Axel Maschka

Axel Maschka: "Global betrachtet haben wir derzeit etwa 10.000 direkte und indirekte Lieferanten und das sind zu viele." - Bild: Tobias Bugala

Die schwedische Traditionsmarke Volvo steht für Sicherheitstechnologie. Um als kleiner Premium-OEM an Innovationen zu gelangen, setzt das Unternehmen auf Motovation – finanzielle Motivation. Gleichzeitig will der Einkaufsvorstand die Zuliefererzahl halbieren.

Exklusivinterview mit Axel J. Maschka, Senior Vice President Purchasing, Volvo Car Corporation.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Maschka, Volvo führt ein Kostensenkungsprogramm namens SHAPE durch. Was ist das Ziel?

Maschka: SHAPE steht für “Setting Highest Ambitions and Purchasing Excellence” und heißt eigentlich “SHAPE 2020″. Unsere Strategie umfasst mehrere Ziele: Die Einkaufspreise sollen schon in den kommenden vier Jahren um 20 Prozent sinken und damit für Volvo Einsparungen in Höhe von ca. 20 Milliarden Schwedischen Kronen realisieren. Umgerechnet sind das etwa 2,5 Milliarden Euro.

Weitere Schwerpunkte sind den Einkaufsanteil in Asien und in China deutlich zu erhöhen, damit natürlich auch weniger anfällig gegen Währungsschwankungen zu werden, sowie eine global agierende Organisation aufzubauen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: SHAPE besteht aus mehreren Phasen, richtig?

Maschka: Die Ziele von SHAPE 2020 setzen wir in zwei Stufen um. Die erste Stufe fokussiert auf die Kosten und ist der Zeitraum bis Ende 2015. Die zweite Stufe wird zwischen 2016 und 2020 umgesetzt. Bis dahin bauen wir bei Volvo eine komplett neue zukunftsfähige Einkaufssystematik und -organisation auf. Die genauen Details werden noch definiert.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie hoch ist das von Ihnen verantwortete Einkaufsvolumen?

Maschka: Wir kaufen dieses Jahr für etwa sieben Milliarden Euro Direktmaterial ein, wie zum Beispiel Komponenten für Fahrzeuge, und für etwa 2,5 Milliarden Euro indirektes Material, wie zum Beispiel Werksausrüstungen, Computer, Telefone, Büromaterial.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ihr Plan ist also, von diesen etwa sieben Milliarden für so genanntes Direktmaterial, 20 Prozent einzusparen?

Maschka: Die Einsparprogramme sind über eine längere Zeit geplant – wir können ja nicht sofort die Preise reduzieren, sondern wir müssen gemeinsam mit den Lieferanten Jahr für Jahr an technischen und kommerziellen Verbesserungen arbeiten.

Das mündet nach vier Jahren in die angekündigten 20 Prozent Gesamteinsparung. Die teilen sich auf in etwa 60 bis 70 Prozent für kommerzielle Änderungen sowie etwa 30 bis 40 Prozent für technische Verbesserungen. Als einer der kleinsten OEM`s im Premium-Segment, müssen wir innovativer sein als die anderen Hersteller und alle Möglichkeiten nutzen, um nachhaltig erfolgreich zu sein.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was bedeutet SHAPE 2020 für Ihre Lieferanten – wie wird sich ihre Lieferantenbasis verändern?

Maschka: Global betrachtet haben wir derzeit etwa 10.000 direkte und indirekte Lieferanten und das sind zu viele. Diese Zahl werden wir mindestens halbieren. Im Direktmaterialbereich – das sind alle Teile, die im Fahrzeug verbaut werden, wie Reifen, Radio, Armaturenbrett, Sitze – haben wir aktuell 400 bis 500 Lieferanten. Wir gehen davon aus, dass wir mittelfristig mit 200, maximal 250 gut aufgestellt sind.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie konzentrieren sich auf die Zusammenarbeit mit strategischen Lieferanten?

