Elektroauto-Plattform MIH von Foxconn

Hochgestecktes Ziel: Die 2020 präsentierte MIH Open Platform soll nach dem Willen Foxconns das „Android-System der Elektroauto-Industrie“ werden. Bild: Foxconn

Bis vor kurzem war Foxconn vor allem bekannt als Hersteller von Apples iPhone. Doch die Zukunft liegt für das taiwanesische Unternehmen nicht mehr in der Auftragsfertigung für die großen Namen der Technologie. Foxconn will sich einen eigenen Namen machen – in der Elektromobilität. Einen Markenamen hat das Unternehmen dafür schon: Foxtron. Unter dieser Marke will Foxconn ab 2022 E-Busse produzieren und ab 2023 einen Elektro-SUV.

Doch welche Rolle Foxconn in der E-Mobility-Welt spielen will, ist bislang nicht ganz klar. Wird das Technologie-Unternehmen Elektroautohersteller beliefern, gemeinsam mit ihnen Fahrzeuge oder Dienstleistungen entwickeln – oder gar mit ihnen konkurrieren? Das Unternehmen will nach eigenen Angaben bis spätestens 2027 Komponenten und Dienstleistungen für jedes zehnte Elektroauto der Welt liefern. „Wir müssen schnell handeln, um Marktanteile zu gewinnen“, sagte Foxconn-Chairman Liu Young-way im Oktober 2020.

Foxconn macht also Tempo, und gab in den letzten Monaten ein Projekt nach dem anderen bekannt. Bislang geht es dabei vor allem um Partnerschaften, sowie um Software und Technologie. Im Januar 2021 kündigte Foxconn etwa ein Joint Venture mit Chinas größtem privaten Autobauer Geely an, um gemeinsam in Lizenz Autos für andere Hersteller zu bauen.

Foxconn sucht sich Partner in aller Welt

Herzstück für den Einstieg Foxconns in die Elektromobilität ist die im Oktober 2020 in Taipei präsentierte MIH Open Platform. MIH sei das „Android-System der Elektroauto-Industrie“, teilte Foxconn damals mit. Die Plattform könne künftig von verschiedenen Autobauern beim Bau von E-Limousinen und E-SUVs genutzt werden, das Ziel sei ein softwaredefiniertes offenes Ökosystem. Seither seien mehr als 1.600 Unternehmen der Branche Partner der MIH Alliance geworden, sagte Jack Cheng, Geschäftsführer der Elektroautosparte, im Juni auf der Automesse in Chongqing. Zu den Mitgliedsfirmen gehören die deutschen Zulieferer ZF, Continental und Leoni, der chinesische Batterieriese CATL oder US-Techfirmen wie Microsoft und Nvidia.

Geely und Foxconn nannten als ersten Kunden ihres Joint Ventures das gerade in den USA an die Börse gegangene Elektro-Startup Faraday Future, an dem Geely eine Beteiligung hält. Dessen erster E-SUV namens FF91 soll ab 2022 in den USA und China vom Band laufen. Im Februar gaben Geely und Foxconn dann eine Partnerschaft mit dem amerikanischen EV-Unternehmen Fisker zur Herstellung des zweiten Fisker-Modells mit dem ambitionierten Projektnamen PEAR (Personal Electric Automotive Revolution) bekannt. Produktionsstart sei frühestens 2023, hieß es. Foxconn plant nach den Worten von Liu Young-way aber auch eigene Stromer-Fabriken mitsamt Lieferketten in Amerika.

Stellantis profitiert von Foxconns Software-Knowhow

Im Mai unterschrieben der Autokonzern Stellantis und Foxconn eine Absichtserklärung zur Gründung eines Joint Ventures für vernetzte Unterhaltung und Information im Cockpit. Das Gemeinschaftsunternehmen mit Namen Mobile Drive werde die Expertise von Stellantis in Design und Engineering von Fahrzeugen mit Foxconns Knowhow für die sich schnell ändernden Software- und Hardware-Anforderungen von Smartphones und Unterhaltungselektronik kombinieren, teilte der Autokonzern mit. Nützen wird diese Kooperation bei einem Erfolg beiden: Foxconn gewinnt über die Zusammenarbeit mit einem traditionsreichen europäischen Autohersteller weitere Anteile auf dem Automobilmarkt. Stellantis wiederum strebt mehr Erfolg in China an, was den Konzernteilen um PSA oder Fiat-Chrysler nie wirklich gelungen ist. Und Foxconn kennt diesen Markt.

