In fast jedem Fahrzeug sind Produkte des Zulieferers zu finden. Zirka zwei Drittel des Umsatzes

In fast jedem Fahrzeug sind Produkte des Zulieferers zu finden. Zirka zwei Drittel des Umsatzes werden im Bereich Automotive generiert. - Bild: Schlemmer

Well-, Glatt- und Schutzschläuche, Verteiler, Schutzkappen – das ist nur ein Teil der Produktpalette der Schlemmer Gruppe, die in den Geschäftsbereichen Protection, Connection, Air & Fluid und Mechatronic Systems sowie Turning Parts für Industrie und Automotive entwickelt, produziert und fertigt. Aber mit diesem Portfolio gibt sich Schlemmer-CEO Josef Minster nicht zufrieden: Vor allem in den Bereichen Mechatronik und Turning Parts sieht er noch wesentliches Potenzial. Die Zukunft sind sogenannte ‚intelligente Produkte‘, in die Sonden und Sensoren integriert werden. So ist beispielsweise eine Vision, dass die Autobatterie das Ende ihres Lebenszyklus meldet. Auch beim Wischwasser wären Behälter mit Füllstandsmessung denkbar, die an eine auswertende Elektronik Signale ausgeben. Ebenso ist im Umfeld des Kraftstofftanks noch einiges möglich. Hier spricht Schlemmer gerade mit Continental über gemeinsame Projekte. Schlemmer arbeitet darauf hin, mit Kunden Mehrwertpartnerschaften einzugehen. Das bedeutet, dass der Kunde eine Baugruppe geliefert bekommt, die er in sein System nur noch integrieren muss. “An diesen Visionen arbeiten wir, um die Weichen für unser Ziel zu stellen, den Umsatz von 220 Millionen auf die für 2020 angepeilten 400 Millionen Euro zu steigern”, erklärt Minster.

In punkto Entwicklung forciert das Unternehmen die Zusammenarbeit mit Universitäten, technischen Entwicklungseinrichtungen und Ingenieursdienstleistern – nach dem Motto: “Wer alleine arbeitet, addiert. Wer im Netzwerk arbeitet, der multipliziert.” Auch internationale Netzwerke spielen für das Unternehmen eine wichtige Rolle. “Wir haben mittlerweile einen globalen Footprint. Mit unseren weltweiten Fertigungsstandorten sind wir interessant für Unternehmungen, die globale und übergreifende Projekte einbeziehen. Projekte, in denen nicht nur Bauteile, sondern Baugruppen entstehen. Solche Projekte greifen wir gerne auf, wenn sie strategisch zu uns passen”, erklärt CEO Minster. Schlemmer sieht sich dabei auf der Ebene Tier zwei. “Wir wollen jetzt auf der entwicklungstechnischen Seite gemeinsam mit Tier 1 stärker den Kontakt zum OEM suchen. Aber den Anspruch in Richtung Tier 1 zu gehen, haben wir nicht; wir fühlen uns sehr gut aufgehoben als Tier 2″, sagt Minster.

Familienunternehmen mit Finanzinvestor

Schlemmer-Chef Josef Minster hat ehrgeizige Ziele: Er will den Umsatz bis 2020 verdoppeln. - Bild: Schlemmer

Der Mittelständler pflegt seine Wurzeln. “Die bayerische Gemütlichkeit gehört bei uns einfach dazu, obwohl wir mit so vielen Kulturen und Nationen zu tun haben. Und das gilt weltweit“, erzählt Schlemmer-Chef Minster und bezeichnet die Schlemmer-Belegschaft mit einem Augenzwinkern als „eingeschworenen Haufen. Wir haben die Bodenständigkeit, die man als sehr kleines bayerisches Unternehmen hat, trotz der Internationalisierung, bewahrt.” Für den Nachwuchs der Belegschaft hat diese Unternehmensphilosophie eine besondere Bedeutung. Der Automobilzulieferer fördert gruppenintern Reisen für die Kinder der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das gilt bis hin zum Werker in Marokko, für den es ansonsten schwer wäre, seinem Kind einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen. “Bekanntermaßen bildet Reisen ja und wir hoffen natürlich, dass wir den Mitarbeitern etwas mitgeben können und dass sie uns eines Tages vielleicht auch was zurückgeben können“, erklärt Josef Minster die Motivation für das Förderprogramm.

