Elektroauto-Plattform MIH von Foxconn

Hochgestecktes Ziel: Die 2020 präsentierte MIH Open Platform soll nach dem Willen Foxconns das „Android-System der Elektroauto-Industrie“ werden. Bilder: Foxconn

Bis vor kurzem war Foxconn vor allem bekannt als Hersteller von Apples iPhone. Doch die Zukunft liegt für das taiwanesische Unternehmen, das in Asien auch unter dem Namen Hon Hai Technology Group bekannt ist, nicht mehr in der Auftragsfertigung für die großen Namen der Technologie. Foxconn will sich einen eigenen Namen machen – in der Elektromobilität. Einen Markenamen hat das Unternehmen dafür schon: Foxtron. Unter dieser Marke will Foxconn in den nächsten Jahren Elektrobusse und elektrische Pkw produzieren.

Die Rolle Foxconns in der E-Mobility-Welt fällt dabei vielseitig aus: So könnte das Technologie-Unternehmen Elektroautohersteller beliefern, gemeinsam mit ihnen Fahrzeuge oder Dienstleistungen entwickeln – oder gar mit ihnen konkurrieren. Das Unternehmen will nach eigenen Angaben bis spätestens 2027 Komponenten und Dienstleistungen für jedes zehnte Elektroauto der Welt liefern. „Wir müssen schnell handeln, um Marktanteile zu gewinnen“, sagte Foxconn-Chairman Liu Young-way im Oktober 2020.

Foxconn macht also Tempo, und gab in den letzten Monaten ein Projekt nach dem anderen bekannt. Bislang ging es dabei vor allem um Partnerschaften, sowie um Software und Technologie. Nun hat das Unternehmen aus Neu-Taipeh zudem angekündigt, eigene Elektrofahrzeuge bauen zu wollen.

Foxconn macht ersten Aufschlag mit drei Elektromodellen

Auf dem Hon Hai Tech Day Mitte Oktober präsentierte der Auftragsfertiger die Prototypen einer elektrischen Limousine, eines SUVs sowie eines Kleinbus, die allesamt mit dem Markenschriftzug Foxtron versehen sind. Die Marke ist das Joint Venture, das im Februar zwischen Foxconn und dem taiwanesischen Autobauer Yulon Motor gegründet wurde.

Die drei Fahrzeuge, die Foxtron ab 2023 bauen will, laufen unter Modellbezeichnungen, die sich stark am Portfolio des E-Auto-Pioniers Tesla orientieren: Das 4,64 Meter lange Elektro-SUV namens Model C soll besonders viel Raum für Insassen bieten und trotzdem mit hohen Leistungswerten auftrumpfen. Es soll von 0 auf 100 km/h in 3,8 Sekunden sprinten und auf eine elektrische Reichweite von beachtlichen 700 Kilometern kommen. Kosten wird das Model C umgerechnet um die 30.000 Euro und ist daher für den Massenmarkt ausgelegt.

Das Model E, das zusammen mit der italienischen Designschmiede Pininfarina konzipiert wurde, soll das Luxus-Flaggschiff von Hon Hai werden. Die Premiumlimousine will mit technologischen Features wie Türöffnung mittels Gesichtserkennung, smarten Fenstern oder nahtloser Smartphone-Integration punkten. Die 750 PS katapultieren das Model E von 0 auf 100 km/h in 2,8 Sekunden, die Batterie ermögliche laut Foxconn eine Reichweite von 750 Kilometern.

Der letzte im Bunde der gezeigten Prototypen ist das Model T, ein elektrischer Stadtbus, der schon im kommenden Jahr im Süden Taiwans zum Einsatz kommen soll. Der Bus kommt auf eine Reichweite von 400 Kilometern und eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h.  Foxconns Chef Liu Young zeigte sich zufrieden mit dem Gezeigten: „Hon Hai ist bereit und nicht länger das ‚New Kid in Town‘“.

Foxtron Model C
Das Elektro-SUV Model C soll Foxconns Einstieg in den Elektro-Massenmarkt werden.

Auf Partnersuche in aller Welt

Doch nicht nur mit eigenen Modellen will Foxconn im Business der Elektromobilität mitmischen. Die im Oktober 2020 präsentierte MIH Open Platform sei das „Android-System der Elektroauto-Industrie“, teilte Foxconn damals mit. Die Plattform könne künftig von verschiedenen Autobauern beim Bau von E-Limousinen und E-SUVs genutzt werden, das Ziel sei ein softwaredefiniertes offenes Ökosystem. Seither seien mehr als 1.600 Unternehmen der Branche Partner der MIH Alliance geworden, sagte Jack Cheng, Geschäftsführer der Elektroautosparte, im Juni auf der Automesse in Chongqing. Zu den Mitgliedsfirmen gehören die deutschen Zulieferer ZF, Continental und Leoni, der chinesische Batterieriese CATL oder US-Techfirmen wie Microsoft und Nvidia.

Geely und Foxconn nannten als ersten Kunden ihres Joint Ventures das gerade in den USA an die Börse gegangene Elektro-Startup Faraday Future, an dem Geely eine Beteiligung hält. Dessen erster E-SUV namens FF91 soll ab 2022 in den USA und China vom Band laufen. Im Februar gaben Geely und Foxconn dann eine Partnerschaft mit dem amerikanischen EV-Unternehmen Fisker zur Herstellung des zweiten Fisker-Modells mit dem ambitionierten Projektnamen PEAR (Personal Electric Automotive Revolution) bekannt. Produktionsstart sei frühestens 2023, hieß es. Foxconn plant nach den Worten von Liu Young aber auch eigene Stromer-Fabriken mitsamt Lieferketten in Amerika.

