Daimler Produktion Sindelfingen

Bei den Autobauern laufen die Produktionsbänder derzeit auf Hochtouren, eine Abschwächung ist nicht in Sicht. - Bild: Daimler

Doch die deutschen Hersteller sind gut aufgestellt und werden trotzdem weiter zulegen, sagen Experten.

Auf beiden Seiten des Atlantiks brodeln Schuldenkrisen, nervöse Börsen stürzen ab, und die Konjunktur erlahmt nicht nur in Deutschland oder Frankreich: Die Angst vor der Rezession geht um.

Auch in der zuletzt erfolgsverwöhnten Autoindustrie machen sich angesichts des schwächelnden US-Markts, der Sparprogramme in Europa oder der sinkenden Wachstumsraten in China die ersten Sorgenfalten breit. Dabei ließen Deutschlands Autobauer gerade erst die Sektkorken knallen. Sie sind mit Vollgas aus der Krise gefahren und präsentieren derzeit fette Gewinne.

Schon warnen Skeptiker wenige Wochen vor der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) im September, der Höhepunkt könnte überschritten sein. Nach einer Analyse des Car-Instituts Automotive Research wird der Auto-Weltmarkt 2012 stagnieren. “Mittlerweile sind die Märkte nicht mit einem Risiko konfrontiert, sondern mit einer Art Risikoklumpen”, sagt Institutsleiter Ferdinand Dudenhöffer.

Wachstumshemmend wirkten etwa die Naturkatastrophe in Japan, die nachlassende Dynamik in China, die Unruhen in Nordafrika, die Schuldenkrise im Euroraum, die Rezessionsangst oder die Herabstufung der Kreditwürdigkeit der USA. Zwar werde 2011 ein Verkaufsrekord erreicht. “Der Großteil der Zuwächse erfolgte aber im ersten Halbjahr.”

Auch an den extrem nervösen Börsen geht es für die Autowerte bergab, obwohl die Manager von München bis Wolfsburg gerade erst neue Bestwerte verkündet haben. Und während Daimler-Chef Dieter Zetsche bislang allenfalls einige Wolken am sonst blauen Himmel sieht, ziehen für die Börsianer bereits dunkle Gewitterwolken auf. Die Angst geht um, dass sich die neue aufgeflammte Lust am Autokauf als Strohfeuer entpuppt. Denn aktuell gut dazustehen, reicht für den Erfolg am Aktienmarkt nicht: Dort wird die Zukunft gehandelt.

Dass der gegenwärtige Erfolg kein Selbstläufer ist, weiß auch VW-Konzernchef Martin Winterkorn: “Die kommenden Monate werden uns fordern und uns einiges an Arbeit abverlangen, um das hohe Niveau zu halten”, sagte der Manager bei Veröffentlichung der Halbjahresbilanz. Auch BMW-Vorstandschef Norbert Reithofer trat angesichts der Schuldenkrisen in den USA und Europa auf die Euphoriebremse: “Die globalen Risiken für einen weiteren Aufschwung nehmen tendenziell eher zu als ab.”

Norbert Reithofer

Norbert Reithofer: "Die globalen Risiken für einen weiteren Aufschwung nehmen tendenziell eher zu als ab." - Bild: BMW

Dennoch muten die extremen Kursreaktion überzogen an. “Bislang handelt es sich um Turbulenzen am Finanzmarkt, die noch nicht in der Realwirtschaft angekommen sind”, sagt ein BMW-Sprecher.

Volle Auftragsbücher und Rekordproduktion

Zum Auftakt der zweiten Jahreshälfte meldeten Daimler, Audi und BMW allesamt neue Bestwerte, für das Gesamtjahr stellen die Hersteller Rekorde in Aussicht. Die Auftragsbücher sind proppenvoll, die Produktion läuft an der Kapazitätsgrenze. Es können gar nicht so viele Autos produziert werden, wie verkauft werden könnten. Die Lieferzeiten für Neuwagen liegen im Schnitt bei mehr als drei Monaten, auf beliebte Modelle müssen die Kunden wesentlich länger warten. Sollte die Flut der Neubestellungen abebben, wäre dies also frühestens im Spätherbst zu spüren.

Grund zur Zuversicht haben die deutschen Hersteller auch, weil sie sich immer mehr von allgemeinen Markttrends abkoppeln und besser abschneiden als der Durchschnitt. Das ist zum Beispiel derzeit auf dem weitgehend stagnierenden US-Markt so, wo die deutschen Hersteller ihre Verkäufe im Juli um mehr als 15 Prozent steigerten. In China versucht die Regierung eine Überhitzung zu verhindern, die Steigerungsraten der deutschen Hersteller fallen trotzdem weiterhin bombastisch aus.

Martin Winterkorn

Martin Winterkorn: "Die kommenden Monate werden uns fordern und uns einiges an Arbeit abverlangen, um das hohe Niveau zu halten." - Bild: VW

Der Erfolg kommt nicht von ungefähr, sondern von den enormen Fortschritten der Autoindustrie hierzulande, ist Experte Christoph Stürmer von IHS Global Insight überzeugt: “Die deutschen Hersteller haben Autos, die deutlich verbrauchsärmer sind als die japanischen oder amerikanischen.” Das werde weltweit immer mehr zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Auch Helmut Becker vom Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation ist es nicht bange um Audi, BMW und Co. Deutsche Autos seien im Vergleich zur Leistung extrem sparsam – dies sei inzwischen auch den Amerikanern wichtig. Das garantiere Erfolg, vor allem bei steigenden Ölpreisen: “Das beste für die deutsche Autoindustrie sind hohe Benzinpreise, weil dann ihre internationalen Wettbewerbsvorteile in der Motorentechnologie besser zum Tragen kommen.”

Wachstumspotenzial ist auf jeden Fall vorhanden

Wohin steuert die Branche also? Nach einer Studie von Oliver Wyman wird sich der weltweite Fahrzeugabsatz von rund 72 Millionen Autos und Nutzfahrzeugen im Jahr 2010 bis 2017 auf etwa 108 Millionen erhöhen – das wäre im Schnitt ein Plus von sechs Prozent im Jahr. Wachstumspotenzial ist also vorhanden, vor allem in Ländern wie China, Indien, Russland oder Brasilien. Im gesättigten Markt in Westeuropa wird über Erfolg und Misserfolg im Verdrängungswettbewerb entschieden.