Wolfgang Dangel

Wolfgang Dangel: "Aufgrund der Strukturschwäche im europäischen Markt verzeichnet Schaeffler überproportionales Wachstum bei den asiatischen Kunden." - Bild: APR

Und jüngst zeigte ein Technologiebaukasten, wie die zukünftigen CAFE-Ziele 2020 zu erreichen sind. Wolfgang Dangel, Vorsitz Geschäftsleitung Automotive, im Exklusivinterview mit der AUTOMOBIL PRODUKTION.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie waren zuvor Präsident der Schaeffler Group Asien-Pazifik und sind seit einem Jahr der Automotive-Chef im Konzern. Wie sind Sie mit der Performance des Automotive-Bereichs zufrieden?

Wolfgang Dangel:Wir haben nicht nur in 2012, sondern über die Jahre hinweg, sehr respektable Ergebnisse erwirtschaftet. Wir wachsen global, in allen Regionen der Welt. Und natürlich auch mit den Gewinnern auf der Herstellerseite. Das ist kein Geheimnis. Im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Über 60 Prozent von Ihrem Umsatz ist Automotive-gesteuert. Können Sie diesen Anteil weiter nach oben treiben? Und falls ja ? wohin?

Wolfgang Dangel:Völlig korrekt, rund zwei Drittel unseres Umsatzes entfallen auf den Bereich Automotive, einem der Standbeine von Schaeffler. Das andere ist unsere Industriesparte. Die Vorteile dieser breiten Aufstellung mit den beiden Schwerpunkten wollen wir auch weiterhin nutzen. Insofern sind wir glücklich über die Verteilung und haben nicht vor, uns alleinig auf das Automotive-Business zu konzentrieren…

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie gestaltet sich die Balance zwischen Ihren europäischen Kunden, den Kunden im Großraum China und den nordamerikanischen Kunden?

Wolfgang Dangel:Wir sind in der Kundenstruktur sehr global: Unsere ? ebenfalls global gut aufgestellten ? Top-4-Automotive-Kunden verteilen sich bereits auf drei Regionen ? Europa, Nordamerika und Asien. Da gibt es nicht sehr viele Unternehmen, die sich so aufgestellt haben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wohin verschiebt sich der Schwerpunkt?

Wolfgang Dangel:Aufgrund der Strukturschwäche im europäischen Markt verzeichnet Schaeffler überproportionales Wachstum bei den asiatischen Kunden. Wir sind in Asien einfach sehr gut aufgestellt. Wir haben umfassend in die lokale Wertschöpfung, in Entwicklungszentren und Fertigungsanlagen in China, in Korea und in Japan investiert. Wir waren sehr früh in China und ernten jetzt die Früchte dieses Engagements. Und auch der Nordamerikanische Markt wächst ? das betrifft sowohl den Markt an sich, als auch uns. Hier profitiert Schaeffler eindeutig vom Produktportfolio, schließlich haben sich die Nordamerikaner durch die CAFE-Standards der Kraftstoffverbrauchreduzierung verschrieben. Und Schaeffler ist der passende Partner zum Erreichen dieser Ziele.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Pläne verfolgen Sie in den nächsten drei bis fünf Jahren?

Wolfgang Dangel:Wir wollen weiter spürbar über dem Marktwachstum zulegen. Das ist Anspruch und auch Tradition im Hause Schaeffler. Das wird uns sicherlich insbesondere in Asien gelingen. Aber wir behalten natürlich auch unseren Fokus sehr stark auf den Premiumherstellern in Europa ? unseren Hauskunden sozusagen. Und nicht zuletzt wollen wir bezüglich der Detroit-Three den aktuellen Rückenwind mitnehmen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gibt es irgendwelche Pläne, wie man die Kombination mit Continental noch etwas besser strukturieren kann? Oder wo es weitere Potenziale zu heben gäbe?

