Wir sind vorsichtig optimistisch 1

Interview mit Josef Edbauer, Leiter GF Automotive der Georg Fischer AG

 

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Edbauer, was erwarten Sie für 2010 in Ihrem Geschäft ? auch im Hinblick auf den vor allem in Westeuropa prognostizierten Absatzeinbruch 2010 von bis zu 1,7 Millionen Pkw gegenüber 2009?

Die Entwicklung ist sowohl regional als auch in Bezug auf die Produktgruppen differenziert zu betrachten. Der deutsche beziehungsweise europäische Markt wird in 2010 noch anspruchvoll bleiben. Wir gehen bei den Kleinfahrzeugen durch das Auslaufen der Abwrackprämie von einem Rückgang aus, was GF Automotive aber nicht so sonderlich betreffen sollte, da wir in diesem Fahrzeug-Segment nicht allzu zu stark vertreten sind. Wir sehen eher die Chance eines leichten Zuwachses im Bereich der Mittel- und Oberklasse-Fahrzeuge. Viele Flottenfahrzeuge stehen zum Austausch an. Deshalb sind wir auch vorsichtig optimistisch, schließen aber einzelne Rückschläge nicht aus.

AUTOMOBIL PRODUKTION: 2009 brach Ihr Konzern-Umsatz um 35 Prozent, der im Bereich Automotive sogar um 42 Prozent ein; GF und Ihr Bereich schrieben operative Verluste von 200 respektive 60 Millionen Schweizer Franken. Mit welchen Maßnahmen begegnen Sie bei Georg Fischer Automotive der andauernden Krise?

Zum einen zeigen bereits durchgeführte Maßnahmen ihre Wirkung ¬ so zum Beispiel die Verlagerung unserer Aktivitäten von Kanada nach China oder auch den Verkauf eines Werkes in Österreich. Hinzu kommen noch weitere Maßnahmen zur Steigerung der Effizienz an allen Produktionsstandorten. Wir sind mit dem umgesetzten Strukturprogramm gut gerüstet. Bereits das zweite Halbjahr 2009 zeigte eine deutliche Verbesserung wichtiger Kennzahlen. Letztendlich muss die Lage immer wieder neu beurteilt werden und wir müssen jederzeit flexibel reagieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche weiteren Maßnahmen im Bereich Automotive sind nötig, um wieder eine positive EBIT-Marge zu erreichen?

Dieses Ziel ist in unserer Branche sicher herausfordernd. Um es zu erreichen, haben wir innerhalb der gesamten Unternehmensgruppe GF Automotive ein intensives Programm zur Verbesserung aller Abläufe durchgeführt. Unter Vorbehalt einer Stabilisierung auf dem Markt, wird sich die Ertragslage somit gegenüber dem Jahr 2009 deutlich verbessern. Ausgehend von realistischen Marktpreisen, wollen wir natürlich eine positive EBIT-Marge mit innovativen Produkten und Lösungen erreichen, die unseren Kunden einen direkten Mehrwert generieren. Zudem wollen wir neue Märkte ? vor allem in Asien ? ausbauen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie partizipieren Sie an Wachstumsmärkten, etwa an China, Indien? Wie stellen Sie sich in den anderen BRIC-Märkten auf, etwa Brasilien, Russland? Sind die USA ein Thema? Und wo sehen Sie dort jeweils noch Wachstumspotenziale für GF?

Der erste von Hand vollzogene Guss im jungen Eisengießerei-Werk von Georg Fischer Automotive im chinesischen Kunshan, Provinz Jiangsu.

Die asiatischen Märkte sind für GF Automotive von großer Bedeutung. Speziell China ist der Wachstumsmarkt Nummer eins. Hier existiert ein massiver Bedarf der Bevölkerung nach Mobilität. Dies gilt sowohl im Kleinwagen als auch im Mittel- und Oberklasse-Segment. Seit 2005 betreibt GFAU in Suzhou/China eine eigene Leichtmetall-Gießerei. Der Ausbau hat bereits die dritte Ausbaustufe erfolgreich abgeschlossen. Seit dem Frühjahr 2009 haben wir auch einen zweiten Standort in China, in Kunshan; dort für Produkte aus Eisenguss. Aus den logistisch sehr gut angebundenen beiden Standorten nahe Shanghai können auch andere asiatische Märkte beliefert werden. Das Wachstum in Indien steht im Fokus unserer Beobachtung, wir haben aber auch andere Märkte im Blick.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Mit welchen Innovationen wollen Sie bei Ihren Kunden künftig punkten? Auf welche Technik/Verfahren, Prozesse setzen Sie hinsichtlich Leichtbau, Hybrid (-fahrzeuge & -materialien) sowie der künftigen Nische E-Auto?