Maschka: Volvo ist bei vielen Lieferanten ein kleiner Kunde, weil unser Volumen natürlich viel geringer ist, als das unserer Wettbewerber im Premium-Segment. Derzeit teilen sich diese kleinen Volumen auf zu viele Lieferanten auf und wir haben für den Lieferanten oftmals keine so hohe Relevanz im Hinblick auf Innovationen und Kostensenkungspotenziale wie unsere Wettbewerber.

Wenn wir nun also das jährliche Volumen bis 2020 auf 800.000 Fahrzeuge verdoppeln und gleichzeitig die Zahl der Lieferanten reduzieren, habe ich im Durchschnitt viermal so viel Volumen pro Lieferant. Dadurch erhält Volvo als Kunde eine höhere Bedeutung. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche speziellen Innovationen erwarten Sie von den Zulieferern?

Maschka: Wir unterscheiden zwei Kategorien: Eine Kategorie sind die Technologien, die für Volvo als Marke wichtig sind. Die definieren sich durch unsere Unternehmensstrategie und die Marken-Kernwerte von Volvo, also beispielsweise alles rund ums Thema Sicherheit.

Daneben gibt es die zweite Kategorie. Das sind neue Techniken, die die gleiche Funktionalität günstiger realisieren als bisher. Also Innovationen zur Kostenreduktion. Diese sind für uns sehr wichtig, da wir aktuell keine vergleichbaren Margen pro Fahrzeug erzielen wie unsere Wettbewerber. Daran müssen wir arbeiten. Unsere Kosten sind heute schlicht zu hoch.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was bieten Sie Ihren zukünftigen, innovativen Lieferanten?

Maschka: Im Jahr eins von SHAPE war der Anteil an technischen Reduktionsmaßnahmen leider kleiner als geplant. Trotz intensiver Arbeit haben wir zu wenige technische Optimierungen realisieren können.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was war der Grund?

Maschka: Die Lieferanten hatten oft Ideen, die sie bei uns aus verschiedenen Gründen nicht platzieren konnten oder wir sie gelegentlich auch abgelehnt haben. Um das zu verändern und SHAPE realisieren zu können, müssen wir die Lieferanten motivieren, eine Idee frühzeitig uns vorzustellen oder diese auch wiederholt mit uns zu diskutieren.

Innerhalb von SHAPE haben wir deshalb das Programm Magic Three platziert. Magic Three beteiligt ausgewählte Lieferanten über drei Jahre in spürbarer Höhe an der Kostensenkung. Damit motivieren wir unsere Partner ihre Sache engagierter anzugehen und mit uns gemeinsam das Kostenniveau zu reduzieren

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gilt dieses Angebot für alle Ihre Lieferanten?

Maschka: Nein, das Angebot gilt für die Partner mit denen wir einen intensiven Austausch haben und erfolgreich auf allen Ebenen zusammenarbeiten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Haben Sie Ihre Lieferanten schon über diese „Erfolgsbeteiligung“ informiert?

Maschka: Wir sind aktuell in der Informationsphase. Wir fokussieren uns zunächst auf die für uns wichtigsten Themen und beginnen mit den wichtigsten Lieferanten zu sprechen. Und erst dann – wenn es sich bewährt – gehen wir in die Breite. Das kann Ende 2013 oder Anfang 2014 sein.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie viele Lieferanten zählen Sie zu Ihren wichtigsten?

Maschka: Wir starten zunächst mit etwa 40 bis 50 Lieferanten, die wir entsprechend unserer Strategie in den Prozess eingebunden haben. Die in meinem Vorstandsbereich Verantwortlichen der Commodity Einheiten Interior, Exterior, Powertrain, Chassis/Elektronik und Raw Material erarbeiten gerade Vorschläge, mit wem wir in die Pilotphase gehen werden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Um Kosten zu senken, reduzieren Sie auch die Komplexität bei Volvo. Was ist geplant?

Maschka: Wir haben wöchentliche Meetings zusammen mit den Bereichen Engineering und Programmplanung, um gemeinsam das Thema Komplexitätsreduktion voranzutreiben. Wir haben im vergangenen Dezember schon über 700 Teilenummern herausgenommen. Und die nächsten Maßnahmen kommen jetzt im Frühjahr zum Modelljahreswechsel.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie ist Ihr Einkauf aufgestellt? Haben Sie in USA, China und in Europa Einkaufsbüros?

