Ferdinand Piech muss sich auf neue Machtverhältnisse im VW-Aufsichtsrat einstellen. (Bild: VW)

Ferdinand Piech muss sich auf neue Machtverhältnisse im VW-Aufsichtsrat einstellen. (Bild: VW)

Die Abordnung war hochranging. Als Ferdinand Piëch, Martin Winterkorn, Wolfgang Porsche und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff nach Katar reisten, war klar um mehr ging als eine Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen dem Emirat und VW. Der Ahnung folgt nun Gewissheit. Wie das “Handelsblatt” erfahren hat, fordert das Emirat Katar einen weiteren Sitz im VW-Aufsichtsrat und soll diesen auch bekommen.

Damit droht den Familien Porsche und Piëch ein herber Rückschlag im Aufsichtsrat von Volkswagen. Angeblich herrscht Einvernehmen darüber, dass Katar „bei nächster Gelegenheit“ einen weiteren Platz in Volkswagens Aufsichtsrat besetzen solle, bestätigten Kreise der niedersächsischen Landesregierung am Montag dem Handelsblatt.

VW und Porsche wollen spätestens im Jahr 2011 zum integrierten Autokonzern verschmelzen. Bislang galten zwei Sitze für den Golfstaat nur als mittelfristige Perspektive. Der erste Vertreter des Emirats, das am Ende gut 17 Prozent am kombinierten Autobauer VW-Porsche halten dürfte, steht auf der Hauptversammlung von Volkswagen am 22. April zur Wahl. Hussain Ali Al-Abdulla, Manager der Katar-Holding, soll den Unternehmer Roland Oetker ersetzen.

Der nun vereinbarte weitere Platz bringt die Familien Porsche und Piëch in Bedrängnis. Finden sie keinen Kontrolleur außerhalb der Familien, der das VW-Gremium freiwillig verlässt, droht ihnen neben dem Machtverlust auch noch neuer Streit innerhalb der fragilen verwandtschaftlichen Arithmetik.

Dann müssten die Clanspitzen Wolfgang Porsche, Chefaufseher von Porsche, und Ferdinand Piëch, VW-Aufsichtsratschef, einen der Ihren dazu bewegen, den Stuhl für Katar zu räumen. Aus der Familie kontrollieren auch Piëchs Bruder Hans Michel und Neffe Ferdinand Oliver Porsche den Konzern. Ginge einer der Piëchs oder Porsches, gewänne der andere Stamm die Oberhand. Es gebe „keinerlei Überlegungen, dass ein Familienmitglied sich aus dem Aufsichtsrat zurückzieht“, heißt es deshalb im Umfeld von Wolfgang Porsche. Eine Lösung muss jedoch dringend her.

Denn offenbar hat Porsche dem Investor vom Golf 2009 in höchster Not zwei Sitze im VW-Gremium versprochen. Katar hatte sich an Porsches Finanzholding beteiligt und die meisten Optionen von Porsche auf VW-Aktien übernommen. Ursprünglich wollte Porsche den größeren VW-Konzern schlucken, verhob sich aber 2009 mitten in der Finanzkrise an der Finanzierung des komplizierten Deals.

Nun schluckt Volkswagen in zwei Schritten Porsches operatives Geschäft, bevor der Autokonzern und Porsches Finanzholding im Jahr 2011 fusionieren wollen. Dem Porsche-Piëch-Clan dürften am Ende bis zu 35 Prozent der Stimmen am neuen Autokonzern bleiben.

Der jetzt aufbrechende Konflikt um die Macht im VW-Aufsichtsrat stellt das erste Mal die neue Konstellation auf die Probe, in der die Familien nicht wie früher bei Porsche allein regieren. Keiner der Beteiligten wollte sich am Montag auf Anfrage zu dem sensiblen Thema äußern.

Das Kalkül des Clans: Machen die Energiemanager Jürgen Großmann (RWE) und Hans Michael Gaul (ehemals Eon) oder Tui-Chef Michael Frenzel für Katar Platz, müsste keiner aus der Familie weichen. Als schwächster Kandidat gilt Gaul, der kein operatives Amt bekleidet und nicht wie Großmann und Frenzel zur erweiterten Niedersachsen-Fraktion gehört. Gaul ist bis Frühjahr 2011 in das Kontrollgremium gewählt, Frenzel bis 2012. Großaktionär Niedersachsen, der 20 Prozent der VW-Stammaktien hält, verfügt über ein in der Satzung des Unternehmens verbrieftes Recht auf zwei Sitze im Kontrollgremium. Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) und Wirtschaftsminister Jörg Bode (FDP) sind damit fest gesetzt.

Die Zwangslage des Clans wirft ein neues Licht auf die massive Kritik aus VW-Kreisen am unbequemen RWE-Chef Großmann. Wie das “Handelsblatt” vergangene Woche berichtet hatte, wird ihm in Wolfsburg eine große Nähe zu Wettbewerber Daimler vorgeworfen. RWE kooperiert mit dem Stuttgarter VW-Rivalen bei Elektroautos. Daimlers Vorstandschef Dieter Zetsche sitzt im Kontrollgremium des Energieversorgers. Großmann fährt in Wolfsburg schon einmal mit dem Stern vor. Schwerer wiegt, dass er mit dem scheidenden Kontrolleur Oetker aufgrund zu großer Risiken im Kontrollgremium gegen die Übernahme von Porsche gestimmt hat.

In Großmanns Umfeld wird die Kritik als „kleingeistig“ abgetan. RWE verfüge im Fuhrpark über fast 8 000 Autos des VW-Konzerns, darunter 17 Luxuslimousinen vom Typ A8 der VW-Tochter Audi. Offenbar solle Großmann, der 2006 auf dem Höhepunkt der VW-Affäre um Lustreisen auf Firmenkosten und schwarze Kassen Chefkontrolleur Piëch ablösen sollte, mürbe gemacht werden, heißt es. Der RWE-Chef jedenfalls steckt nicht zurück – und bekommt Rückendeckung von Ministerpräsident Wulff.