt sich derzeit die Situation dar?

Peter Thom: Wenn wir den aktuellen Zweischicht-Betrieb zugrunde legen, lag die Auslastung all unserer Werke im vergangenen Jahr im Schnitt bei 70 Prozent. Es ist generell schwierig, einen Wert von 100 Prozent zu erreichen, das hängt ganz stark von Produktanläufen ab.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Auf welche Quote wollen Sie kommen, besser gefragt: Auf welche Quote müssen Sie kommen?

Peter Thom: Wir wollen in den nächsten zwei oder drei Jahren 85 Prozent erreichen. Das ist eine realistische Größenordnung. Und dann gehen wir weiter. Damit unsere Werke wirklich effizient laufen, müssen wir auf 90 Prozent kommen und diese Quote dann auch halten. Es kann sein, dass Werke dank unserer neuen Modelle über 100 Prozent gehen.

Denken Sie daran: Wir haben gerade eine milliardenschwere Modelloffensive gestartet; im Zeitraum von 2012 bis 2016 bringen wir 23 neue Modelle und 13 neue Motoren in den Handel. Darauf sind wir bei uns in der Produktion vorbereitet, denn in allen Werken gibt es inzwischen flexible Lösungen und spezielle Vereinbarungen, die es erlauben, auch an Samstagen oder länger unter der Woche zu arbeiten. Es würde mich natürlich freuen, wenn wir diese Flexibilität bald nutzen könnten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Für die angestrebten 90 Prozent Auslastung gilt dann sicherlich nicht mehr der Zweischichtbetrieb?

Peter Thom: Das klare Ziel ist der Drei-Schicht-Betrieb. Wenn jedes Werk nur zu 70 Prozent ausgelastet ist, dann sind unsere Kosten pro Fahrzeug höher und unsere Effizienz ist entsprechend niedriger. Kurzfristig kann man so eeine Situation kompensieren, auf Dauer wird es aber schwierig.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ein Beispiel bitte…

Peter Thom: …nehmen Sie den Opel Astra. Den Astra bauen wir in England, in Polen und seit Ende 2011 auch in einer Karosserievariante in Rüsselsheim ? erstmals in der Geschichte unseres Stammwerks, das traditionell mit unserem Flaggschiff belegt ist. Die Folge: Die Astra-Produktion in drei Werken war nicht zufriedenstellend ausgelastet.

Zum Modellwechsel 2015 werden wir den Nachfolger im polnischen Gliwice und im englischen Ellesmere Port bauen. Das heißt, wir investieren nur noch in zwei statt in drei Werke und laufen in diesen zwei Werken bei genügend Aufträgen dann im Dreischichtbetrieb. Wir müssen zu solchen Lösungen kommen, um in einem reinen Verdrängungsmarkt in Europa unsere Strukturkosten in den Griff zu bekommen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Von welcher Produktionskapazität geht Opel im 10-Jahres-Plan aus?

Peter Thom: Wenn Sie einen Blick in die Glaskugel wagen und uns sagen wie genau die Marktnachfrage im Jahr 2023 sein wird, sagen wir Ihnen, wie hoch unsere Produktion dann ist.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Aber Sie planen ja sicherlich auf Basis bestimmter Zielvorstellungen?

Peter Thom: Ein ganz klares Ziel innerhalb unseres Geschäftsplans “Drive! 2022″ ist es, die Produktionsauslastung mittelfristig auf 85 Prozent und langfristig auf 90 Prozent zu erhöhen. Und diese Ziele sind realistisch, denn unser neuer 10-Jahres-Plan geht von konservativen Annahmen aus. Wir machen unseren Erfolg nicht von einer schnellen Erholung am europäischen Automarkt abhängig.

Interview Peter Thom Opel

Peter Thom: "Wir prüfen sehr intensiv unter der Maßgabe "Build where you sell", ob und unter welchen Bedingungen eine europäische Produktion der für Europa bestimmten Modelle sinnvoll ist." - Bild: Opel

AUTOMOBIL PRODUKTION: Beim Thema Effizienz stößt man unweigerlich auf das Thema modularer Baukasten. Was kann Opel in diesem Feld?

Peter Thom: Das Thema flexibler Baukasten wird bei uns bereits umgesetzt. Nehmen Sie das Beispiel Astra und Cascada: Der Cascada ist etwas kleiner als der Insignia und größer als der Astra. Warum? Weil wir kein Astra-Cabrio machen wollten, sondern ein eigenständiges Modell. Das geht nur mit flexiblen Architekturen. Auch der Adam ist ein eigenständiges Modell, basiert aber auf dem Corsa.