Natürlich wollen wir bei unseren Kunden auch weiterhin mit innovativen technischen Lösungen punkten. Darüber hinaus aber auch mit hoher Zuverlässigkeit und absoluter Kundenorientierung. GF Automotive liefert heute schon anspruchsvolle Getriebegehäuse, welche die ?Elektrifizierung? unterstützen, etwa bei einem unserer namhaften Kunden. Der Anspruch hier liegt besonderes auf Leichtbau und einer effizienten Kühlung. Stichworte hier sind Verbundguss und eingegossene Rohre zur Kühlung. Auch wenn sich Radnabenmotoren durchsetzen würden, arbeitet GF Automotive schon an Lösungen für dazugehörige Fahrwerksteile. Der höhere Bedarf im Leichtbau und die damit verbundene Reduktion von CO2 fordern verstärkt Bauteile für Hybridfahrzeug, aber auch leichtere, sicherheitsrelevante Bauteile.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was heißt das etwa hinsichtlich der eingesetzten Werkstoffe?

Durch unsere leistungsfähige FuE sind wir in der Lage, auch Werkstoffe zu entwickeln, die den Trend des Leichtbaus im Downsizing unterstützen. Als ein Beispiel sei hier unser Werkstoff SiMo 1000 genannt, der momentan überwiegend auf der Heiß-Seite des Motors (Krümmer, Turboladergehäuse) zum Einsatz kommt. Dieser zeichnet sich speziell durch eine höhere Temperaturbeständigkeit aus. Schlussendlich streben wir für unsere Kunden eine hohe Funktionsintegration an. Dies hat auf die gesamte Supply Chain einen positiven Einfluss.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sehen Sie als Gießer eine Verschiebung beim Materialeinsatz, etwa hin mehr Aluminium und Magnesium, oder doch zurück zu Eisen, Stichworte: hochfeste, leichte Materialien etc.?

Aluminium und Magnesium spielen im Leichtbau eine bedeutende Rolle. Doch auch mit Eisen sind nach wie vor erhebliche Gewichtseinsparungen möglich ? zum Beispiel durch Weiterentwicklung von Werkstoffen oder auch das Bionik-Design. Eisen weist bei den Materialkosten oft Vorteile aus, wobei die Verwendung des eingesetzten Materials natürlich aus den konkreten Anforderungen entsteht. Meines Erachten haben auch zukünftig alle Werkstoffe ihre Daseinsberechtigung und aus diesem Grund haben wir eben auch Eisen, Aluminium und Magnesium in unserem Portfolio.

 

Am größten Standort von GF Automotive im deutschen Singen: 1.300 Beschäftigte fertigen dort Schwenklager, Querlenker, Radnaben, Bremssättel und andere, hoch beanspruchbare Pkw- und Nutzfahrzeug-Eisengussteile. - Bilder: Georg Fischer

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche weiteren Trends zeichnen sich aus Ihrer Sicht ab?

Die CO2-Reduktion ist nach wie vor hochaktuell. Aus diesem Grund wird es weitere Schritte zum kostenoptimierten Leichtbau in Karosserie, Fahrwerk und Antrieb geben; dies verstärkt bei den Mittelklasse- und Premium-Anbietern. Allerdings zeigt auch die starke Nachfrage bei verbrauchsoptimierten Kleinwagen unter anderem, dass Komponenten aus Eisen nach wie vor sehr gefragt sind. Denn dieser Werkstoff ist kostengünstiger und kann durch unsere Materialverbesserungen inzwischen auch gewichtsoptimiert hergestellt werden. GF Automotive profitiert von beiden Themen, da wir in unserem Portfolio die Kombination aus Werkstoff, Verfahren und Produkten haben. Unter anderem sehen wir klar den Trend des ?Downsizing? von Motoren und der Turboaufladung. Darauf haben wir uns mit neuen Werkstoffen wie SiMo1000 und optimierten Verfahren darauf eingestellt und uns leistungsstark positioniert. Ein anderes Beispiel ist eben der Leichtbau im Karosseriebereich, den wir mit den Werkstoffen Aluminium und Magnesium im Druckguss abdecken.

Das Gespräch führte Andreas Gottwald ?