Maschka: Eine globale Einkaufsorganisation ist erst im Entstehen. Derzeit sind es drei Standorte – Schweden, China und Malaysia. Malaysia aus historischen Gründen, denn dort haben wir auch einen kleineren Fertigungsstandort. Wir beginnen punktuell in Indien und der Tschechischen Republik, aber das sind keine vollumfänglichen Einkaufsbüros.

An diesen beiden Standorten fokussieren wir uns derzeit auf einzelne Funktionen wie das Outsourcing in den Bereichen Contract Administration und Payment bzw. Supplier Quality. In Zukunft werden wir aber globale Einkaufsbüros im Dollar-Raum und in anderen Ländern aufbauen.

Axel Maschka

Axel Maschka: "Unsere Kosten sind heute schlicht zu hoch. Daran müssen wir arbeiten." - Bild: Tobias Bugala

AUTOMOBIL PRODUKTION: Bis wann soll der globale Einkauf stehen?

Maschka: Unsere erste Planung war, diese Maßnahmen im Laufe der Jahre 2013, 2014 und 2015 zu realisieren. Aber die Optimierung der Kosten besitzt aktuell höhere Priorität und ist daher Stufe eins von SHAPE. Einkaufsbüros in einem Land machen Sinn, wenn wir dort mittelfristig auch einen Produktionsstandort am Laufen hätten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Werden Sie die Einkaufsbüros zusammen mit Geely nutzen?

Maschka: Zunächst werden wir Einkaufsbüros möglichst schlank in einzelnen Märkten und dort in den vorhandenen Räumen von nationalen Vertriebsgesellschaften einrichten. Der Einkauf von Geely ist heute im Wesentlichen auf China fokussiert und unter globalen Gesichtspunkten noch keine Organisation, auf deren Basis auch Volvo aufbauen könnte.

Aber natürlich würden wir mit Geely sprechen, wenn Geely bereits in einem Land vertreten wäre, in dem wir planen ein neues Einkaufsbüro zu installieren. Wann immer Synergien sinnvoll sind, werden wir diese konsequent nutzen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie quartieren sich bei Geely ein?

Maschka: Nein. Im ersten Schritt, wie gesagt, nutzen wir die räumlichen Möglichkeiten in den nationalen Vertriebsgesellschaften – also beispielsweise bei Volvo Cars in Brasilien oder bei Volvo Cars in Nordamerika. Darüber hinaus kann ich mir vorstellen, wenn Geely stärker in den Export geht, dass wir dann international zusammenarbeiten. Das beginnt nun in ersten kleinen Schritten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und was wäre diesbezüglich ein mittelfristiges Ziel?

Maschka: Zunächst ist mein Ziel, dass wir mit Geely dort gemeinsam einkaufen wo es Sinn macht. Zum Beispiel bei Rohmaterialien – Stähle, Lacke, Flüssigkeiten und ähnliches. Das ist ein wichtiger Schritt. Denn wir erkennen, dass Geely und Volvo sehr häufig die gleichen Lieferanten haben – beispielsweise bei Sitzen oder Armaturenbrettern. Auch der Roboterlieferant ist der Gleiche.

Wir müssen nun im nächsten Schritt versuchen auch bei der Spezifikation enger zusammenzuarbeiten und Spezifikationen so harmonisieren, dass zum Beispiel eine Sitzstruktur sowohl für Geely als auch für Volvo nutzbar ist und im Idealfalle auf dem gleichen Baukasten des Lieferanten basiert oder gar auf der gleichen Produktionslinie gefertigt werden kann. Denn damit können wir den Lieferanten wieder Skalenvorteile bieten und damit gemeinsam bessere Ergebnisse holen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie planen mittelfristig gemeinsame Plattformen?

