Vahland Skoda Interview

"Mit einer Umsatzrendite von 6,8 Prozent hat Skoda 2012 ein exzellentes Ergebnis erzielt:" Skoda-Chef Winfried Vahland (li.) im Exklusiv-Interview mit Frank Volk (re.) von AUTOMOBIL PRODUKTION. - Bild: Rene Fluger

2018 plant die Volkswagen -Tochter mindestens 1,5 Millionen Autos zu verkaufen. Exklusivinterview mit dem Skoda-Vorstandsvorsitzenden Winfried Vahland über große Ziele und den Vorteil, ins VW-Konzernnetz eingebunden zu sein.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Professor Vahland, die ersten Monate des Jahres 2013 waren für Skoda zäh, was sich durch die Produktionsumstellung auf den neuen Octavia und den Rapid erklärt. Gehen Sie davon aus, dass Sie mit dem Rückenwind dieser Modelle schon 2013 die Marke von einer Million verkaufter Einheiten knacken werden?

Vahland: Die Million wird kommen. Wann werden wir sehen. Wir haben uns klar vorgenommen ? und ich sage das auch mitten in der europäischen Schuldenkrise ? den Skoda-Absatz bis 2018 auf 1,5 Millionen Einheiten jährlich zu steigern ? mindestens. Und wenn man das schaffen will muss man vorher die Million machen.

Ob das schon in diesem Jahr sein wird ist insbesondere aufgrund der Lage in Europa schwer zu prognostizieren. Was man mit Sicherheit mit Blick auf unsere Produktoffensive sagen kann, ist, dass wir die Million im nächsten Jahr knacken wollen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: 2012 war ein gutes Jahr für Skoda. Allerdings war trotz des höheren Fahrzeugabsatzes die Umsatzrendite rückläufig, was natürlich auch mit Europa zu tun hat. Gehen Sie davon aus, dass sich in Europa mittelfristig auch die Ertragssituation wieder verbessern wird?

Vahland: Zunächst möchte ich betonen, dass wir mit einer Umsatzrendite von 6,8 Prozent ein exzellentes Ergebnis erzielt haben, insbesondere wenn man auf die Ertragssituation der europäischen Volumenhersteller blickt.

Wir müssen auch sehen, dass wir dieses Ergebnis trotz der größten Investitionsoffensive in der Geschichte des Unternehmens erreicht haben, die wir vor zwei Jahren gestartet haben, wir sind jetzt mitten in der Umsetzung. Wir haben 2012 mit über 800 Millionen Euro fast 50 Prozent mehr investiert als im Jahr zuvor. Vor diesem Hintergrund war 2012 exzellent.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Dennoch: Sie haben stramme Wachstumsziele für 2018, die ohne eine verschärfte Internationalisierung kaum zu erreichen sein werden. Ist der Internationalisierungsdruck weiter gestiegen?

Vahland: Skoda ist bereits vor Jahren in die Wachstumsmärkte gegangen. Europa bleibt für uns dabei weiter eine wichtige Ertragssäule. Daher ist es wichtig, dass wir in Europa weiter investieren, dass wir Europa als unseren Kern betrachten. Hier in Mladá Boleslav ist unsere Heimatbasis, hier entwickeln wir unsere Autos, hier haben wir mehr als 20.000 Beschäftigte. Hier findet vieles von dem statt, was ich als Intelligenz der Marke bezeichne. Die DNA der Marke wird hier entwickelt.

Von daher ist Europa entscheidend, wichtig ist natürlich auch der Markt. Wir haben in Europa einen Marktanteil von etwa vier Prozent. Wir wollen auf über fünf Prozent wachsen, das heißt: Skoda wird ein echter Volumenanbieter in Europa. Dass wir erfolgreich sein können, das haben wir immer bewiesen. In den ersten Monaten 2013 konnten wir erneut unsere Position als stärkste Importmarke in Deutschland deutlich ausbauen, wir haben uns in zahlreichen europäischen Märkten ? Österreich, Schweiz, England ? sehr gut entwickelt. In Nordeuropa haben wir Marktanteile von fünf bis zehn Prozent. Wer hätte das vor ein paar Jahren gedacht?

AUTOMOBIL PRODUKTION: ?und im Osten ist Russland der Wachstumstreiber?

Vahland: Europa ist wichtig, die Internationalisierung darüber hinaus genauso. Bei Europa handelt es sich um etablierte Märkte. Hier werden wir sehen, ob wir zu alten Gesamtmärkten zurückkehren werden. Leider ging es in den vergangenen Jahren in Summe immer abwärts. Von daher kann man in Europa derzeit noch nicht mit einem Wachstum des Gesamtmarktes rechnen.