Wolfgang Dangel:Die Zahl der Projekte nimmt konstant zu. Das sind Entwicklungs- und Industrialisierungsprojekte, zu Themen und Aufgaben, die für den Markt attraktive Lösungen darstellen. Wie bekannt arbeiten wir ja beispielsweise im Bereich Turbolader sehr eng und erfolgreich zusammen. Da macht Schaeffler die Industrialisierung und Continental Vertrieb und Engineering. Das läuft auch sehr, sehr vernünftig und ist auch klarer Fokus-Bereich bei Continental.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gibt?s für den Turbolader schon Zahlen?

Wolfgang Dangel:Es gibt konkrete Kundenprojekte. Wir veröffentlichen aber keine Umsatzzahlen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie machen ihren amerikanischen Kunden ein tolles Angebot: “Mit unserem Teile-Baukasten schafft ihr jetzt schon die CAFE-Regelungen ab 2020…”

Wolfgang Dangel:Unter dem Titel “Efficient Future Mobility” zeigen wir, wie die Hersteller praktisch durch geschickte Kombination einzelner Schaeffler-Technologielösungen nochmals 15 Prozent Verbrauchseinsparungen realisieren können. Das kommt sehr gut an ? besser ? ich bin begeistert über die Resonanz, die wir erhalten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und haben Sie für die 2025-CAFE-Regulierung auch schon etwas in der Hinterhand?

Wolfgang Dangel:Wir denken natürlich schon über 2020 hinaus. Wir schauen uns die Trends an, die über die mechanische Präzision hinaus gehen. Da gibt?s ja andere Bereiche, die großen Einfluss nehmen könnten. Die Elektrifizierung des Antriebsstrangs, die Hybridisierung ist da ein nächster Schritt. Hier haben wir bereits unsere mechanische Kernkompetenz erweitert und eine Vielzahl verschiedener Produkte im Portfolio. Die auch hier in Detroit an anderer Stelle bereits gezeigte E-Achse, das Schaeffler E-Differenzial, ist ein gutes Beispiel dafür.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Mit welchen Mehrkosten muss der Kunde rechnen, um die 2020-Grenzen zu erreichen?

Wolfgang Dangel:Es gibt eine Faustformel: pro Prozentpunkt Einsparung im Verbrauch rechnen wir immer in einem Korridor zwischen 30 und 50 Euro.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die CAFE-Ziele werden zunehmend restriktiver…?

Wolfgang Dangel:Ja, für die Modelljahre 2017 bis 2021 wird ein Wert von 133 g/km CO2 angestrebt. Allerdings handelt es sich dabei um einen Durchschnittswert der verschiedene Fahrzeugkategorien beinhaltet: vom Pkw über leichte Nutzfahrzeuge über mittelschwere Fahrzeuge sowie SUV. 2025 gilt dann ein Grenzwert von 107 Gramm, allerdings für Pkw. Der Durchschnittswert für die verschiedenen Fahrzeugkategorien liegt zwischen 109 und 112 Gramm.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und die EU-Richtlinie verlangt bis 2020…?

Wolfgang Dangel:In der EU sind wir 2020 bereits bei 95 g/km.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie viele Baukasten-Elemente, die Sie in Detroit vorgestellt haben, kann man für die Erzielung der EU-Grenzwerte verwenden?

Wolfgang Dangel:Die Konzepte sind natürlich überlappend. Was Ihnen an Technologie in Nordamerika zu Gute kommt, können Sie natürlich auch in Europa nutzen. Engine-Start-Stop bringt im Straßenverkehr beispielsweise bis zu sechs Prozent. Da spielt es keine Rolle ob sie in Nordamerika, Europa oder Asien fahren. Das sind sechs Prozent in China und bleiben sechs Prozent in Südamerika.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Projekte haben Sie in China in der Planung?