Einen Eigner namens Schlemmer gibt es im Unternehmen nicht mehr, aber familiär geprägt ist es laut Minster nach wie vor – auch, nachdem im Jahr 2012 der Investor Hannover Finanz Mehrheitseigner geworden ist. Bereits seit 1979 ist Schlemmer eine 100-prozentige Tochter der Mackprang-Holding. „Ich war anfangs sehr skeptisch, einen Finanzinvestor an Bord zu holen. Aber das hat dem Unternehmen sehr gut getan. Hannover Finanz ist ein Gesellschafter – oder besser ein Partner, der tickt und agiert wie ein mittelständisches Familienunternehmen“, erklärt Minster. Auch der Vorstandsvorsitzende hat sein Kapital in das Unternehmen eingebracht und hält eine zweiprozentige Beteiligung an der Gruppe. Sowohl das Geld von der Hannover Finanz als auch das Geld des CEOs sind zur Aufstockung der Eigenkapitaldeckung genutzt worden, um die Internationalisierungsplänezu ermöglichen. Ziel ist es, bis 2020 annähernd eine Verdopplung des Umsatzes auf 400 Millionen Euro pro Jahr zu erreichen.

Die Belegschaft ist über eine Mitarbeiterbeteiligung am Erfolg des Unternehmens beteiligt. Wird der Jahresplan erreicht, erhalten die Mitarbeiter ein Prozent ihres Jahresgehalts als Bonus. Hinzu kommt ein Bonus über zehn Prozent des Betrags, der über die Jahresplanung hinaus erwirtschaftet worden ist.

64 Kubikmeter für die flexible Internationalisierung

Die Zentrale der Schlemmer Group in Bayern. Der Mittelständler ist in 37 Ländern aktiv. Bild: Schlemmer

Eigens für seine Internationalisierungsvorhaben hat Schlemmer einen etwa 64 Kubikmeter großen Container entwickelt, der als mobile Fabrik mit zwei Produktionslinien dient. Das Konstrukt scheint dem Prinzip “fail fast, fail cheap” zu folgen. Mit dieser Lösung kann Schlemmer zunächst mit wenig Risiko und Investitionsaufwand in risikobehaftete Länder gehen. Hat man dann nach einiger Zeit Erfahrung gesammelt, kann man gut begründet die Entscheidung für oder gegen eine stationäre Fertigung fällen. Erste Station der mobilen Fabrik war Russland. Dort konnte sich Schlemmer innerhalb kürzester Zeit etablieren. Angefangen hat Schlemmer 2011 mit vier Mitarbeitern, deren Anzahl innerhalb von eineinhalb Jahren auf 58 angewachsen ist. In der stationären Fertigung, die dort mittlerweile entstanden ist, werden bis Ende 2014 etwa 80 Mitarbeiter arbeiten. “Die Lokalisierung Russland ist uns mit der mobilen Fabrik perfekt gelungen.”

Mit diesem Konzept wird der Zulieferer seinem Credo gerecht: “Wir sind schnell, wendig, manchmal auch mit unkomplizierten und pragmatischen Lösungsansätzen.” Als nächstes Ziel wird die mobile Fabrik Südostasien ansteuern – mit einem Zwischenstopp in Indien. In Südostasien möchte Schlemmer bereits 2014 aktiv werden. Mit Indien ist sich der Zulieferer noch nicht ganz sicher und will dort mit der mobilen Fabrik den Markt “erst mal austesten”, ein genauer Zeitrahmen für Aktivitäten in Indien existiert noch nicht. Fest steht aber: Schlemmer folgt seinen großen Kunden in die Länder, um weltweit eine lokale Belieferung sicherstellen zu können.

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Julia Lansen / Christiane Habrich-Böcker / Andreas Karius