Sieht die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Autowerke kritisch: Produktionsexperte Ron Harbour.

Sieht die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Autowerke kritisch: Produktionsexperte Ron Harbour. Bild: Steinheißer

Wie Harbour, der seit der Übernahme von Harbour Consulting im Jahr 2007 durch die Beratungsgesellschaft Oliver Wyman Senior Partner der Automotive und Manufacturing Industries Practice von Oliver Wyman ist, einräumt, sei der Trend zu Produktion auf großen, modularen Plattformen unverkennbar. Noch fehle aber der Nachweis, dass eine Modulstrategie zur Steigerung der Produktivität führe. Bislang, so der international anerkannte Produktionsexperte, gebe es zwar viele Pläne unter den Herstellern, in der Praxis aber nur wenige, “die wirklich die Strategie der gemeinsamen Plattform umsetzen”.

Harbour mahnte vor der Erwartung, dass mit einer Modulstrategie die Steigerung der Produktivität quasi zum Selbstläufer werde. Die großen Plattformen seien zwar eine Säule des Geschäfts mit enormen Vorteilen bei der Flexibiliät, der Umrüstung ohne nennenswerten Zeitverlust und beim Einkauf, allerdings auch nur dann, wenn „man es richtig macht“. Letztlich sei Produktiviät ein Ergebnis von Qualität. Gerade hier stellt Harbour unter den Top 10 der Autohersteller eine “große Disparität“ zwischen den schlechtesten und den besten Herstellern fest. So gäbe es OEMs, bei denen über 95 Prozent der produzierten Autos das Ende der Fertigungsstrasse erreichen, ohne dass Reparaturen notwendig würden. Bei anderen müsse regelmäßig massiv nachgearbeitet werden: “Wenn hunderte Arbeiter über das Wochenende für Nacharbeiten ins Werk geholt werden müssen, müssen wir über Produktivität und Produktionseffizienz nicht mehr reden.”

Wettbewerbsfähigkeit Europas ein “großes Problem”

Kritisch beurteilt Harbour die Situation der westeuropäischen Produktionslandschaft. Zwar laufen auch hier inzwischen rund 40 Prozent der Werke im wirtschaftlicheren 3-Schicht-Betrieb. Allerdings würden zahlreiche Werke im Ein-Schicht-Betrieb geführt. Diese Werke müsste man schließen, dies sei aber in Westeuropa aus politischen wie gesellschaftlichen Gründen nur schwer durchsetzbar. Folge ist, dass in Nordamerika aktuell 69 Werke auf dasselbe Produktionsvolumen kommen wie 101 Werke in Europa. Mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit Europas sieht Harbour hier ein “großes Problem”.

produktions-guru-harbour-haelt-grosse-plattformen-in-der-autoindustrie-fuer-ueberbewertet_96693_2.jpgDas Interview mit Ron Harbour finden Sie hier

Frank Volk