VW Matthias Müller

VW-Chef Müller rechnet offensichtlich nicht damit, dass der Abgas-Skandal und die damit verbundene Krise des Autobauers schnell überstanden ist. Bild: Volkswagen

Die Abgas-Krise und ihre Folgen stellten die Mannschaft vor große Herausforderungen, erklärte Müller. Der Umbau des Konzerns binde Kapazitäten, und das laufende Autogeschäft verspreche "wenig Rückenwind", schrieb er nach der Vorlage der Eckzahlen am Freitag in einem Brief an die Belegschaft. Das Schreiben lag der Deutschen Presse-Agentur am Wochenende vor.

Der VW-Konzern hat für das Jahr 2015 wegen der Diesel-Krise über 16 Milliarden Euro zurückgestellt und den größten Verlust aller Zeiten eingefahren. "Das ist ohne jeden Zweifel schmerzhaft", sagte Müller. Er betonte: "Wir haben den festen Willen und wir haben die Mittel, um die schwierige Situation, in der wir uns aufgrund der Diesel-Thematik noch immer befinden, aus eigener Kraft zu bewältigen."

Analysten hatten teils mit noch mehr Rückstellungen gerechnet. Seit dem Ausbruch der Diesel-Krise gibt es Spekulationen, wonach VW für die Folgen des Debakels womöglich neue Aktien ausgeben muss, Marken in Teilen an die Börse bringen könnte - etwa das Lkw-Geschäft - oder sich unter Umständen von einzelnen Töchter ganz trennen müsste.

Am Donnerstag hatte VW in den USA, wo die Affäre um elf Millionen weltweit manipulierte Diesel aufgeflogen war, Eckpunkte einer Einigung mit Klägern ausgehandelt. "Damit sind wir noch nicht am Ziel, aber der Boden für die Beilegung juristischer Streitigkeiten in den USA ist bereitet", so Müller. "Wir haben deutlich machen können, dass wir willens und in der Lage sind, eine Lösung zu finden."

Auf seinem wichtigsten Markt China rechnet VW in diesem Jahr mit einem Absatzwachstum von über 6 Prozent. Nach der "Trendwende" seit Ende 2015 entwickle sich der größte Automarkt der Welt im Frühjahr weiter positiv, sagte Heizmann am Samstag vor der Eröffnung der internationalen Automesse in Peking. Der Markt werde 2016 ungefähr so wie die Wirtschaft insgesamt zulegen. Nach der Vorhersage der Regierung soll Chinas Wirtschaft zwischen 6,5 und 7 Prozent wachsen.

Müller selbst war nicht nach Peking gereist, er sollte am Rande der Hannover Messe mit US-Präsident Barack Obama zusammenkommen. Die Vereinigten Staaten sind 2016 Partnerland der Industrieschau. Am Montag werden Obama und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bei ihrem Rundgang nach dpa-Informationen aber nicht am VW-Stand vorbeischauen.

Für den Autobranchen-Analysten der NordLB, Frank Schwope, ist die Krise in Wolfsburg noch lange nicht ausgestanden: "Auch die Einigung in den USA ist lediglich ein Zwischenschritt eines Marathons, der sich auf die nächsten fünf bis zehn Jahre ausdehnen dürfte." Schwope rechnet mit Gesamtkosten infolge der Manipulationen von 20 bis 30 Milliarden Euro, wobei eher von einem Überschreiten auszugehen sei.

Müller betonte, dass Europas größter Autobauer ohne die Abgas-Affäre blendend dastünde. Ohne die gut 16 Milliarden Euro hohe Rückstellung hätte der Konzern das starke Vorjahresergebnis leicht übertroffen. "Das zeigt: Unser Geschäft ist kerngesund und ertragsstark." Er ging auch auf die Verschiebung der eigentlich für Ende April versprochenen Zwischenergebnisse ein, mit denen sich VW zur Schuldfrage äußern wollte. "Eine entsprechende Veröffentlichung wäre zum gegenwärtigen Zeitpunkt mit unvertretbaren Risiken für Volkswagen verbunden."

Müller rief zum Blick nach vorn auf: "Wir wollen und werden wieder angreifen! Eine Schlüsselrolle kommt unserer Strategie 2025 zu, die wir Ihnen und der Öffentlichkeit im Juni präsentieren wollen."

Zuletzt hatte es wegen des umstrittenen Sparkurses bei VW heftig zwischen dem Betriebsrat und VW-Markenchef Herbert Diess geknirscht. Diess gab sich nun selbstkritisch: Das Veränderungstempo bei VW führe "zu einer hohen Nervosität in der Arbeitnehmerschaft, zu einer hohen Belastung in der Arbeitnehmerschaft", sagte er am Sonntag in Peking. Einige Vorwürfe der Arbeitnehmerseite seien "auch sicher eine berechtigte Kritik". Er wolle künftig mehr nach innen kommunizieren.

Am Ende des Müller-Schreibens heißt es: "Der Weg vor uns ist kein einfacher. Aber am Ende wird ein Konzern stehen, der für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet ist. Wir werden das Rad nicht neu erfinden, aber wir werden es entscheidend weiterdrehen und Volkswagen mit seinen Marken gemeinsam wieder zum Strahlen bringen."