Eine Straßenkarte mit grünen E-Autos als Aufstellern.

Die Anzahl der Elektroautos könnte die Stromversorgung aus regenerativen Quellen überlasten. Bild: AdobeStock / bluedesign

Unter Wissenschaftlern ist eine Debatte über die CO2-Bilanz von Elektroautos entbrannt. Thomas Koch vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) hatte der Politik zusammen mit 170 Wissenschaftlern grundlegende Rechenfehler vorgeworfen und sich in einem offenen Brief an die EU-Kommission gewandt. Denn die EU ist gerade dabei, ihre CO2-Vorgaben für die neu zugelassenen Autos in Europa noch einmal zu verschärfen.

„Die Zahlen suggerieren ein Einsparpotenzial, das wir nicht haben“, betont Koch. Der Strommix sei schlicht falsch berechnet worden. „Die Frage ist nicht: Elektroauto oder Verbrenner. Die Frage ist: fossil oder nicht.“ Prompt erntete er Kritik. „Der Brief ist hochgradig peinlich. Es ist ein wissenschaftlich verbrämtes Lobbyistenschreiben, welches krampfhaft versucht, die Kolbenmaschinen (Lehrstuhldenomination von Prof. Koch des KIT) zu retten“, so Christian Rehtanz von der TU Dortmund.

Argumente für beide Ansichten

Andere Wissenschaftler äußerten Verständnis für beide Seiten: So schreibt Martin Wietschel vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in einem Beitrag für das Science Media Center, dass der von Elektroautos verursachte CO2-Ausstoß vom Strommix insgesamt sowie vom Grenzstrommix – dem zusätzlich nötigen Strom – abhängen könne.

Es gäbe Argumente für beide Positionen, resümiert Wietschel. Wissenschaftlicher Standard sei aber die Verwendung der Durchschnittsemissionen, da sich Grenzstromemissionen nicht klar zuordnen ließen und E-Autos künftig als flexible Speicher für überschüssige Wind- und Sonnenenergie dienen könnten.

Elektromobilität um jeden Preis

Koch und seine Mitstreiter hatten kritisiert, die CO2-Emissionen durch elektrische Verbraucher würden durch einen vereinfachten Mittelwertansatz viel zu niedrig berechnet. Patrick Jochem vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt schreibt: „Der Artikel greift einen validen Punkt auf“, greife aber an einer Stelle zu kurz. Denn E-Autos könnten die Energiewende in der Stromerzeugung beschleunigen und zu negativen marginalen Emissionen führen, „insbesondere, wenn man die E-Pkw als mobile Speicher“ in das Energiesystem integriere.

Einig seien sich die Wissenschaftler laut Koch, dass das Klima geschützt und der CO2-Ausstoß gesenkt werden müsse. "Dafür brauchen wir auch das E-Auto." Aber die Vorgaben würden die Elektromobilität auch da favorisieren, wo es dem Klima gar nichts nütze. Während die EU-Kommission bei ihren Vorgaben davon ausgehe, dass der Strom „sauberer“ werden wird, widerspricht der Forscher des KIT. Denn der Strombedarf wird noch mehr steigen – und dann stimme die ganze Rechnung nicht mehr.

Genügend Ökostrom bleibt ein Knackpunkt

Es steht und fällt also mit der Menge an Ökostrom: Bereits auf der Bilanzpressekonferenz mahnte Volkswagen-Chef Herbert Diess, dass die Umstellung auf E-Antriebe keinen großen Sinn ergebe, wenn die Fahrzeuge mit Strom aus Kohle oder Öl geladen werden. Auch BMW-Chef Oliver Zipse äußerte jüngst im Interview mit dem Donaukurier Bedenken. Er habe „große Sorge“, ob es genug Ökostrom geben werde. „Ein moderner Diesel ist klimafreundlicher als ein Elektrofahrzeug, das mit Kohlestrom geladen wird.“ Dass die E-Mobilität unter dieser Prämisse keine umweltfreundliche Alternative sei, hatte im vergangenen Jahr bereits das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel moniert.

Unterstützung erhalten die beiden Manager zudem vom Verband der Automobilindustrie (VDA). Dieser fordert, die Menschen müssten ihre E-Autos mit Ökostrom laden können. „Der Appell der Wissenschaftler an die EU-Kommission macht einmal mehr deutlich, wie dringlich der schnelle Ausbau der erneuerbaren Energien ist“, heißt es seitens des Verbands. Mit Atomstrom oder synthetischen Kraftstoffen sähe die Rechnung ebenfalls besser aus, ergänzt Koch diesen Gedankengang. Letztere würden 25 Prozent CO2 einsparen. Aber das seien letztlich politische Entscheidungen.

Klimaziele erfordern zusätzliche Elektroautos

Bis 2030 will die Bundesregierung zehn Millionen Elektroautos auf der Straße haben. Der Strombedarf in Deutschland werde dadurch von 56 auf 57 Gigawatt zulegen, prognostiziert Koch. In 6.000 von 8.760 Stunden im Jahr werde es neben Ökostrom somit mehr Strom aus fossilen Kraftwerken brauchen. Die realen CO2-Emissionen wären in der Summe doppelt so hoch.

Dabei könnten die EU-Pläne dies sogar noch zuspitzen: Die von der EU-Kommission vorbereitete Verschärfung der Grenzwerte „kann einen nochmals deutlich schnelleren Hochlauf erforderlich machen“, heißt es jüngst im Berichtsentwurf der Arbeitsgruppe der Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität (NPM). Berater der Bundesregierung erwarten, dass 2030 schon über 80 Prozent aller neu zugelassenen Autos in Deutschland Elektroautos sein müssen. Damit wäre „ein Bestand von circa 14 Millionen E-Pkw in 2030 für die Erreichung der Klimaziele erforderlich".

Autohersteller debattieren über Verbrennerausstieg

Mit 453.000 verkauften Elektro- und Plug-in-Fahrzeugen im ersten Quartal ist Europa dem E-Primus China dicht auf den Fersen. Nach Ländern ist Deutschland bereits zweitgrößter E-Auto-Markt der Welt – mit fast 250.000 neu zugelassenen E-Autos bis Ende Mai. Volkswagen gehört inzwischen zu den Treibern dieser Entwicklung. Bis 2030 will der OEM nur noch ein Drittel seiner Autos mit Benzin- oder Dieselmotor verkaufen. Mercedes-Benz und BMW peilen einen Anteil von etwa 50 Prozent an.

Einen festen Termin für das Ende des Verbrenners wollen die Konzerne allerdings nicht festlegen – lediglich Audi prescht voran und nennt mit China sogleich die erste Ausnahme. Zu unterschiedlich sind die Märkte und die Wünsche der Kunden, zu unterschiedlich auch die politischen Vorgaben. Dazu kommt noch die Ladeinfrastruktur, die in vielen Ländern fehlt – auch in Europa.

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