Im Mai kündigte die Firma außerdem ein Halbleiter-Joint-Venture mit dem ebenfalls taiwanesischen Komponentenhersteller Yageo an. Es soll kleine integrierte Schaltkreise herstellen, wie sie in Elektroautos, aber auch in anderen Tech-Produkten, enthalten sind. Und, weil all das noch nicht genug ist, will Foxconn bis 2024 auch noch eine Feststoffbatterie für Elektroautos entwickeln und auf den Markt bringen.

Vor dem Aus steht allerdings die Kooperation mit dem strauchelnden Elektro-Startup Byton. Dieses wollte Foxconn beim Aufbau der Serienproduktion des Erstmodells M-Byte unterstützen – unter anderem mit modernster Fertigungstechnologie. Doch nun greift der sich seit Jahren finanziell bei Byton engagierende Staatskonzern FAW dort zunehmend nach der Kontrolle. Kürzlich stellte FAW einen Mann aus den eigenen Reihen an die Spitze des Startups. Das gefiel Foxconn nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg gar nicht, so dass das die Firma im Juli sein Personal aus der Byton-Fabrik in Nanjing abzog.

Foxconn geht E-Auto-Produktion in Thailand an

Währenddessen macht der Auftragsfertiger in Thailand bereits Nägel mit Köpfen: Im Rahmen eines Joint Ventures mit dem dort ansässigen Energieunternehmen PTT soll eine Produktionsstätte für Elektroautos sowie Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen im südostasiatischen Land aufgebaut werden. In das Großprojekt sollen nach Angaben der Unternehmen ein bis zwei Milliarden US-Dollar an Investitionen fließen. Beide Unternehmen hatten bereits im Juni eine Absichtserklärung unterzeichnet, um künftig gemeinsam eine Plattform für Elektroautos zu entwickeln.

In dem neuen Werk sollen komplette E-Fahrzeuge gebaut und für die Auslieferung vorbereitet werden. Dafür will Foxconn das eigene Knowhow in Sachen Fertigungsprozesse sowie bei Software- und Hardware-Technologien einbringen. PTT steuert Batterie- und Ladeinfrastruktur-Expertise bei. Nach eigenen Angaben soll es zwei bis drei Jahre dauern, bis eine erste Produktionskapazität von 50.000 Fahrzeugen pro Jahr erreicht werde, später sollen es gut 150.000 Einheiten jährlich werden.

„Der Produktionsstandort wird Foxconns Elektro-Ambitionen Wirklichkeit werden lassen“, kommentiert Bakar Sadik Agwan, Analyst beim Marktforschungsunternehmen GlobalData. „Foxconn geht seine Elektrifizierungspläne in letzter Zeit aggressiv an. Das Unternehmen wird in den USA und in Thailand mit der Herstellung von Elektrofahrzeugen beginnen und schließlich den europäischen Markt anvisieren.“

Auf welches Geschäftsmodell setzt Foxconn?

Jack Cheng – Auto-Veteran und Mitgründer des E-Startups Nio, das er immer noch berät – erklärte in Chongqing die Art von Diensten, die Foxconn Geschäftskunden anbieten wolle. Nach einem Bericht des Online-Fachmagazins CarNewsChina nannte er diese Lösungen „100 Prozent, 80 Prozent und 50 Prozent“. Bei dem 100 Prozent-Modell wird Foxconn demnach das gesamte Auto produzieren, das dann ein Elektro-Startup unter seiner eigenen Marke verkaufen kann. Das 80 Prozent-Modell bedeutet, dass der Kunde eigenes Design und Auto-Software erstellt – und Foxconn sich dann um die Herstellung kümmert. Im 50 Prozent-Modell lizensiert und verkauft Foxconn nur seine MIH-Plattform an ein EV-Startup.

„Wenn einige Startup-Unternehmen selbst Nutzer-Interface und Customer Experience machen möchten, können wir ihnen einfach die MIH-Plattform und eine Karosserie verkaufen“, erklärte Cheng laut CarNewsChina. Unklar ist aber weiterhin, wie Foxconn damit umgehen wird, später Autos unter der Eigenmarke Foxtron zu vermarkten. Damit würde das Unternehmen den eigenen Kunden Konkurrenz machen. Man darf gespannt sein.

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