Carlos Ghosn

Spionage, die keine war. Nun hat sich Renault-Chef Carlos Ghosn bei den betroffenen Managern entschuldigt. - Bild: Renault

Der angebliche Fall von Industrie-Spionage bei Renault hat sich zur veritable Ente und einer grandiosen Blamage entwickelt. Offensichtlich hat man einem Betrüger mehr geglaubt, als den eigenen Mitarbeitern. Der französische Autobauer entschuldigte sich umgehend bei den drei Managern, denen das Unternehmen vorgeworfen hatte, strategische Informationen über die Entwicklung von Elektroautos an die chinesische Konkurrenz weitergegeben zu haben. Es werde nun wegen Betrugs ermittelt, teilte die Staatsanwaltschaft am Montag in Paris mit.

Am späten Nachmittag wollte der Verwaltungsrat des französischen Autobauers zu einer außerordentlichen Sitzung zusammenkommen. Eine Gewerkschaft hatte zuvor den Rücktritt von Renault-Chef Carlos Ghosn gefordert. Vizechef Patrick Pélata hatte seinerseits angedeutet, dass er zu persönlichen Konsequenzen bereit sei, falls sich die Anschuldigungen als falsch herausstellten. Die drei Manager waren im Januar überraschend vor die Tür gesetzt worden. Ghosn selbst schloss einen Rücktritt aus, erklärte aber, auf seinen Bonus in Höhe von 1,6 Millionen Euro zu verzichten.

Renault-Angaben zufolge sollen die drei Manager entschädigt werden und ihre Posten zurückerhalten.

Unterdessen ist der Mitarbeiter der Sicherheitsabteilung ins Visier der Justiz geraten, der die Affäre ins Rollen gebracht hatte. Er berief sich auf einen anonymen Informanten, der angeblich Beweise für die Spionagefälle hatte. So wurden mehrere Konten in der Schweiz und in Liechtenstein angeführt, auf die die verdächtigten Mitarbeiter hohe Kommissionszahlungen erhalten haben sollten. Später stellte sich heraus, dass diese Konten überhaupt nicht existierten. Der fragliche Mitarbeiter wurde am Wochenende festgenommen, als er nach Guinea ausreisen wollte.

Renault hat dem ungenannten Informanten nach Medieninformationen mehr als 300.000 Euro gezahlt. Das Unternehmen geriet in die Kritik, weil es lediglich auf interne Ermittlungen gesetzt hatte und sich allzu früh von seiner Version überzeugt zeigte. Ghosn hatte in einem Interview während der Hauptnachrichten im französischen Fernsehen behauptet, dass es eindeutige Beweise für die Spionage gebe. «Wir werden ausspioniert, weil wir so gut sind», erklärte er selbstsicher.

Mitarbeiter des Konzerns klagen über ein “paranoides Klima“, berichtete die Zeitschrift “Nouvel Observateur” kürzlich. Die Entwicklung des Elektroautos gilt als wichtigstes Projekt des Unternehmens. Gemeinsam mit dem japanischen Schwesterkonzern Nissan hat Renault bereits rund vier Milliarden Euro investiert. In diesem und kommendem Jahr will Renault vier Elektroautos auf den Markt bringen. Derzeit sind mehr als 100 Patente angemeldet.