Die neuen Märkte werden aber wachsen, insbesondere die BRIC-Staaten. In Brasilien ist Skoda ja nicht vertreten, wir konzentrieren uns auf Russland, Indien und China. Hier hat unsere Mannschaft frühzeitig das Potential erkannt und die Märkte entwickelt. Wir sind seit sechs Jahren in China, seit elf Jahren in Indien und seit 15 Jahren in Russland. In Russland haben wir im vergangenen Jahr knapp 100.000 Fahrzeuge verkauft, in Indien konnten wir auf deutlich über 30.000 Fahrzeuge zulegen. Und China ist mit 235.000 verkauften Autos inzwischen unser wichtigster Markt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: 2012 haben Sie etwa 30 Prozent Ihrer Fahrzeuge außerhalb Europas abgesetzt, was ja angesichts der mauen Wachstumschance hier eher wenig ist. Welche Zielgröße streben Sie an, 40, 50 Prozent?

Vahland: Wenn ich die Definition leicht ändere und Russland nicht direkt zu Europa zähle, dann sind wir schon heute bei mehr als 40 Prozent Absatzanteil außerhalb Europas. Dieses Verhältnis von rund 60:40 im Jahr 2010 dürfte sich relativ zügig ? spätestens 2018 ? umkehren in ein Verhältnis 60 Prozent außerhalb Europas und 40 Prozent innerhalb. Rund 40 Prozent von mindestens 1,5 Millionen verkauften Fahrzeugen sind dann aber immer noch mehr als knapp 60 Prozent von 939.000 Einheiten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das wesentliche Wachstum zwischen den 939.000 Einheiten jetzt und den 1,5 Millionen in 2018 wird dann von außerhalb Europas kommen?

Vahland: Wir gehen von einem weiteren Wachstum in Europa aus. Wir werden unsere Fabriken hier weiter voll auslasten. Wir machen unsere Modelloffensive ja nicht nur, um im Ausland zuzulegen, wir wollen auch unsere Position in Europa festigen und ausbauen. Von daher geht es darum, eine richtige Balance zu finden. Es zeigt sich immer wieder: Wir brauchen die internationalen Märkte, um globale Produktprogramme umzusetzen. Als aufstrebende Volumenmarke könnten wir uns diese Modelloffensive beschränkt auf die Stammmärkte gar nicht leisten. Die Internationalität hilft daher eindeutig zur Festigung unserer Position auch in Europa.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie sehen Sie sich mit Blick auf die Internationalisierung von der Produktionsseite aufgestellt. Sie haben das Stammwerk in Mladá Boleslav, produzieren zudem in Russland, Indien und China. Reicht das zur Realisierung der Wachstumsziele 2018?

Vahland: Wir haben gerade unsere Kapazität im Stammwerk Mladá Boleslav für den Werksbereich Octavia und Rapid von 800 Fahrzeugen auf 1.200 pro Tag hoch gefahren. In Summe können wir in unserem Stammwerk jetzt bis zu 2300 Autos am Tag bauen, das ist schon eine tolle Kapazität für ein europäisches Werk. Am Standort Kvasiny haben wir mit der Rückverlagerung des Roomster aus Vrchlabi unsere Kapazitäten auf rund 200.000 Fahrzeuge jährlich erhöht. Damit kommen wir in Summe auf rund 800.000 Fahrzeuge in Europa und sind hier optimal aufgestellt. Derzeit werden unsere Kapazitäten in China deutlich ausgeweitet?.

AUTOMOBIL PRODUKTION: ?an welchen Standorten?

Vahland: Bisher haben wir nur in Shanghai Fahrzeuge produziert, in diesem Jahr gehen weitere Standorte ans Netz und zwar in Yizheng im Norden Shanghais wie auch in Ningbo im Süd-Westen. Die Kapazitäten brauchen wir, um in China mittelfristig auf einen Absatz von über 500.000 Fahrzeugen pro Jahr zu kommen. Das werden wir mit den jetzt geplanten Maßnahmen darstellen können.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Lassen Sie uns vom Markt zu den Produkten kommen. VW plant ja den Aufbau einer Low-Budget-Marke für die Emerging Markets. Skoda hat in Indien bereits den Rapid als günstiges Auto mit hohem Nutzwert an den Markt gebracht. War es nie Option im VW Konzern, dass Skoda in den Emerging Markets die Rolle der unterhalb VW positionierten Marke übernimmt?

