| von Christiane Habrich-Böcker

Der VDA kann zwar eine gewisse Kompensation für die Absagen namhafter Autohersteller vermelden. So haben im Zuge der Digitalisierung des Autos und des Autoverkehrs Unternehmen wie BlaBlaCar, Harman, IBM, International Industries, Kaspersky, Merck, NXP, Qualcomm, Siemens, Sony, TomTom und T-Systems Plätze auf der Traditionsmesse gebucht. Doch, so erfreulich das für die kurzfristige Kassenlage des VDA sein mag, langfristig stellt sich genau wegen der Digitalisierung die Frage: Wie zeitgemäß sind Messen in Online-Zeiten noch? Eine Antwort auf diese Frage; die alle gerne so rasch wie möglich hätten, ist etwa so präzise wie ein Blick in die Glaskugel. Man kann nämlich zugunsten solcher altbewährten Formen der Zurschaustellung von Produkten auch umgekehrt fragen: Wenn keiner mehr ein Auto anfassen kann, kauft er es dann?

Diese Frage müssen vor allem jüngere Marketingmanager beantworten, die das persönliche Erlebnis direkt am Auto auf Messen, aber auch in den Verkaufsräumen für immer unwichtiger halten. Stattdessen glauben sie, dass sich der Autokauf der Zukunft am Bildschirm abspielen wird. Erste Weichen in diese Richtung sind bereits gestellt. Audi zum Beispiel hat in Berlin am Kurfürstendamm 195 seit mehr als einem Jahr „Audi City“ in Betrieb. Das ist ein virtueller Schauraum, in dem nur noch wenige Autos aus Blech stehen. Grund: Platz ist knapp und teuer in den besten Lagen der großen Metropolen. Da kommt die moderne Computertechnik mit ihren Möglichkeiten gerade recht: In Audi City können Kunden an teils lebensgroßen Bildschirmen ihr Auto auswählen und ausstatten – bis hin zu Sitzbezügen und Sonderlacken. Wie das gewünschte Modell aussieht, sehen sie sofort. Am Ende erscheint das Bild des fertigen Autos auf einer riesigen Bildschirmwand. Die Interessenten können mit Handbewegungen den Wagen drehen, die Türen öffnen und schließen. Lautsprecher sollen garantieren, dass sogar das originale Geräusch des Motors zu hören ist. Wer noch mehr will, kann sich eine 3D-Brille aufsetzen, die einen räumlichen Eindruck vermittelt.

Das mittelfristige Ziel dieses Konzepts: Entweder steht am Ende dieser durchaus eindrucksvollen Prozedur gleich der Kaufvertrag oder vorher noch eine echte Probefahrt und dann der Kaufvertrag. Aber das langfristige und kostengünstigste Ziel für den Autohersteller ist dieses: Dank modernster Heimcomputertechnik wird der Autokauf eines Tages im Wohnzimmer am dann längst üblichen Großbildschirm stattfinden. Lediglich die Frage einer Probefahrt, sofern sie bei autonom fahrenden Autos überhaupt noch gewünscht wird, muss der Hersteller logistisch in den Griff bekommen. Automessen wie die IAA und den Autohändler des Vertrauens werden die Menschen dann nur noch aus Erzählungen von Opa und Oma kennen. 

Die Digitalisierung in der Automobilindustrie sowie der aktuellen und künftigen Fahrzeuge ist Kernthema auf dem AUTOMOBIL FORUM am 12. und 13. Juli in München. Mehr Informationen hier.

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