Stellantis profitiert von Foxconns Software-Knowhow

Im Mai unterschrieben der Autokonzern Stellantis und Foxconn eine Absichtserklärung zur Gründung eines Joint Ventures für vernetzte Unterhaltung und Information im Cockpit. Das Gemeinschaftsunternehmen mit Namen Mobile Drive werde die Expertise von Stellantis in Design und Engineering von Fahrzeugen mit Foxconns Knowhow für die sich schnell ändernden Software- und Hardware-Anforderungen von Smartphones und Unterhaltungselektronik kombinieren, teilte der Autokonzern mit. Nützen wird diese Kooperation bei einem Erfolg beiden: Foxconn gewinnt über die Zusammenarbeit mit einem traditionsreichen europäischen Autohersteller weitere Anteile auf dem Automobilmarkt. Stellantis wiederum strebt mehr Erfolg in China an, was den Konzernteilen um PSA oder Fiat-Chrysler nie wirklich gelungen ist. Und Foxconn kennt diesen Markt.

Im Mai kündigte die Firma außerdem ein Halbleiter-Joint-Venture mit dem ebenfalls taiwanesischen Komponentenhersteller Yageo an. Es soll kleine integrierte Schaltkreise herstellen, wie sie in Elektroautos, aber auch in anderen Tech-Produkten, enthalten sind. Und, weil all das noch nicht genug ist, will Foxconn bis 2024 auch noch eine Feststoffbatterie für Elektroautos entwickeln und auf den Markt bringen.

Vor dem Aus steht allerdings die Kooperation mit dem strauchelnden Elektro-Startup Byton. Dieses wollte Foxconn beim Aufbau der Serienproduktion des Erstmodells M-Byte unterstützen – unter anderem mit modernster Fertigungstechnologie. Doch nun greift der sich seit Jahren finanziell bei Byton engagierende Staatskonzern FAW dort zunehmend nach der Kontrolle. Kürzlich stellte FAW einen Mann aus den eigenen Reihen an die Spitze des Startups. Das gefiel Foxconn nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg gar nicht, so dass das die Firma im Juli sein Personal aus der Byton-Fabrik in Nanjing abzog.

Foxconn geht E-Auto-Produktion in Thailand an

Im Rahmen eines Joint Ventures mit dem in Thailand ansässigen Energieunternehmen PTT soll eine Produktionsstätte für Elektroautos sowie Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen im südostasiatischen Land aufgebaut werden. In das Großprojekt sollen nach Angaben der Unternehmen ein bis zwei Milliarden US-Dollar an Investitionen fließen. Beide Unternehmen hatten bereits im Juni eine Absichtserklärung unterzeichnet, um künftig gemeinsam eine Plattform für Elektroautos zu entwickeln.

In dem neuen Werk sollen komplette E-Fahrzeuge gebaut und für die Auslieferung vorbereitet werden. Dafür will Foxconn das eigene Knowhow in Sachen Fertigungsprozesse sowie bei Software- und Hardware-Technologien einbringen. PTT steuert Batterie- und Ladeinfrastruktur-Expertise bei. Nach eigenen Angaben soll es zwei bis drei Jahre dauern, bis eine erste Produktionskapazität von 50.000 Fahrzeugen pro Jahr erreicht werde, später sollen es gut 150.000 Einheiten jährlich werden.

„Der Produktionsstandort wird Foxconns Elektro-Ambitionen Wirklichkeit werden lassen“, kommentiert Bakar Sadik Agwan, Analyst beim Marktforschungsunternehmen GlobalData. „Foxconn geht seine Elektrifizierungspläne in letzter Zeit aggressiv an. Das Unternehmen wird in den USA und in Thailand mit der Herstellung von Elektrofahrzeugen beginnen und schließlich den europäischen Markt anvisieren.“

Auf welches Geschäftsmodell setzt Foxconn?

Jack Cheng – Auto-Veteran und Mitgründer des E-Startups Nio, das er immer noch berät – erklärte in Chongqing die Art von Diensten, die Foxconn Geschäftskunden anbieten wolle. Nach einem Bericht des Online-Fachmagazins CarNewsChina nannte er diese Lösungen „100 Prozent, 80 Prozent und 50 Prozent“. Bei dem 100 Prozent-Modell wird Foxconn demnach das gesamte Auto produzieren, das dann ein Elektro-Startup unter seiner eigenen Marke verkaufen kann. Das 80 Prozent-Modell bedeutet, dass der Kunde eigenes Design und Auto-Software erstellt – und Foxconn sich dann um die Herstellung kümmert. Im 50 Prozent-Modell lizensiert und verkauft Foxconn nur seine MIH-Plattform an ein EV-Startup.

„Wenn einige Startup-Unternehmen selbst Nutzer-Interface und Customer Experience machen möchten, können wir ihnen einfach die MIH-Plattform und eine Karosserie verkaufen“, erklärte Cheng laut CarNewsChina. Darüber hinaus wird das taiwanesische Unternehmen nun offenbar auch Elektroautos unter der Eigenmarke Foxtron vermarkten. Damit könnte Foxconn seinem eigenen Auftrags-Geschäftsmodell Konkurrenz machen. 

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