Wolfgang Dangel:In China ist Volkswagen einer unserer Hauptkunden. Dort sind wir unter anderem im Bereich Doppelkupplung sehr gut unterwegs. Aber neben den internationalen Klienten haben wir mittlerweile auch eine Vielzahl von Projekten mit rein chinesischen Herstellern. Hier haben wir von Anfang an darauf geachtet, eine ausgewogene Balance zu erzielen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Chinesische Hersteller wollen doch von ihren globalen Zulieferern auch ihre Expertise. Gibt es da keine Interessenskonflikte?

Wolfgang Dangel:Es versteht sich von selbst, dass chinesische Hersteller auch moderne Technologie-Konzepte verfolgen und insofern auch gern mit uns zusammenarbeiten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Kaufen chinesische Hersteller gleichwertige Technologien wie ein europäischer Hersteller oder greifen die schon etwas weiter unten zu?

Wolfgang Dangel:Nein, nicht weiter unten, aber auch nicht exakt dasselbe. Die Konzepte sind durchaus ähnlich, aber zudem fließen da natürlich auch eigene Ideen der jeweiligen Hersteller mit ein.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und können Sie da Namen verraten von den rein chinesischen?

Wolfgang Dangel:Wir sind mit einer ganzen Reihe chinesischer OEM in konkreten Themen unterwegs. Eine Herausforderung sind eher die Kapazitäten. Obgleich wir in China beständig ordentlich wachsen, können wir nicht alle auf Schlag umfassend bedienen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: In Russland planen Sie ebenfalls neue Kapazitäten…

Wolfgang Dangel:In China haben wir heute sieben Fertigungsstätten und rund 7.000 Mitarbeiter. In Russland fangen wir im Prinzip erst mit der Wertschöpfung an. Da hatten wir bislang einzig ein Vertriebsbüro. Im zweiten Quartal 2013 beginnen wir mit dem Bau eines Werkes in Uljanowsk ? das liegt 900 Kilometer südöstlich von Moskau.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Planen Sie weitere Investments in China?

Wolfgang Dangel:Wir haben gerade erst ein weiteres Werk in Indien eingeweiht. Und ja, wir planen weitere umfassende Investitionen in China, aber auch in Korea.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie hoch ist denn Ihre Investitionsquote?

Wolfgang Dangel:Von rund elf Milliarden Umsatz ausgehend, stecken wir zirka sechs bis acht Prozent in strategische Investitionen. Etwa ein Drittel davon bezieht sich auf Asien.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wann können Sie die Kapazitäten nutzen?

Wolfgang Dangel:Wir errichten die Kapazitäten parallel zum Projekt. Wir hatten das Beispiel Doppelkupplungsgetriebe und chinesische Kunden; in dem Moment, wo wir in die Projektphase einsteigen, bauen wir auch rechtzeitig, mit dem dazu passenden Vorlauf die dafür notwendigen Kapazitäten auf.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und in Korea?

Wolfgang Dangel:In Korea sind wir mit rund 2.000 Mitarbeitern, drei Fertigungswerken und einem Entwicklungszentrum ebenfalls stark vertreten. Wir bedienen in Korea beispielsweise bei Wälzlagern 35 Prozent des Marktanteils. Das resultiert aus einer ehemaligen Übernahme vor neun Jahren ? ein Bereich der Hanwha-Gruppe. Daraus resultiert eine komfortable Position in Korea, die uns auch im Geschäft mit Hyundai zu Gute kommt. Und auch hier wollen wir natürlich unsere Kapazitäten, sowohl bezüglich Fertigung als auch in der Entwicklung, weiter ausbauen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welches “Gewicht” haben dann die deutschen Premium-Marken bei Schaeffler?

Wolfgang Dangel:Wir sind sehr gut ausbalanciert. Die Premium-Hersteller spielen eine wichtige Rolle bei der Einführung neuer innovativer Technologien. Hier pflegen wir traditionell eine gute, fruchtbare Zusammenarbeit mit den einzelnen Herstellern und Marken. Schließlich gehört Schaeffler zu den Innovationsführern der Branche.

Das Interview führte Bettina Mayer