Übrigens ist der Adam auch ein gutes Beispiel für das Thema Werkauslastung: Der Corsa ist in der zweiten Hälfte seines Produktlebenszyklus?. Der Opel Adam dagegen steht ganz am Anfang, die Produktion dort steigt. Das ist eine perfekte Lösung, um eine Produktion auf gleichbleibend hohem Niveau zu fahren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ein aus Außensicht relativ simpler Weg, die Produktionsauslastung von Opel nach oben zu bringen, wäre es, den Teil der in Europa verkauften Chevrolet-Modelle auch in Europa bauen zu lassen. Wie ist hier der Sachstand?

Peter Thom: Ganz so einfach ist es nicht. Man muss da genau auf die Gesamt-Fertigungskosten schauen. Hier gilt es, unter Abwägung aller Gesichtspunkte ? Produktionsvoraussetzungen, Logistik, Lohn- und Transportkosten???eine gute Balance zu finden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Also bleibt die Rollenverteilung wie bisher und Chevrolet baut seine Modelle für Europa in Korea?

Peter Thom: Wir prüfen sehr intensiv unter der Maßgabe “Build where you sell”, ob und unter welchen Bedingungen eine europäische Produktion der für Europa bestimmten Modelle sinnvoll ist.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ein anderer wichtiger Punkt mit Blick auf die Kosteneffizienz ist die Kooperation mit PSA. Wie muss man sich diese mit Blick auf die Produktion vorstellen.

Peter Thom: Eine gemeinsame Produktion ist derzeit kein Thema. Es geht um Zusammenarbeit bei der Logistik, im Einkauf und in der Entwicklung. Die Partner entwickeln drei Fahrzeugarchitekturen gemeinsam. Hier steigen gerade mit den in beiden Unternehmen gebildeten Arbeitsgruppen in die Details ein.

Interview Peter Thom Opel

Peter Thom: "Eine gemeinsame Produktion mit PSA Peugeot Citroen ist derzeit kein Thema. Es geht um Zusammenarbeit bei der Logistik, im Einkauf und in der Entwicklung." - Bild: Volk

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wo liegen aus Ihrer Sicht als Produktionschef die wichtigsten Vorteile in der Kooperation mit PSA?

Peter Thom: Ganz klar bei den Entwicklungskosten und im Einkauf. Wenn wir die gemeinsame Einkaufsorganisation mit PSA haben, erzielen wir erhebliche Skaleneffekte.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Aber ihre Muttergesellschaft General Motors verkauft doppelt so viele Autos wie PSA. Da müsste Opel doch heute schon günstiger einkaufen, als künftig mit dem kleineren Partner PSA?

Peter Thom: Ja, GM ist global gesehen bedeutend größer als PSA und kauft auch mehr Teile ein. Trotzdem hilft uns die PSA-Allianz beim Einkauf deutlich weiter, denn GM arbeitet auf großen globalen Architekturen und kauft entsprechend ein. Bei globalen Architekturen muss man aber auch Kompromisse machen. Ein gleiches Lastenheft bedeutet zum Beispiel, dass ein Anlasser hier in Europa in Süditalien genauso funktioniert wie in Alaska bei Minus 30 Grad. Das bedeutet für uns vielfach höhere Kosten. Wenn wir uns wie bei der PSA-Allianz auf Europa konzentrieren, können wir viel stärker auf europäische Ansprüche abgestimmt einkaufen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Also passen PSA und Opel mit Blick auf Europa einfach besser zueinander?

Peter Thom: Was die drei Volumen-Plattformen für Europa angeht ? ja. Und die Zusammenarbeit hat Potenzial, denn wenn man hier die Volumen der beteiligten Marken zusammenzählt, sind wir nicht so weit vom Marktführer in Europa entfernt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie wird denn die Produktionslandschaft von Opel in Deutschland in Zukunft aussehen?

Peter Thom: Selbst nach Anpassung unserer Strukturkosten, was ein absolutes Muss ist, um zukunftsfähig zu sein, werden wir in Deutschland langfristig eine ganz starke Produktionsbasis haben. Auch nach dem Auslauf des Zafira Tourer in Bochum haben wir noch zwei komplette Fahrzeugwerke hier in Deutschland ? in Eisenach und in Rüsselsheim. Also genauso viel wie Audi mit Neckarsulm und Ingolstadt oder wie Ford mit Köln und Saarlouis ? und genau genommen zwei Werke mehr als die Importeure, die jedes Jahr rund 38 Prozent der Neuzulassungen auf sich verbuchen, aber kein einziges Werk in Deutschland betreiben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Hört sich fast an wie ein Bekenntnis zum Produktionsstandort Deutschland?

Peter Thom: Ganz klar: Deutschland ist das Herz der Marke Opel. Momentan bauen wir fast alle Volumenmodelle hier in Deutschland. Und Deutschland bleibt auch künftig in der Produktion unser Rückgrat.

Das Interview führte Frank Volk