Vahland: Das stand nie zur Diskussion. Skoda ist keine Billigmarke und Skoda wird auch nie eine Billigmarke werden. Wir sind einer der traditionsreichsten Fahrzeugbauer der Welt mit einer Historie von über 117 Jahren. Unsere Positionierung ist im Wettbewerb und innerhalb des Volkswagen Konzerns klar beschrieben, “simply clever” sei hier nur ein Stichwort. Wir haben eine klare Differenzierung zu anderen Marken im Konzern. Wir gehen unseren eigenen Weg und schauen dabei nicht allzu sehr auf andere. Das Thema Budget-Car ist ein Thema des Konzerns, das Skoda direkt nicht betrifft.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Der Rapid mit seinem noch stärker auf Nutzwert fokussierten Charakter ist ja vom Markt sehr positiv aufgenommen worden. Ist der Aufbau einer Modellfamilie um den Rapid eine Option?

Vahland: Das haben wir vor. Dieses Jahr kommt ja noch der Rapid Spaceback. Märkte wie China, Indien oder auch Osteuropa sind in erster Linie Limousinen-Märkte und da passt der Rapid hervorragend. In Westeuropa stellen wir auch wieder ein verstärktes Interesse an Limousinen fest.

Wir haben in Deutschland im letzten Quartal 2012 einen Segmentanteil von fast 70 Prozent gehabt. Trotzdem dominiert in Westeuropa der Hatchback. Dem tragen wir mit dem neuen Rapid Spaceback Rechnung, der eine Mischung aus Kombi und Hatch ist und dabei die Vorteile beider Karosserieformen miteinander verbindet. Potenzial sehen wir übrigens auch in China, wo wir den Spaceback lokal fertigen werden.

Vahland Skoda Interview

Winfried Vahland: "Der Yeti ist ein über unsere Erwartungen hinaus erfolgreiches Modell. Mit der Lokalisierung, die wir dieses Jahr auch in China starten werden, trauen wir uns einen Absatz von 150.000 bis 200.000 Fahrzeugen jährlich zu." - Bild: Rene Fluger

AUTOMOBIL PRODUKTION: Haben Sie noch weitere Rapid-Modelle in der Pipeline?

Vahland: Das ist ja schon mal etwas. Für uns ist der Rapid eine ganz neue Produktlinie, die wir innerhalb kürzester Zeit mit zwei Modellen in den Markt bringen. Das setzen Vertrieb und unser Handelsnetz jetzt um und dann sehen wir weiter. In den vergangen 20 Jahren haben wir unsere Modellpalette kontrolliert, Schritt für Schritt ausgebaut.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Mit dem Yeti hatte Skoda ein starkes Debut bei den SUV. Die Nachfrage nach SUV boomt und auch im VW-Konzern wird es vorgelebt, praktisch jede Modellreihe mit einem SUV zu unterfüttern. Werden wird das auch bei Skoda sehen?

Vahland: Weltweit gewinnt das SUV Segment an Bedeutung, insbesondere auch in Ländern, die für unser Wachstum von hoher Bedeutung sind. Diese Entwicklung greift bei den Premiumfahrzeugen bereits seit längerem und setzt sich jetzt zunehmend in den Volumen-Segmenten durch. Deshalb muss sich Skoda mit diesem Thema befassen.

Der Yeti ist ein über unsere Erwartungen hinaus erfolgreiches Modell. Mit der Lokalisierung, die wir dieses Jahr auch in China starten werden, trauen wir uns einen Absatz von 150.000 bis 200.000 Fahrzeugen jährlich zu. Für uns gibt es angesichts der Segmententwicklung oberhalb des Yeti noch Raum für ein größeres SUV, der könnte vielleicht sogar als Siebensitzer geplant werden. Auch dort sehen wir eine weltweite Nachfrage in Größenordnung von 150.000 bis 200.000 Fahrzeugen. Für Skoda also ein tolle Chance in neuen Segmente zu wachsen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gibt es bereits konkrete Pläne, wann der große Bruder des Yeti an den Markt kommen könnte?

Erst mal müssen wir unsere Pflicht machen, und die heißt: Bis 2015 Einführung der Modelle und Umstellung all unserer Fahrzeuge auf die Erfüllung der Euronorm EU 6. Dann kommt die Kür unter die der größere SUV fällt. Schauen wir mal, wo wir ab 2016 Platz und Raum finden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie haben gerade die anspruchsvollen Vorgaben von EU 6 angesprochen, 2020 soll der C02 Ausstoß in der Flotte auf 95 g/km abgesenkt werden. Geht Skoda auch hier eigene Wege oder bedienen Sie sich wie bisher aus dem großen Portfolio des VW-Konzerns?

