Diess legte im Chelsea Theater des Cosmopolitan Hotels mit seiner Keynote Speech ein solides Erstlingswerk hin. Eines wurde auch klar: eine fehlende Krawatte, ein geöffnetes Hemd und ein gut sitzender Anzug im trendigen Mittelblau machen noch keinen Star auf dem Las Vegas Strip, wo sonst Elvis Presley, Dean Martin und Celine Dion regierten. Diess, souveräner und ambitionierter als bei vielen seiner BMW-Auftritte, entschuldigte sich mehrfach beim Publikum für den hauseigenen Diesel-Skandal, aus dem er als einer der wenigen im Hause Volkswagen unbefleckt hervorgeht. Diess nimmt man die Rolle des Aufräumers allemal ab. Als die Mogelprogramme im Wolfsburger Konzern implementiert wurden, drückte Sparfuchs Diess zusammen mit Norbert Reithofer noch BMW seinen Stempel auf und verbreitete Schrecken bei Einkauf und Entwicklung.

Volkswagen will die schwerste Unternehmenskrise seiner Geschichte nutzen, um sich neu zu erfinden und so rief Herbert Diess auf der Hightech-Bühne des Chelsea Theaters “the new Volkswagen” aus. Der sinnfreie Slogan “Volkswagen – das Auto” ist damit Geschichte. Zukünftig soll es eine deutliche Trennung von Volkswagen-Konzern und den einzelnen Marken geben. So bekommt die Kernmarke VW ebenso wie die umtriebigen Schwestern eine längere Leine und mehr Eigenständigkeit – so der Plan. Wer in diesen Wochen mit führenden Mitarbeitern aus dem Hause Volkswagen spricht, hört überall von einer neuen Offenheit, vielen Treffen und einem neuen Charakter der Zusammenarbeit. In den Ebenen darunter tönt weitgehend das gleiche Bild. Doch zwischen den Zeilen wirkt the new Volkswagen bisweilen ebenso hölzern, wie einiges Elemente die Keynote auf der CES von Las Vegas. Das neue Touch Display im E-Golf in allen technischen Details vorzustellen war doch etwas dünn an Neuigkeitswert für eine alles andere als autogeneigte IT- und Computermesse wie die CES, wo es eher um das große Ganze und neue Trends geht. Da sieht es mit dem VW Budd-e schon anders aus. Bleibt nur zu hoffen, dass Volkswagen den Enkel des einstigen Love-, Peace- and Happiness-Bullys bis zum Ende des Jahrzehnts auch auf die Straße bringt. Bisher wurden zahlreiche überaus vielversprechende und sehenswerte Studien zu einer Neuauflage eines VW Bus zum Rohrkrepierer. “Wir entwickeln komplett neue und einzigartige Fahrzeug-Konzepte – speziell für die Langstrecken-Elektromobilität”, so Herbert Diess auf der CES, “es wird uns alltäglich begleiten und die Mobilität komplett verändern. Volkswagen hat viele Ideen, diese zukunftsweisenden Technologien zu nutzen und sie zu den Kunden zu bringen.”

Der rund 4,60 Meter lange VW Budd-e, mit einem rein elektrischen Allradantrieb ausgestattet, der 235 kW / 317 PS leistet, scheint als erster Modell der Modularen Elektrifizierungsplattform jedoch das Zeug zu mehr zu haben und die Fahrt auf die Verkaufsbühne zu schaffen. Schließlich wird auch Herbert Diess und die dann neue Marke Volkswagen abseits aller abzuarbeitenden Prozesse des Dieselskandals nur an ihren Erfolgen gemessen. Hier steht neben deutlich besserer Renditen und dem Sprung auf Platz eins der weltweiten Verkaufsstatistik insbesondere auf der Agenda, neues Vertrauen zu gewinnen. Das dürfte nicht nur in USA schwerer denn je sein, denn selbst vor dem Diesel-Skandal lief es auf dem mächtigen US-Markt alles andere als gut für die Wolfsburger. Und auch wenn sich Volkswagen intern neu erfindet und sich mehr als je zuvor als innovativer Weltkonzern in Szene setzt, ist der Weg nach oben länger denn je. Das weiß auch Herbert Diess. Doch sein erster großer Auftritt auf der CES in Las Vegas sollte zumindest vielen VW-Angestellten Mut machen. Die Zeiten, in denen man den Kopf in den Sand steckte, bis die Krise vorbei ist, scheinen schneller als erwartet vorbei zu sein. Dafür ist die CES – trotz ihrer überschaubaren Bedeutung für die Autobranche – vielleicht der rechte Start. Und nächste Woche steht mit der Detroit Motorshow die nächste Großveranstaltung in den USA an – Herbert Diess dürfte sich auch für die NAIAS viel vorgenommen haben.

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Stefan Grundhoff