| von Christian Klein und Frank Volk

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wo entsteht neuer Regelungsbedarf zwischen Unternehmen und Betriebsrat durch die Anforderungen der Smart Factory?
Digitalisierung kann körperlich entlasten, dafür aber umso stärker psychisch belasten. Hier brachten wir mit dem Unternehmen bereits erste Regelungen auf den Weg, um diesen Gefahren präventiv zu begegnen. Darüber hinaus sind wir gerade dabei, erste digitale Testpiloten auszuwerten, um daran Regelungen festzumachen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Es gibt also Testphasen und dann wird beschlossen. Um welche Bereiche geht es da?
Ein Beispiel ist die Mensch-Roboter-Kooperation in unserer Smart Factory. Hier arbeiten mittlerweile Mensch und Roboter reibungslos Hand in Hebel.
Uns war es wichtig, dass die Kollegen gleich von Anfang an in den Prozess eingebunden werden. Sprich – wie funktioniert der Roboter, wie, wo, wann kann er mich unterstützen und vor allem, wer steuert wen? Gibt der Robby die Schlagzahl vor oder der Mensch? Das Ergebnis: Der Roboter entlastet ergonomisch unsere Kollegen, nimmt ihnen nicht die Arbeitsplätze weg und vor allem geben die Menschen den Takt weiterhin vor. Das war ein Prozess ganz nach meinem Geschmack und das muss so auch zukünftig geregelt werden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was wird eines der nächsten Pilotprojekte im Zusammenhang mit der Digitalisierung sein?
Der Gedanke der Modularen Montage. Nach über 100 Jahren Fließband beginnen unsere Audi-Planer, Henry Fords einstige Revolution in Rente zu schicken und mit einer neuen Form der Produktion aufzuwarten. Da bin ich wirklich stolz auf unsere Audianer. Denn der Ansatz ist interessant, weil er Produktivität fürs Unternehmen bringt und gleichzeitig die Werker von der Taktgebundenheit entkoppelt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die Smart Factory macht auch Mitarbeiter transparenter. Wo ist da die Grenzziehung zwischen berechtigtem Interesse an Effizienzsteigerung und Mitarbeitergängelung?
Mitarbeitergängelung darf es nicht geben. Ganz einfach. Deshalb sind wir als Betriebsrat auch gefordert, an der einen oder anderen Stelle klare Grenzen zu ziehen. Von vornherein das zu tun, wäre jedoch wenig förderlich. Daher setzen wir auf Pilotphasen, egal ob in der Produktion oder im Büro. Bevor dann Arbeitsmodelle in Serie gehen, beschließen wir Betriebsräte zusammen mit Unternehmensvertretern in unseren Kommissionen und Ausschüssen, wie der dazugehörige Regelprozess aussehen sollte.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie muss sich ein „Betriebsrat 4.0“ ausrichten?
Nach vorne. Digitalisierung ist ein kultureller Wandel und geht einher mit neuen Formen der Kommunikation und Information. Klar bin ich auch auf Twitter unterwegs und die Informationsbroschüren des Betriebsrats erscheinen hauptsächlich digital. Doch Formate, wie unser „BR im Dialog“ oder meine Bereichsbesuche, bei denen ich die Sorgen der Kollegen direkt erfahre, sind unersetzlich. Je fortschreitender die Digitalisierung, desto wichtiger ist der direkte soziale Kontakt und die Face-to-Face-Kommunikation. Das gilt auch für die neuen Formen der Beteiligung. Beispielsweise haben wir im Vorfeld unserer Betriebsvereinbarung zum mobilen Arbeiten, die das Ende der Präsenzkultur im Büro einläutet, ein World Café veranstaltet.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie funktionieren World Cafés?
Das ist eine Gruppenmethode. Per Zufallsgenerator wurden betroffene Beschäftigte eingeladen, die in Sechsergruppen Fragestellungen wie „Wie wollt ihr in Zukunft mobil arbeiten?“ erarbeitet haben. Die Ergebnisse brachten wir Betriebsräte anschließend in die Verhandlungen zur spezifischen Betriebsvereinbarung mit dem Unternehmen ein. Das ist gelebte Mitbestimmung.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Brauchen wir in Deutschland langfristig eine Robotersteuer oder gar ein bedingungsloses Grundeinkommen?
Eine Maschinen- oder Wertschöpfungssteuer wird immer wieder ins Feld geführt, um ein bedingungsloses Grundeinkommen zu finanzieren. Das aber wäre nur notwendig, wenn die Maschinen uns Menschen ersetzen sollten. Und genau das darf nicht passieren. Arbeit ist indentitätsstiftend und erfüllend, wenn wir sie in richtige Bahnen lenken. Deshalb klingen für mich diese Maschinen- oder Wertschöpfungssteuerfantasien eher nach einer Utopie.

Vita von Peter Mosch, Betriebsratschef von Audi

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