Vahland: An diesem Punkt wird die Stärke des Volkswagen Konzerns deutlich sichtbar. Der Konzern war technologisch noch nie so gut aufgestellt wie heute. Das ist auch ein großer Vorteil für Skoda, als aufstrebende Volumenmarke Teil dieses Konzerns zu sein. Wir wären allein nicht in der Lage, die Investitionen, die durch die weltweite Gesetzgebung im Zusammenhang mit CO2, Verbrauchsreduzierung oder neuen Sicherheitsvorschriften auf uns zukommen, selbst zu tätigen. Deshalb ist dieser starke Verbund so wichtig. Der Konzern kann die enormen Investitionen auf mehrere Schultern verteilen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Haben Sie beim Konzern denn schon Interesse angemeldet an einer Plug-in Technologie für den Skoda Octavia?

Vahland: Das sind letztlich nicht wir, die das fordern, es ist der Skoda-Kunde, der so eine Lösung fordert. Diese Technologien werden Geld kosten und es wird sind sie nicht umsonst geben. Wir bei Skoda stehen dafür, dass wir neue Technologien dann in den Markt bringen, wenn diese für unsere Kunden auch bezahlbar sind. Das ist in diesem Fall noch nicht so weit.

Andererseits: die europäische Gesetzgebung gilt. Daher nutzen wir alle technischen Möglichkeiten, um die Zielvorgaben zu erreichen. Wir arbeiten intensiv an unseren Motoren, um diese noch effizienter zu machen. Wir müssen Gewicht und Luftwiderstand reduzieren. Kurz, wir müssen die ganze Klaviatur bedienen, um noch bessere Verbrauchswerte zu erreichen. Und schließlich werden auch Plug-in Motoren bei Skoda kommen.

Winfried Vahland Interview

Winfried Vahland: "Technologisch ist Skoda sehr gut aufgestellt, auf den Vertrieb kommt jetzt eine große Aufgabe zu." - Bild: Rene Fluger

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie haben eben sehr die Stärke betont, im Konzernverbund mit VW agieren zu können. Zu diesem Stärken zählt sicherlich die Produktion auf dem Modularen Querbaukasten. Der Skoda Octavia ist ja das erste Fahrzeug ihrer Marke, das auf dem MQB gebaut wird. Lässt sich schon ein kleines Fazit ziehen?

Vahland: Ganz klar: Die Produktion auf dem MQB stellt für die Konzernmarken und Skoda einen Quantensprung dar. Der MQB setzt die Vorgaben für die Fahrzeuge der nächsten Generation, sowohl was die Technologie, das Design oder auch das Infotainment in den Fahrzeugen anbelangt. Der Baukasten ist vorbereitet für alle Technologien, seien es herkömmliche Benzin- oder Dieselmotoren bis hin zu rein elektrischen Fahrzeugen. Diese Variabilität des Baukastens ist Voraussetzung für unsere Zukunft.

Das ist ein riesiger Wettbewerbsvorteil ? technologisch und finanziell. Durch den MQB werden moderne Technologien für die Volumenfertigung demokratisiert. Schauen Sie doch nur mal die Assistenzsysteme im Octavia an. Das könnten wir ohne den modernen Konzern-Baukasten nicht auf die Füße stellen. Oder die Produktion in China: Wir können dort mehrere Konzernfahrzeuge auf einer Fertigungslinie herstellen, ohne mehrfach zu investieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Skoda bringt zahlreiche neue Modelle, diese müssen aber auch an den Kunden gebracht werden. Wie schaut es mit dem Vertriebsnetz aus? Stehen die Strukturen oder besteht Handlungsbedarf?

Vahland: Technologisch ist Skoda sehr gut aufgestellt, auf den Vertrieb kommt jetzt eine große Aufgabe zu. Warum? Skoda hatte bis vor kurzem noch fünf Modellreihen, Skoda der Zukunft hat acht oder mehr. Skoda Automobile werden größer und technologisch anspruchsvoller. Das alles bedeutet natürlich, dass wir auch den Handel professionalisieren müssen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: …was bedeutet für Sie professionalisieren?

Vahland: Nehmen Sie das Beispiel China. Wir haben dort derzeit rund 450 Handelsbetriebe. Für unser Absatzziel von 500.000 Fahrzeugen bauen wir unser Netz auf mittelfristig 600 Händler aus. Das bedeutet in der Konsequenz eine Verdoppelung der Mitarbeiterzahl im Handel auf rund 30.000 Beschäftigte. Diese Mitarbeiter müssen wir schulen, sie müssen mit neuen Technologien vertraut gemacht werden. Da kommen viele neue Aufgaben auf uns zu.

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Das Interview führte Frank Volk