Maschka: Ziel ist, dass wir soweit zusammenfinden, dass wir künftig wettbewerbsfähig neue Fahrzeugarchitekturen realisieren, die wir jetzt beginnen gemeinsam zu entwickeln – aber als Resultat getrennt zwischen Premium- und Volumenmarke mit den jeweiligen Marken-Kernwerten und unterschiedlichen Preisstrukturen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie entwickeln schon zusammen?

Maschka: Bisher war das nicht der Fall, aber das erste gemeinsame Engineering Center entsteht gerade in Lindholmen, in Göteborg, und dort wird eine gemeinsame Architektur für Kompaktfahrzeuge des C-Segments entwickelt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wann kommt dieses erste gemeinsame Auto?

Maschka: Es wird Modelle von Volvo und von Geely geben, aufbauend auf einer Grundstruktur, aber trotzdem grundverschieden. Wann welche Marke welches Fahrzeug auf den Markt bringen wird, möchten wir heute noch nicht beantworten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Bedeutet dies, dass zukünftig Volvo und Geely im C-Segment den Einkauf unter einem Dach bündeln werden?

Maschka: Volvo und Geely werden zusammen die Lieferanten aussuchen, aber bei der Auswahl der Teile unterschiedliche Anforderungen definieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie viel Volumen bringt Ihnen diese gemeinsame C-Segment-Plattform?

Maschka: Diese Antwort werden wir Ihnen zu einem späteren Zeitpunkt geben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie viele rein chinesische Lieferanten haben Sie bei Volvo?

Maschka: Der Anteil chinesischer Lieferanten wird kontinuierlich wachsen, ein Beispiel ist die kommende Lokalisierung von Motoren und Getrieben. Dafür bauen wir in den nächsten Jahren auch ein eigenes Werk auf. Ziel ist bis zum Jahr 2020 etwa ein Viertel des gesamten Volumens in China zu realisieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Also Ihre Lieferanten müssen sich auf jeden Fall warm anziehen?

Maschka: Lieferanten sind wichtige Partner von Volvo Cars, wir pflegen mit Ihnen eine gute, solide Zusammenarbeit. Im Vergleich mit unseren direkten Wettbewerbern haben wir einen sehr hohen Einkaufsanteil von gut 60 Prozent.

Insofern erwarten wir auch von unseren Lieferanten beste Performance, Innovationskraft und eine konstruktive Begleitung auf unserem Weg in die Zukunft.

Dafür bieten wir mit Volvo sowohl ein einzigartiges Wachstum im Premium-Segment, als auch eine Verbindung mit unserem Eigentümer Geely, der einen unvergleichlichen Zugang zum Wachstumsmarkt China und den dort expandierenden chinesischen Automobilherstellern hat.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Setzen Sie für Innovationen in der Sicherheitstechnologie andere Maßstäbe an, als bei sonstigen?

Maschka: Absolut. Es gibt Bereiche, wo wir gemeinsam mit dem Zulieferer auf Standard-Komponenten gehen. Und es gibt Bereiche, wo wir absolut die Besten sein wollen. Und in punkto Sicherheitstechnologie ist ganz klar: Da wollen wir für Volvo die beste Technologie haben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Koste es, was es wolle?

Maschka: Nein, natürlich nicht. Aber wir brauchen innovative Lösungen. Jede Innovation muss sich immer der Zahlungsbereitschaft der Kunden stellen – also einen reellen Gegenwert für den zu zahlenden Preis bieten. Volvo Kunden sind traditionell besonders an innovativen Sicherheitstechnologien interessiert, diese müssen aber bezahlbar bleiben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gibt es Lieferanten, die zwar Volvo aber nicht Geely beliefern möchten?

Maschka: Das ist grundsätzlich nicht relevant. Volvo hat andere Ansprüche als Geely.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Könnte das aber nicht zum Thema werden bei der Innovationssuche?

Maschka: Die Lieferanten haben doch auch ein starkes Interesse, dass Komponenten und Technologien mittelfristig im Volumen wachsen. Und wir sollten nicht vergessen, dass unabhängig von Marke und Fahrzeug, die Ansprüche der Kunden zunehmen.

Das Interview führte Bettina Mayer